„Zweitjüngster unter den Großen“ legt neuen Maßstab in Sachen Klangqualität

Knaben setzen glanzvollen Schlusspunkt

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Professor Jörg Breiding brachte die Knabenstimmen aus Hannover zum Abschluss der Orgelwoche im St. Kilian zum Klingen.

Korbach. - Mit dem Knabenchor aus Hannover und Eberhard Jung an der Orgel in der Kilianskirche endete die zweite Korbacher Orgelwoche grandios.

Nach etlichen Ausflügen in bislang unerforschtes Terrain kehrte die Kuhn-Orgel mit Eberhard Jung an den Manualen und Pedalen zum Abschlusskonzert der Orgelwoche wieder in vertrauteres Klangterrain zurück.

Johann Sebastian Bachs gewaltiges „Präludium und Fuge D-Dur“ markierte gewissermaßen die Rückkehr zur Normalität nach zahlreichen neuen feinen Nuancen und virtuos heraus gespielten grell-expressiven Dissonanzen. Zugleich bildete der Bach comme il faut aber auch den Fixpunkt vor der Erkundung zarter, bislang ungehörter Zwischentöne durch den Stadtkantor, der die stillen wie die schmissigen Höhepunkte des Orgelprogramms auf das Repertoire der Gäste aus Hannover abgestimmt hatte.

„Der zweitjüngste unter den Großen“, wie sich der Knabenchor nennt, war mit einem rein geistlichen Programm zum thematischen Schlusspunkt angereist und legte dabei den Schwerpunkt auf Gipfelwerke des Barock und der Romantik.

Schon bei der eröffnenden doppelchörigen Bach-Motette„Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ war unüberhörbar, dass Chorleiter Jörg Breiding bei seinen 50 Stimmen über ein ähnlich präzises und klanglich differenziertes Instrument verfügt wie die Kilianskirche bei ihrer Orgel. Die vertrackten Fugen erklangen absolut nahtlos und ohne den geringsten Wackler. Bei unnachahmlicher Klarheit des Klanges, die nie vom Hauch eines Stimmbruchs getrübt wurde, verschränkten sich die Stimmen zum großartigen Abschluss, der Bachs Fugenkunst als musikalisches Gegenstück zur Gotik der Kiliankirche erscheinen ließ.

Heinrich Schütz‘ ebenfalls doppelchörige Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“, deren inhaltliches Gegenstück den Schlusspunkt unter das Konzert setzen sollte, gestaltete Jörg Breiding als Lehrstunde in Sachen Dynamik. Mit fein abgestuften crescendi und diminuendi erschuf der Dirigent eine musikalische Gegenwelt zum eher majestätisch angelegten Stil des Thomaskantors.

Romantische Innigkeit war der Grundton im zweiten Chorblock mit Werken von Felix Mendelssohn-Bartoldy, besonders beeindruckend geriet „Denn er hat seine Engeln befohlen“, insbesondere die Ausdeutung des Wortes „behüten“, das im Rhythmus des Gewiegtwerdens ertönte.

Vom Chorklang umfasst und gehalten fühlten sich die Zuhörer bei Sergej Rachmaninoffs „Ave Maria“. Die Sänger verstärkten das komponierte Urvertrauen, indem sie sich in der Kilianskirche aufstellten, so dass sich die Zuhörer in der mittleren Bankreihe ganz im Zentrum des Klangs befanden. Nicht minder eindrucksvoll geriet „Jauchzet dem Herrn alle Welt“, denn zu dieser doppelchörigen Motette von Heinrich Schütz blieb die Hälfte der Sänger auf dem Podium, während der Echo-Chor am andere Ende Aufstellung nahm und die Konzertgemeinde ganz in das Gewebe aus Tönen einhüllte.

Auf das vollständige Ausfüllen des klanglichen Horizonts folgte das vertikale Pendant, denn die auf die Spitze getriebene Fugenkunst bei Bachs doppelchöriger Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ erschien wie der prachtvoll verzierte musikalische Schluss-Stein in einem gotischen Spitzbogen.

Platz für eine romantische Zugabe blieb trotzdem noch. Mit Felix Mendelssohn-Bartoldys „Verleih uns Frieden gnädiglich“ zeigte sich der Knabenchor noch einmal von seiner lyrischen, aber keineswegs schwachen Seite, denn in jedem zarten Verklingen schwang stets eine unangreifbare Haltekraft bis zum letzten Taktstrich mit.

Fazit: Die Frage, ob der Knabenchor aus Hannover auf dem Niveau der Wiener Sängerknaben ist, stellte sich im Schlusskonzert der Orgelwoche nicht wirklich. Dazu war das Repertoire doch zu verschieden. Wer die doppelchörigen Motetten von Bach oder Schütz besser hören möchte als am Sonntagabend in der Kilianskirche, der müsste wohl eine ziemlich weite Reise auf sich nehmen bei ziemlich ungewissen Erfolgsaussichten.

Den Bekanntheitsvorsprung konnte der musikalisch mindestens ebenbürtige Chor nicht in einem Konzert aufholen, dazu war das Programm zu geistlich. In Sachen Klangqualität aber hat „der Zweitjüngste unter den Großen“ auf jeden Fall neue Maßstäbe gesetzt.

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