Faulturm in der Kläranlage Ittertal wird gereinigt:

Die Königsdisziplin für Taucher

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Dirk Förster wird präpariert für einen Tauchgang in den Faulturm. Otto Normalverbraucher bekommt allein beim freien Ausblick aus rund 15 Metern Höhe schon Angstgefühle.

Vöhl/Korbach - Wracks in der Karibik oder Ruinen im Edersee - Tauchen kann wahrlich Abenteuer bringen. Die Königsdisziplin gibt es derzeit in der Kläranlage Ittertal: Berufstaucher steigen hinab in den düsteren Schlamm des Faulturms.

Mit einem Klick schließt sich die orange Blechdose über dem Kopf, dann ist Dirk Förster hermetisch dicht. Es ist gegen zehn Uhr an diesem Mittwochmorgen, der Himmel strahlt, die Sonne lacht - aber Förster hat es verdammt eilig, um in die dunkle Nacht des Faulturms abzutauchen.

Er schaut durchs Sichtfenster seines Taucheranzugs, auf dem Rücken noch eine Pressluftflasche zur Sicherheit, an der Halspartie sind gelbe und orange Leitungen angeschlossen. Luftversorgung und Sprechleitung sind das Wichtigste für diesen Job.

Gummianzug in der Sauna

Dann steigt Förster mit 70 Kilogramm Montur in eine Metallgondel, die, von einem einarmigen Kran aus gesteuert, schließlich vorsichtig in die schwarze Brühe nach unten fährt. Mitten im Faulschlammwasser steigt Förster aus, kurz ist noch die Helmspitze zu sehen, dann blubbert es in der Brühe - und Förster sinkt rund 14 Meter tief nach unten.

Ausruhen in der prallen Sonne mit einer solchen Montur, das wäre wie Vorglühen. Denn im Faulturm der Kläranlage Ittertal herrschen ohnehin schon kuschlig warme 37 Grad Celsius. Und unter diesen Bedingungen sollen die Taucher dann auch noch richtig schuften.

„Sie müssen sich das so vorstellen, als wenn Sie mit dem Gummianzug in eine Sauna gehen und 50 Minuten lang schwere Sandsäcke von einer Ecke in die andere tragen“, schildert Karl Kerlen (42) plastisch. Kerlen ist Försters Chef, kommt aus Hamburg, hat aber sein Tauchunternehmen längst ins südhessische Hanau verlagert.

Viele Aufträge aus ganz Deutschland und die Nähe zum Flughafen Frankfurt waren für Kerlen entscheidend, denn solche Spezialbetriebe sind auch international gefragt. Selbst in Malaysia war Kerlen mit seinen Tauch-Profis schon im Einsatz.

Vortasten im Fäkalschlamm

Fünfeinhalb Jahre dauert die Ausbildung für solche Berufstaucher, die dann in unterschiedlichsten Revieren gefragt sind - ob im Wasserbau, in der Industrie oder an havarierten Schiffen.

„Aber das hier ist die Königsdisziplin“, untermauert Karl Kerlen aus Erfahrung: Reinigung des Faulturms in einer Kläranlage, abgetaucht in stinkendem Schlamm, ausgestattet nur mit Tastsinn und Schläuchen fürs Spülen und Absaugen.

2400 Kubikmeter Volumen hat der Faulturm der Kläranlage Ittertal, die das Abwasser aus Korbacher und Vöhler Haushalten reinigt. Schlamm, der aus den Klärprozessen übrig bleibt, kommt in den Turm, wo Mikroorganismen ans Werk gehen. Am Ende bleibt Klärschlamm übrig, der als guter Dünger für die Landwirtschaft dient, betont Klärwerksmeister Axel Butterweck. Denn Probleme mit Schwermetall im Klärschlamm, wie mitunter in Großstädten, gibt es bei der Anlage im Ittertal nicht.

Hessische Spitzenwerte erreicht die Kläranlage ebenso in Sachen Energie, bekräftigt Harald Rittinghaus, technischer Betriebsleiter des kommunalen Abwasserverbands Ittertal. Im Faulturm wird Biogas freigesetzt, das wiederum ein Blockheizkraftwerk betreibt. So produziert das 2005 gebaute moderne Klärwerk die nötige Energie für Strom und Heizung weitgehend selbst.

Nach mittlerweile neun Jahren war im Faulturm indes eine übliche Reinigung fällig. An den Wänden unten setzt sich aus dem Klärschlamm nämlich feiner Grus ab, der in Abständen entfernt werden muss. Genau dies ist die Aufgabe der fünf Taucher von Karl Kerlen. Diese Woche haben sie angefangen, bis Ende nächster Woche wollen sie fertig sein.

Vorbereitung und Sicherheitsaufwand sind enorm. Das reicht vom Kranwagen über Saug- und Pumpwagen für die Schlammentsorgung, Notfallvorkehrungen für die Taucher bis zum Spezialwerkzeug ohne Funkenflug. Denn auch bei Biogas herrscht Explosionsgefahr.

Nach rund 50 Minuten taucht Dirk Förster derweil wieder auf. Absprühen, auskleiden, desinfizieren heißt es für ihn - während sich ein Kollege fertig macht für den nächsten schweißtreibenden Tauchgang. (jk)

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