Elternbefragung, Analyse und Prognose zur Kinderbetreuung in Korbach

Kindergärten: Blick in die Zukunft

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Korbach - Korbachs Kinder sollen künftig möglichst kostenlos betreut werden – von der Wiege bis zur Einschulung. Das ist der politische Wunsch. Doch kann die Kreisstadt millionenschwere Mehrkosten auch finanzieren?

Das war im wahrsten Sinne ein Pfund, das Bürgermeister Klaus Friedrich am Donnerstagabend im Parlament auf den Tisch legen ließ. Auf 241 Seiten haben Kulturamtsleiterin Ute Ehringhausen und Carmen Möller (Controlling) Lage und Entwicklung der Korbacher Kindergärten analysiert. Dahinter stehen Anträge aus den Fraktionen. Die FWG forderte schon Anfang 2011 ein detailliertes neues Kindergartenkonzept. Im Februar 2012 berieten die Stadtverordneten einen umfangreichen Fragenkatalog von SPD und Grünen. Zielvorgabe: Elterngeld bei den Kindergärten schrittweise senken, um ab 2016 kostenlose Betreuung zu erreichen – wenn es die Finanzen zulassen.

3,4 Millionen Euro Defizit

Die SPD hatte dies 2011 schon im kommunalen Wahlkampf aufs Tapet gebracht. Derweil hat das Parlament mehrheitlich schon seit Jahren immer wieder das große Ziel debattiert: kostenlose Kinderbetreuung. 2011 addierten sich die Kosten für Kinderbetreuung bei der Stadt Korbach auf rund 4,3 Millionen Euro. Abzüglich jeweils 450 000 Euro Einnahmen aus Elternbeiträgen und Landeszuschüssen ergab sich ein Defizit von rund 3,4 Millionen Euro. Dies resultierte mit 2,2 Millionen aus den städtischen Kindergärten plus 1,2 Millionen Euro aus den Tagesstätten freier Träger. Denn die Stadt kommt auch bei Kindergärten von Kirche und Lebenshilfe für Defizite auf, ebenso erhält der private „Kreisel“ Unterstützung.

Betreuung für Einjährige

900 000 Euro Mehrkosten im Jahr machen den Kohl auch nicht mehr fett, das sollten die Kinder schon wert sein – möchte man meinen. Doch dies wäre eine Milchmädchenrechnung: Die Rahmenbedingungen sind viel komplizierter. Nach Vorgabe der Bundesregierung muss die Betreuung für Kinder unter drei Jahren deutlich ausgebaut werden. Richtmarke sind Betreuungsplätze für 35 Prozent dieser Jahrgänge – zu verwirklichen bis 2013. Städte und Gemeinden müssen also investieren, vor allem in Personal. Denn für Kindergruppen unter drei Jahren liegt die Höchstgrenze bei zehn Mädchen und Jungen, während bei den Älteren bis zu 25 Kinder pro Gruppe betreut werden.

Weitere Vorgabe ist, dass 30 Prozent der neu zu schaffenden Betreuungsplätze durch private Tagesmütter abzudecken sind. Wenn die Kreisstadt also künftig kostenlose Betreuung anbieten will, dann müsste auch ein finanzieller Ausgleich an die Tagesmütter fließen. Noch mehr Einblick geben die Ergebnisse einer Familienbefragung durch die Stadt. Eltern mit Kindern, die 2010 und 2011 geboren wurden, hatte die Stadt im November angeschrieben, um den künftigen Bedarf genauer zu ergründen. Fazit: Wenn die Betreuung kostenlos ist, dann braucht die Stadt deutlich mehr als die angepeilten 35 Prozent zusätzlicher Plätze für Kinder unter drei Jahren, erläutert Ute Ehringhausen auf WLZ-Nachfrage.

Für Kinder unter einem Jahr gebe es aus heutiger Sicht weiterhin keinen Bedarf. Die Rückmeldung für die ein- und zweijährigen ist indes beachtlich: Für 55 Prozent meldeten Eltern einen Bedarf an. Zugleich sind die erwünschten Betreuungszeiten im Schnitt offenbar länger, als die Praxis bislang zeigt. Das ist nachvollziehbar, weil das Angebot ja kostenlos sein sollte. Bei zahlreichen Eltern wäre auch Kinderbetreuung am Samstag eine große Unterstützung. Für Einzelhandel, Handwerk und viele Selbständige sind Samstage schließlich reguläre Arbeitstage. Konzept für die Zukunft Unterm Strich resultieren aus all diesen Aspekten millionenschwere Mehrkosten bis 2016. Die anvisierte weitere inhaltliche Verbesserung bei der Kinderbetreuung ist darin noch gar nicht berücksichtigt. „Eine Herkulesaufgabe für die nächsten Jahre“, resümiert Rathauschef Friedrich auf WLZ-Nachfrage. Vorschlag ist, alsbald eine Expertengruppe aus Erziehern, Eltern, Stadt, Politik und freien Trägern zu bilden, die das Korbach Kindergarten-Konzept der Zukunft gemeinsam erarbeiten.

Die Kosten

Weniger Kinder, steigende Kosten – die Schere klafft finanziell immer weiter auseinander. 1989 addierten sich die Gesamtkosten für die Kinderbetreuung in Korbach auf knapp 650?000 Euro, 2011 waren es 4,3 Millionen Euro. Selbst bei Berücksichtigung der Inflationsrate sind die Kosten in den vergangenen 22 Jahren deutlich gestiegen. Gleichzeitig schwinden die Erlöse, bei den städtischen Kindergärten sind aktuell nur 15 Prozent der Kosten durch Elternbeiträge gedeckt. Rund 800 Mädchen und Jungen werden in Korbacher Tagesstätten betreut. Mit dem demographischen Wandel ging die Zahl der Kinder zwar stetig zurück, der Anteil pro Jahrgang, der im Kindergarten betreut wird, ist jedoch gestiegen.

Parallel sorgten kleinere Gruppengrößen, bessere Ausstattung, mehr Erzieherinnen pro Gruppe für höhere Kosten. Schrittweise entlastete die Stadt zugleich die Eltern: Geschwisterkinder werden kostenlos betreut, das letzte Kindergartenjahr vor der Einschulung ist ebenfalls kostenfrei (Bambini-Programm des Landes). Vorgabe ist, ab 2013 noch mehr Plätze für „Krippenkinder“ unter drei Jahren anzubieten. Auch die inhaltliche Qualität (Bildung) soll verbessert werden. Das bringt weiter steigende Kosten. Hochrechnung der Stadt: Bietet Korbach bis 2016 grundsätzlich kostenfreie Betreuung an, dann steigt der jährlichen Aufwand je nach Betreuungsbedarf um zwei bis fünf Millionen Euro.(jk)

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