Korbacher Bürgerinitiative schlägt Alarm

Droht die Gefahr von oben? Wie gefährlich Eiswurf und Eisfall an Windkraftanlagen wirklich ist

Ein Schild vor einer Windkraftanlage warnt vor Eiswurf.
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Warnschild vor Eiswurf an Windenergieanlagen: Windkraftkritiker sehen in sich lösenden Eisteilen eine große Gefahr für Leib und Leben.

Vor einer „nicht zu unterschätzenden Gefahr für Leib und Leben“, warnt Reinhard Seifahrt von der windkraftkritischen Korbacher Bürgerinitiative. Der Lelbacher spricht von sogenanntem Eisfall oder Eiswurf: Eisbrocken, die im Winter von stillstehenden Windkraftanlagen herunterfallen oder im Betrieb von den Rotorblättern mehrere hundert Meter weit geschleudert werden.

Doch ist die Gefahr wirklich so groß? Tatsächlich ist in Deutschland bislang kein einziger Personenschaden durch Eiswurf bekannt. Konkret geht es Seifahrt um die Anlagen im geplanten Windpark „Welsches Lied“ bei Goldhausen: Die Windräder des Typs Enercon E-141 mit einer Nabenhöhe von 159 Metern könnten bis zu 450 Meter, rechnet Seifahrt nach Näherungsformeln des Instituts für Windenergie in Bremerhaven vor. Die Landesstraße 3083 führt nur 435 Meter entfernt vorbei. Hessen Mobil in Bad Arolsen forderte daher, wie den Genehmigungsunterlagen zu entnehmen sei, vom Antragsteller Turbo-Wind in Hannover bei Eisansatz die zuverlässige Abschaltung bestimmter Anlagen.

Gutachten berücksichtigten sich häufig nur mit Eisfall von trudelnden oder stehenden Anlagen und nicht mit Eiswurf. Das halte er für fahrlässig, so Seifahrt. Die technischen Vorkehrungen, die Eiswurf verhindern sollen, könnten auch ausfallen. Ein wirksamer Schutz bestehe nur durch eine großflächige Absperrung in einem Radius von mindestens 500 Metern, wodurch das Welsche Lied als Naherholungsgebiet der Stadt Korbach und seiner Ortsteile in den Wintermonaten verloren sei.

„Unfälle oder Todesfälle durch Eiswurf und Eisfall sind in Deutschland nicht bekannt“, sagt Wolfram Axthelm, Geschäftsführer im Bundesverband Windenergie. Die Gefahren und Risiken, die sich aus Eisfall und Eiswurf für die Allgemeinheit ergeben, seien zu vernachlässigen. „Das zeigt sich unter anderem an den niedrigen Versicherungssummen für Haftpflicht und Personenschäden, die pro Anlage um 100 Euro liegen und deshalb in der Regel in bestehende Versicherungen oder Vollwartungsverträge inkludiert sind.“ Auch das „Faktenpapier Sicherheit von Windenergieanlagen“ des Hessischen Wirtschaftsministeriums führt lediglich „vereinzelte Sachschäden“ auf, etwa Schäden an Autos, die in der Umgebung der Anlagen geparkt hatten.

Eisabwurf ist eine allgemeine Gefahr, die bei winterlichen Witterungsbedingungen beispielsweise an Häusern, Brücken und anderen baulichen Objekten entstehen kann. Bei Windenergieanlagen hängt die Eisbildung vom Standort ab. Je häufiger eine Anlage kalter und zugleich feuchter Witterung ausgesetzt ist, desto eher kann die Oberfläche der Rotorblätter vereisen. Sehr große Windräder in höheren Lagen sind besonders anfällig dafür.

Wegen der Gefahr des Eisabwurfes sind Abstände zu Verkehrswegen, Erholungseinrichtungen und Gebäuden einzuhalten und gegebenenfalls technische Vorkehrungen zu schaffen. Werden die Abstände unterschritten oder soll die Windenergieanlage in einer eisgefährdeten Region errichtet werden, ist die Stellungnahme eines anerkannten Sachverständigen notwendig, der das Risiko für Sach- und Personenschäden durch Eisabwurf individuell für den Standort bewertet. 

Wie groß das Risiko von Eiswurf und Eisfall ist, hängt also unter anderem von den meteorologischen Bedingungen, den Windverhältnissen und dem Geländeprofil am Standort sowie der Nutzung der umliegenden Flächen ab. Die Betreiber sind verpflichtet, die Windenergieanlage zu stoppen, bevor kritische Eismassen aufwachsen.

Axthelm erläutert: „Werden Anlagen an Standorten errichtet, in denen feuchte und gleichzeitig sehr kalte Wetterlagen häufiger zu erwarten sind, gehen die Genehmigungsbehörden darauf ein. Die mit der Genehmigung erteilten Auflagen reichen dann von der Sperrung von Wegen in der unmittelbaren Anlagennähe bis zur proaktiven Abschaltung der Anlagen bei bestimmten Wetterlagen.“ Die Windenergieanlagen in Deutschland werden durch Leitstellen der Direktvermarkter und die Netzbetreiber fernüberwacht. „Kleinste Abweichungen in der Stromproduktion, Temperaturen im Bereich der Kanzel, Unwuchten bei der Drehung von Anlage und Blättern werden dabei registriert“, sagt Axthelm. Die Anlagen würden bei festgestellten Abweichungen vom Normalbetrieb abgeschaltet und nach Inaugenscheinnahme vor Ort manuell wieder angefahren.

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