Kinderärzte: Viele Kinder werden voreilig zur Therapie geschickt

Kein Rezept als Freifahrtschein

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Neue Wege gehen. Der Qualitätszirkel der Kinder- und Jugendärzte Waldeck-Frankenberg möchte künftig weniger Rezepte für Therapien verschreiben. Das Bild zeigt (v.l.) Silvia Satin, Erich Enders, Rüdiger Lorenz, Cornelia Grünler, Jörg Hallmann, Hans-Friedrich Kobel, Mathias Bauer, Meike Bökemeier, Cathrin Wilke, Claudia Tewes.

Korbach - Treffen sich zehn Kinderärzte und drei Journalisten in einem Hotel. Sagt der eine… Was wie ein Witz beginnt, ist ein ernstes Thema, über das geredet werden sollte, aber die Diskussion endet für die Journalisten im Desaster.

Fußball ist heute Abend egal. Wolfsburg oder Bielefeld im Pokalfinale, wie unbedeutend ist diese Paarung im Vergleich zu der Frage: Erhalten Kinder heutzutage nicht zu voreilig eine Therapie, ob Ergo, Logo oder Physio?

Der Qualitätszirkel der Kinderärzte Waldeck-Frankenberg stellt diese Frage und will in einem Raum eines Korbacher Hotels dieses Problem vorstellen und Antworten darauf suchen. Die Mediziner für den Nachwuchs im Landkreis treffen sich alle drei Monate, tauschen dabei ihre beruflichen Sorgen und Erfolge aus oder bilden sich gemeinsam durch Vorträge fort.

Heute haben sie die Presse zu ihrem Treffen eingeladen, denn auf ihnen lastet ein Druck, den sie unbedingt loswerden möchten, er entweicht aber nur, wenn sie den Weg in die Öffentlichkeit wählen. Es hat sich nämlich in der Praxis etwas eingeschlichen, was die Kinderärzte gern rückgängig machen wollen.

Sie nennen dazu ein Beispiel: Es kommt eine Mutter mit ihrem Kind zur Vorsorgeuntersuchung und am Ende sagt sie wie selbstverständlich: „Ach, Herr Doktor, ich brauche noch schnell das Rezept für den Logopäden oder den Ergotherapeuten.“ - Ja, natürlich. Und schon fliegt das Papier in die Elternhände. Stopp! - sagen die Kinderärzte nun an diesem Punkt, das kann so nicht mehr weitergehen. Eine Therapie setze immer eine ärztliche Diagnose voraus und die finde nicht mehr statt, betonen die Mediziner.

Die Eltern erhielten stattdessen eine pädagogische Beobachtungsstudie über ihr Kind von Erzieherinnen und Lehrern, die ihnen dann solche Tipps geben: Ihr Kind ist bewegungsauffällig, gehen Sie mal lieber zum Ergo­therapeuten, oder Ihr Fünfjähriger spricht das „S“ noch nicht sauber aus, versuchen Sie es mal mit logopädischer Hilfe.

Dadurch fühlen sich die Eltern unter Druck gesetzt, sie besorgen sich einen Therapieplatz, die Kosten sind egal, schließlich zahlt die Krankenkasse, aber nur wenn sie ein Rezept vom Arzt haben.

Das ist kein medizinisches Problem, sondern ein gesellschaftliches

Und diesen Zettel wollen die Kinderärzte im Landkreis künftig nicht als Freifahrtschein herausgeben. Ihr Grund ist plausibel, allerdings auch nur geschätzt: Rund 20 Prozent der Patienten seien in Therapie und die Ärzte meinen, dass die Hälfte dieser Kinder keine Therapie benötigt.

Die Mediziner weisen darauf hin, ihre Kritik richte sich nicht gegen Lehrer, Therapeuten oder Eltern, im Gegenteil, alle sollten gemeinsam an einer Problemlösung mitarbeiten.

Der Qualitätszirkel hat für diese Diskussion keine Elternvertreter, Pädagogen oder Erzieherinnen eingeladen. Und als es nach der Problemdarstellung darum geht, ein wenig Ursachenforschung zu betreiben, fehlt der Gegenwind. Keine Stimme da, die den Ärzten Widerworte gibt.

