Internet in Korbach zu langsam für Messtechnik-Unternehmen

KoCos fühlt sich ausgebremst

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Ausgebremst auf der Datenautobahn: KoCos-Vorstandsvorsitzender Thomas Becker mit einem Gerät zur Stromnetzanalyse. Foto: Lutz Benseler

Korbach - 128 Megabits pro Sekunde sind Wunsch – drei die Realität: Das Korbacher Messtechnik-Unternehmen KoCos kommt nur auf der Kriechspur ins weltweite Netz.

Die Situation ist paradox: So mancher private Haushalt im Landkreis surft bis zu 40-mal schneller im Internet, als es dem international agierenden Hightech-Unternehmen zurzeit möglich ist. Thomas ­Becker, Vorstandsvorsitzender der ­KoCos AG, sieht nicht nur sein ­Unternehmen ausgebremst, sondern auch großen Schaden für den Wirtschaftsstandort Korbach: „Wir verschlafen gigantische Möglichkeiten“, sagte Becker bei einem ­Gespräch mit Mitgliedern der Korbacher SPD-Fraktion.

Die Stadt Korbach, die 2009 eigens einen DSL-Beauftragten für die Förderung des Breitbandinternets ernannt hatte, habe viel Zeit ungenutzt ins Land ziehen lassen, so der Vorstandsvorsitzende. Virtuelle Arbeitsgruppen, Videokonferenzen, familienfreundliche Heimarbeitsplätze – was in anderen Firmen gang und gäbe ist, um wettbewerbsfähig zu sein, Kosten zu reduzieren und qualifiziertem Personal attraktive Arbeitsplätze zu bieten, das alles ist für KoCos in Korbach wegen einer zu schwachen Datenleitung nicht möglich. Der mittelständische Messtechnikhersteller möchte zudem seine IT-Infrastruktur in die sogenannte „Cloud“ (englisch: Wolke) verlegen: Die Anwendungen und Daten befinden sich dann nicht mehr auf dem lokalen Rechner, sondern bei einem Anbieter als Dienst gemietet. Doch auch dafür ist eine schnelle Internetverbindung notwendig: „Wenn wir das machen wollen, haben wir zurzeit in Korbach null Chancen“, so Becker.

Alle Hoffnungen ruhen indes auf einem Ausbau des Korbacher Kabelnetzes durch Unitymedia. Damit würden die über 14?000 erreichbaren Korbacher Kabelhaushalte und auch KoCos in die Lage versetzt, mit Geschwindigkeiten von bis zu 128 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) ins Internet zu gehen. Doch der Kabelnetzbetreiber vertröstet immer wieder: Schon den Beginn der Bauarbeiten hatte Unitymedia von 2010 bis ins vierte Quartal 2011 geschoben. Zuletzt hatte Unitymedia im Januar den Abschluss der Arbeiten für Mitte des Jahres angekündigt. Auf eine Anfrage der WLZ zum aktuellen Stand hatte sich das Unternehmen bis Redaktionsschluss noch nicht gemeldet. Hier vermisst Becker verlässliche Aussagen, die seinem Unternehmen Planungssicherheit bieten. Der Mobilfunkstandard LTE als Übergangslösung sei für das Unternehmen ungeeignet, erklärte Becker: „Was dort als Datenvolumen für einen Monat erlaubt ist, verschicken wir in einer Stunde“, so der Vorstandsvorsitzende. Außerdem sei per Funk die Sicherheit der sensib­len Daten nicht gewährleistet.

Deshalb wird es vorerst wohl weiter zu skurrilen Situationen wie dieser kommen: Volkswagen in Mexiko brauchte ein rund 1200 Megabyte großes Update. Die Übertragung von Korbach brach immer wieder ab. KoCos schickte eine DVD mit den Daten per Kurier nach Weimar, von dort aus wurde das Update über eine schnelle Internetverbindung dann erfolgreich gesendet.

Parallel dazu verschickte ein KoCos-Mitarbeiter die Daten von seinem privaten PC in Warburg. Auch das funktionierte. Der Chiphersteller Intel oder das Fraunhofer-Institut zählen zu den namhaften Partnern der Korbacher Aktiengesellschaft. KoCos hat derzeit 240 Mitarbeiter, davon 90 in Korbach. Doch Becker macht klar: Kommt keine schnelle Lösung, ist die Weiterentwicklung des Standorts Korbach gefährdet. Schon jetzt seien Weimar und Kapstadt die sich am schnellsten entwickelnden Dependancen der Aktiengesellschaft. (lb)

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