Goddelsheim

Kneipengeschichte(n) gesammelt

- Lichtenfels-Goddelsheim (den). „1 Citrone, 1 Apfelsaft, 3 Cigaretten und 20 Bier für vier Mark “: Am 7. August 1938 war in der Gaststätte Nord viel los. In den vergangenen Monaten gelang Lena Straube ein Blick in die Kneipenszene von damals.

32 Stunden Tonmaterial nahm sie auf, besuchte alte Besitzer und ehemalige Kneipengänger und interviewte sie. In kleinteiliger Handarbeit trug sie so Geschichte und Geschichten von stellvertretend vier Gaststätten zusammen: Knipp, Landau, Nord und Scherf. Allesamt gibt es sie inzwischen nicht mehr. So wird der Blick in die eigens angefertigte Broschüre auch zu einer Reise in die Vergangenheit. Die Ergebnisse präsentiert Lena Straube am Sonntag im Rahmen des Kartoffelbratens zum ersten Mal der Öffentlichkeit. Neben der Ausstellung in der Museumsscheune schrieb die engagierte Goddelsheimerin ihre Erkenntnisse nieder und fertigte ein 35 Seiten starkes Informationsheft zu 230 aufregenden Jahren an. Darin enthalten sind neben statistischen Daten zu den Gasthöfen 15 Anekdoten, die das damalige Leben wieder auferstehen lassen. Da geht es um Fremde, die in der Kneipe fleißig ausgeben und am Ende über das Toilettenfenster verschwinden. Und um waschechte Pferde, die im Anschluss an einen Festzug in der Gaststätte Bier trinken. Lena Straube schaute für ihre Recherchen auch ins Ortssippenbuch und stöberte nach alten Fotos. Herausgekommen ist eine interessante Rückschau, die durch eine Liste mit Goddelsheimer Gaststätten seit 1780 und einen Lageplan ergänzt wird. „Es waren schöne, lustige Stunden“, schaut Lena Straube auf die sechsmonatige Arbeit zurück. Auf das Thema war sie vor rund einem Jahr aufmerksam geworden, als sie die Geschichte ihrer Familie erforschen wollte. So gewann sie Einblicke und förderte Fakten zutage, die sonst mit den letzten Zeitgenossen verloren gegangen wären. Etwa diese, dass Scherfs 1958 die Kneipe nur eröffneten, weil sie einer weiteren Anzeige aus dem Weg gehen wollten. In dem heißen Sommer hatte die Familie nämlich Flaschenbier verkauft und prompt eins „auf den Deckel“ bekommen – dafür sorgten die Gastwirte fortan einfach selbst. Um die Atmosphäre von damals zu erzeugen, haben die Mitglieder des Vereins zur Erhaltung alten Kulturgutes eine typische Gaststätte nachgebaut. Zur Unterhaltung soll das Kneipenleben während des Festes am Sonntag mehrmals nachgestellt werden, inklusive lustiger Anekdoten. Dokumente wie der „Schankerlass des Kreisrathes“ und das Anschreibbuch der Gaststätte Nord geben neben einer großen Bilderwand Hinweise auf die Welt, die seit 1997 (Ende Gasthof Knipp) nicht mehr existiert. „Die Arbeitswelt hat sich verändert“, sucht Reinhard Weber, Vorsitzender des Kulturvereins, nach einem Grund für das „Kneipensterben“. „Mir war es deshalb wichtig, dass alles einmal aufgeschrieben ist“, erklärt Autorin Lena Straube.

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