Doch da sitzt ja noch das Journalisten-Trio. Noch Fragen? Ja, natürlich. Wie hoch ist der Anteil der Jungen bei den Therapieteilnehmern? Sehr hoch, er liegt etwa bei 80 Prozent in der Ergotherapie. Einige Fragen später sagt einer der Journalisten einen Satz ohne Fragezeichen und wirft die Aussage in den Raum: „Dies ist kein medizinisches Problem, sondern ein gesellschaftliches.“

Mit diesem Satz verlässt er den journalistischen Standpunkt als neutraler Beobachter, erzählt seine Sicht der Dinge aus dem Blickwinkel eines Pädagogen - „das bin ich und meine Frau ist auch Lehrerin“ -, redet als ehemaliger Elternbeiratsvorsitzender in Schule und Kindergarten und macht sich so gemein mit der Sache. Das verdient nicht gerade den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis.

Auch die beiden anderen Journalisten privatisieren sich, sie schlüpft in die Mutterrolle und erzählt über ihre Erfahrungen mit Kindergärten und Schulanfang, der andere erhebt den Zeigefinger als Warner, dass die Ärzte die Kindererziehung vor dem Computerzeitalter doch bitte schön nicht so in den Himmel heben sollten, denn die Eltern damals hätten sich bei Weitem nicht so gut um ihre Kinder gekümmert wie die Mehrheit der heutigen es täten und die Prügelstrafe sei schließlich noch gang und gäbe gewesen. Dennoch bleiben die Ärzte bei einer Meinung: „Den heutigen Kindern geht es nicht gut!“

Mit der Journaille als Gegenpol werden noch einige Argumente ausgetauscht. Soll der Staat den Eltern-Führerschein zur Pflicht machen? Die Ärzte beklagen genauso wie die Pädagogen, dass sie bei den Eltern eine Menge Sozial- und Erziehungsarbeit leisten müssen.

„Es ist unglaublich, aber manchen Eltern muss ich die einfachsten Dinge sagen, wie etwa lesen Sie Ihrem Kind etwas vor, singen Sie mit ihm und gehen Sie am Tag mindestens ein Stunde mit ihm vor die Tür, egal bei welchem Wetter.“ Auch die staatlichen Einrichtungen müssten sich verändern. „Hilfe für Eltern sollte von ihnen auch als Hilfe erkannt werden. Das Jugendamt ist doch für viele Eltern ein Feind.“

Schließlich wird noch die Forderung laut, wenn die Bewegungsarmut bei den Kindern so groß ist und viele negative Folgen damit verbunden sind, warum ernennen wir den Sport in Schulen nicht mit acht Wochenstunden zum Hauptfach, gleichberechtigt neben Mathe und Deutsch. Dieser Vorschlag wird von einigen Diskussionsteilnehmern sofort bombardiert. „Sport ist doch Sache der Eltern, nicht der Schule“ - „Nein, auf keinen Fall, wer nicht so sportlich ist, hätte dann erhebliche Nachteile!“ - Übrigens, wer rechnerisch nicht so gut ist, hat diese Nachteile auch.

Aus diesen ablehnenden Worten hört man auch die Leistungsgesellschaft heraus, dazu zählen wir alle, darauf wurden und werden wir schon als Kind dressiert. Sie erzeugt den Leistungsdruck und den könnten wir zumindest bei den Kindern mindern.

Der erste Schritt: Auf PISA und Konsorten verzichten, was sollen diese dummen Vergleiche mit anderen Kindern und Ländern? Aber wollen Eltern solche Veränderung überhaupt? Haben sie nicht viel zu viel Angst vor einer Schule ohne Noten, vor einer Schule für alle Kinder?

Gegen Ende der Diskussion bekommen sich die Journalisten wieder halbwegs in den Griff. Und sie stellen die entscheidende Frage dieser Veranstaltung: „Schreiben die Kinderärzte in Waldeck-Frankenberg künftig keine Rezepte mehr für Therapien ohne eigene Diagnose? Die Antwort: Ein überzeugendes Nein hört sich anders an. (rsm)

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