Förderverein der MPS Goddelsheim ermöglicht ein Klassenzimmertheater zu Mobbing

"Könnt mit mir alles machen"

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Lichtenfels-Goddelsheim - Mobbing in Schulen ist Alltag. Einen Weg Schülern vor Augen zu führen, wie sich Mobbingopfer fühlen, hat der Schauspieler Thomas Hof gefunden: Er geht dahin, wo das Problem entsteht: ins Klassenzimmer.

Die Schülerinnen und Schüler im Klassenzimmer der R7 der Mittelpunktschule Goddelsheim ahnten nichts, als sich in der ersten Schulstunde gestern Morgen ein neuer Mitschüler vorstellt. Er steht vor der Klasse und gibt den andern fünf Minuten Zeit, in denen sie mit ihm machen können, was sie wollen: ihn beschimpfen, ihn verprügeln, seinen Anorak unter den Wasserhahn halten. Ohne Gegenwehr wird er alles über sich ergehen lassen, sagt er. Aber danach - danach will er seine Ruhe für den Rest der Stunde.

Nachdem er an mehreren Schulen bereits gemobbt wurde, ist dieser Angriff nach vorn seine Methode, sein Versuch, die Rolle des Mobbingopfers abzulegen. Denn zu oft wurde er aus Angst vor den täglichen Attacken so schlecht im Unterricht, dass er nicht versetzt wurde.

Nach den ersten fünf Minuten dreht er den Spieß um: Er provoziert und mobbt die anderen in der Klasse seinerseits, schafft eine angespannte Spannung im Klassenzimmer, der sich niemand entziehen kann - um nach weiteren fünf Minuten wieder zu relativieren: Er redet über seine eigenen Ängste, über seine Erfahrungen als Mobbingopfer - aber auch über die Aggressivität seiner Peiniger und die Feigheit all derer, die zuschauen und nicht intervenieren.

Kultur des Redens

Was die Mädchen und Jungen der 7. Klasse in den 45 Minuten erleben, das trifft: "Ihnen wird ganz klar vor Augen geführt, was es bedeutet, ein Mobbingopfer zu sein", sagt Thomas Hof. Schulsozialarbeiterin Silke Holland bestätigt das: "Als der Schauspieler in der Rolle des Mobbers war, sind die Schüler voll in die Opferrolle gefallen, manche saßen da wie gelähmt - sie fühlten in dem Moment wohl wirklich, wie sich ein Opfer fühlt. Und einige der nicht so ganz beliebten Schüler trauten sich auf einmal, von sich selbst zu erzählen" , beschreibt sie.

Es wäre ein schlechtes Theater, wenn die Mädchen und Jungen mit ihren Erfahrungen und diesem Gefühl alleingelassen würden: Und so verwendet der Schauspieler, der seine Ausbildung an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater absolvierte, zwei weitere Schulstunden darauf, das Erlebte nachzuarbeiten - mit dem Ziel, dass die Schüler in Zukunft bessere Wege des Umgangs miteinander wählen. "Nach der ersten Schulstunde sind die Schüler aufgerieben und für das Thema hoch sensibel. Es wird klar: Jeder ist ein potenzielles Opfer, denn jeder hat etwas Einzigartiges. Dann können wir besprechen, wie Mobbing eigentlich funktioniert, welche Formen es gibt und wie sie als Individuum und als Gruppe dagegensteuern können", erklärt der 28-Jährige. Auch eine Aufgabe gibt er ihnen mit auf den Weg, damit sie die Kultur des Zuhörens und des Miteinanderredens einüben: Die Schüler haben sich auf seinen Rat hin dazu entschlossen, einen Klassenrat zu installieren, in dem Probleme regelmäßig besprochen werden. Schulsozialarbeiterin Silke Holland, die bereits seit drei Jahren an der MPS arbeitet, wird sie dabei unterstützen.

Mobbing in allen Schulen

Im Februar hatte der 28-jährige Schauspieler Thomas Hof aus Bad Emstal mit dem Stück Premiere - und die Wirkung seines "Klassenzimmertheaters" hallt in allen Klassen derart positiv nach, dass das Netzwerk gegen Gewalt (Kassel) die Inszenierung in ganz Hessen anbieten möchte. Denn Mobbing sei in allen Schulformen präsent - vom Gymnasium bis zur Hauptschule gleichermaßen, unterstreicht Hof.

Autor der Geschichte ist der bekannte Jugendbuchautor Jörg Menke-Peitzmeyer, der für "Erste Stunde" 2006 den Autorenpreis der Landesbühnen erhielt.

Dass das Klassenzimmertheater an der MPS überhaupt stattfinden konnte, ist dem Förderverein der Goddelsheimer Schule zu verdanken. (md)

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