Bei Verschleiß gleich operieren?

+
Kniearthrose kann heftige Schmerzen verursachen. Welche individuellen Therapie- möglichkeiten es gibt, sollte man mit dem Arzt klären.

Bei Kniearthrose baut sich der Knorpel im Knie immer mehr ab. Das kann Veränderungen mit Schmerzen im angrenzenden Knochen verursachen. Über Behandlungsmöglichkeiten informiert Dr. Arne Fittje, der Chefarzt der Orthopädie, Unfall- und Wirbelsäulenchirurgie am Stadtkrankenhaus Korbach.

Was ist eine Kniearthrose?

Verschleiß des sehr wasserhaltigen, elastischen Kniegelenkknorpels mit nachfolgenden Veränderungen der kniegelenkbildenden Knochen.

Wie macht sich die Erkrankung bemerkbar? Welche Symptome deuten darauf hin?

Schmerzen im Kniegelenk, besonders morgens nach dem Aufstehen, das ist der sogenannte Anlaufschmerz. außerdem Gangunsicherheit auf unebenem Boden, Schwellungen des Kniegelenks, besonders nach Belastungen. Zunehmende Schmerzen bei Belastung wie Treppensteigen, besonders treppab. Schließlich: Verkürzung der Gehstrecke und Einschränkung der Beweglichkeit als Spätsymptom.

Welche Bevölkerungsgruppen sind davon besonders häufig betroffen (Alter und Geschlecht)?

In Deutschland erkrankt jede zweite Frau und jeder dritte Mann im Alter über 60 Jahren an Arthrose. Eine mögliche Ursache: Bei Frauen wird der Knorpel im Knie viermal schneller abgebaut. 65 Prozent der Patienten, die mit einem künstlichen Kniegelenk versorgt werden, sind Frauen.

Dr. Arne Fittje, Chefarzt der Orthopädie am Stadtkrankenhaus Korbach.

Ein wesentlicher Risikofaktor für die Kniegelenksarthrose ist das Übergewicht. Das Gewicht übt nicht nur einen mechanischen Druck auf den Knorpel aus, Fett enthält Substanzen, die Entzündungen im Gelenk verursachen.

Bewegungsmangel verschärft das Problem zusätzlich, da der Gelenkknorpel im Ruhezustand schlechter mit Nährstoffen versorgt wird als in Bewegung. Auch bei schon vorhandener Arthrose sind Aktivitäten wie Gymnastik, Radfahren, Walking, Kraulschwimmen und Aqua-Jogging sinnvoll.

Manche Erkrankungen des Kniegelenks treten aber auch als Folge einer angeborenen oder erworbenen Fehlstellung, dem O- oder X-Bein auf. Chronische Schäden des Bandapparats, besonders des vorderen Kreuzbands, akute oder verschleißbedingte Schädigungen des Meniskus führen unbehandelt ebenfalls zu einer sogenannten sekundären Arthrose.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Neben einer Gewichtsreduktion und Zunahme der körperlichen Aktivitäten gliedern sich die Maßnahmen in medikamentöse Behandlungen mit nichtsteroidale Antirheumatika wie zum Beispiel Voltaren und Ibuprofen sowie Gelenkinjektionen mit Hyaluronsäure oder Kortison. Beide Therapien haben aber ein nicht zu unterschätzendes Infektionsrisiko und sollten deshalb nur sehr zeitlich begrenzt angewendet werden.

Die nichtmedikamentöse Therapie besteht aus physikalischen Anwendungen, Kälte oder Wärmetherapie, Elektrotherapie und orthopädischen Hilfsmitteln wie Einlagen und Bandagen.

Nach Ausschöpfung aller nicht operativen Möglichkeiten wird in vielen Fällen dann eine Operation unvermeidlich.

In welchen Fällen raten Sie zur OP? Was wird dabei gemacht?

Alle nicht operativen Maßnahmen führen zu keiner Heilung, sie können aber das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und damit eine operative Therapie verzögern oder sogar vermeiden. Schreitet die Erkrankung fort und nimmt der Leidensdruck zu, ist häufig eine Operation die letzte Option.

Bei akuten Verletzungen oder chronischen Veränderungen an Bändern und dem Meniskus steht die Gelenkspiegelung zur Verfügung. Grobe Achsfehlstellungen werden durch Achskorrekturen der sogenannten Osteotomie behandelt. Fortgeschrittene Gelenkszerstörungen werden in unserem Haus mit Prothesen versorgt die genau dem Krankheitsbild angepasst sind. Ziel ist es, nur den betroffenen Bereich zu ersetzen und damit möglichst viel körpereigenen Knochen zu erhalten. Also nicht nur ein künstliches Gelenk für alle Formen der Arthrose.

Ist nur der innere Teil des Gelenks betroffen, versorgen wir den Patienten mit einer Teilprothese. Ist nur die Kniescheibe der Schmerzgrund, wird auch nur diese Kniegelenksregion mit einem Ersatz versorgt. Ist ein vollständiger Kniegelenksersatz nötig, muss man ein Modell wählen, das die noch vorhandenen oder leider fehlenden Bandstrukturen berücksichtigt.

Kommt man am Ende der Untersuchung zu der Erkenntnis, dass die vorliegenden Veränderungen eine sehr individuelle Patientenlösung fordert, kann auch das in unserem Endoprothetikzentrum umgesetzt werden. In diesen Fällen werden für den Patienten basierend auf der individuellen Anatomie und der mechanischen Achse des Patienten individuelle Protheseninstrumente hergestellt, um die Prothese optimal für diesen Patienten zu implantieren. Es handelt sich hierbei um ein sehr innovatives, neues Verfahren, das berücksichtigt, dass nicht jeder Patient gleich ist und damit sich den individuellen Patientenanforderungen anpasst und nicht umgekehrt!

Wie viele Knie-OPs führen Sie im Jahr im Stadtkrankenhaus durch?

In 2019 haben wir in unserer Klinik etwa 190 Knie-OPs durchgeführt.

In welchen Fällen werden Prothesen verwendet? Was können sie leisten?

Schmerzfreiheit ist das höchste und erste Ziel. Beweglichkeit, Mobilität und altersangepasste sportliche Aktivitäten sollen wieder möglich sein. Empfehlenswert sind die bereits oben geschilderten sportlichen Aktivitäten, aber auch Ski-Langlauf, Wandern und alle Aktivitäten mit gleitenden Bewegungsabläufen. Sportarten mit schnellen Lastwechseln auf stumpfen Untergrund wie Tennis, Squash und Ballsportarten sollte man vermeiden.

Welche Bewegungseinschränkungen haben Prothesenträger im Alltag?

Wenige. Man muss aber die Einschränkung im Kontext zum Alter und dem Beschwerdebild sehen. Ein Patient im berufsfähigen Alter wird die eventuell verbliebene endgradige Beugehemmung bei knienden Tätigkeiten im Berufsalltag spüren, der Patient im Rentenalter, der noch seinen Garten versorgen will, hat damit allerdings keine Probleme. Überwiegende Arbeiten im Knien wie bei Fliesenleger oder Gartenbauern können ein Problem darstellen. Darum ist es ja auch so wichtig, nicht jedem Patienten mit dem gleichen Gelenkersatz zu versorgen. In diesen Fällen würde eventuell ein Teilersatz ausreichen, um die Beschwerdefreiheit zu erzielen und trotzdem diese kniebelastenden Tätigkeiten zu ermöglichen.

Kann man der Kniearthrose im Alltag vorbeugen? Wenn ja, wie?

Durch Bewegung und Gewichtsreduktion. Wichtig: bei akuten Kniegelenksverletzungen sollte man frühzeitig den Arzt aufsuchen.

 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare