Weihnachtsfreunde bewahren den Brauch

Korbacher „Christkindwiegen“ besteht seit mindestens 475 Jahren

+
„Dies ist der Tag den Gott gemacht“: Diesen Choral singen die Korbacher Weihnachtsfreunde bei ihrem „Christkindwiegen“. Weil der Turm der Kilianskirche 2017 eingerüstet war, blieben sie am Boden – hier die Gruppe vor dem Südportal.

Korbach. „Dies ist der Tag den Gott gemacht“ – dieser Coral erklingt auch am Montag um 20 Uhr vom Turm der Kilianskirche, während die Männer ihre Laternen schwenken: An Heilig Abend steht das „Christkindwiegen“ an. Besonderheit diesmal: Seit mindestens 475 Jahren besteht der Brauch.

Seit 1951 hält die Korbacher „Vereinigung der Weihnachtsfreunde“ den Brauch am Leben. Die Männer bildeten einen „besonderen Club“, sagt Thomas Kuhnhenn, der seit 2017 ihr Sprecher ist – nur einmal im Jahr kommen sie zusammen: an Weihnachten. 

An Heilig Abend erklimmen sie die 264 Stufen des 92 Meter hohen Turmes und steigen auf den steinernen Umgang. Von dort aus singen die Männer viermal in alle vier Himmelsrichtungen den Choral „Dies ist der Tag den Gott gemacht“, während sie die Laternen hinunterlassen und „wiegen“. 

Zahlreiche Zuschauer verfolgen alljährlich den Brauch – für echte Korbacher gehört er zum Weihnachtsfest wie das Krippenspiel, der Familiengottesdienst oder der Tannenbaum.

 Am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags geht es für die Männer erneut hoch in den Turm – ab 7 Uhr ist das Lied „Wie herrlich strahlt der Morgenstern“ zu hören. 

„Wir freuen uns, dass es 475 Jahre geworden sind“, sagt Kuhnhenn, doch auch im Jubiläumsjahr bleibe die „Zeremonie“ gleich – zumindest habe der Vorstand nichts anderes geplant. „Wir haben seit Ewigkeiten den gleichen Ablauf“ mit den gleichen beiden Liedern, „da wird traditionell nichts dran geändert“, erklärt er, „wir sind bodenständig.“ 

Er hoffe aber, dass zum „Mini-Jubiläum“ besonders viele Weihnachtsfreunde zusammenkämen – auch wenn sie es nicht mehr hinauf auf den Turm schafften. 

Brauch 1543 erstmals urkundlich erwähnt

Wie Dr. Hermann Bing 1961 in der WLZ-Beilage „Mein Waldeck“ festhält, wurde das Korbacher „Christkindwiegen“ 1543 erstmals urkundlich erwähnt. Der Legende nach ist es während einer Pest-Epidemie eingeführt worden. 

Demnach lagen in der Weihnachtszeit jenes Jahres viele Erkrankte in der Kirche. Am Heiligabend stiegen Männer mit Fackeln den Turm empor, schwenkten ihre Lichter und sangen Choräle. Daraufhin soll die Epidemie in der Stadt zum Erliegen gekommen sein. 

Die Korbacher behielten das „Christkindwiegen“ bei, um weitere Ausbrüche der verheerenden Seuche abzuwenden. Doch wie Wolfgang Medding in seinem Korbach-Buch festhält, wütete auch in den Jahrzehnten danach noch der „schwarze Tod“ in der Stadt. 

Gefährlicher Aufstieg in den Turm

Aber die Korbacher hielten die Tradition hoch. Auch Unbilden nahmen die Männer dabei in Kauf, wie etwa ein Bericht aus dem Jahr 1868 zeigt. Damals war die alterwürdige Kirche noch nicht saniert, dieser Aufgabe sollten sich der Baumeister August Orth und seine Mitstreiter erst später zuwenden. So schildert der „Waldeckische Anzeiger“, wie morsch die Dielen in dem Turmzimmer seien, in dem sich die Männer zunächst versammelten. Auch der steinerne Umgang sei gefährlich schadhaft. Der Autor fordert die „Revision des Thurmes“. 

Die Korbacher bewahrten den Brauch über Jahrhunderte. Nur einmal im Zweiten Weltkrieg verzichteten sie aus Angst vor alliierten Fliegerangriffen aufs Wiegen, wie Zeitzeugen berichten. 

Am Boden geblieben

2014 konnten die Männer wegen Sanierungsarbeiten erstmals nicht in den Turm der Kirche steigen. Auch im vorigen Jahr konnten sie ihre Laternen nicht am Turm herablassen, weil dort noch ein Baugerüst stand. Beide Male mussten die Freunde auf dem Boden bleiben, sie sangen an allen vier Seiten des gotischen Gotteshauses.

Die Kilianskirche mit dem Gildehaus und der Stadtmauer am Schießhagen.

Früher mussten junge Männer konfirmiert sein, um mitsingen zu dürfen, heute gibt es eine inoffizielle Altersgrenze von zwölf Jahren – aber jüngere Jungen werden auch nicht weggeschickt. Nach oben ist die Altersgrenze offen. 

Wer es nicht mehr nach oben schafft, verfolgt das Singen und Wiegen am Boden und ist herzlich willkommen. 

Letzte Feier im Beton-Rathaus

Doch im Jubiläumsjahr steht den Weihnachtsfreunde eine Änderung ins Haus. Nach dem Gesang am ersten Feiertag ziehen sich die Männer traditionell zu ihrer „besinnlichen Weihnachtsfeier“ zurück, bei der Geschichten zu hören sind und gemeinsam Lieder gesungen werden. 

Zum letzten Mal kommen sie dabei im rustikal eingerichteten Sozialraum im Keller des Rathauses zusammen – im nächsten Jahr wird das Beton-Gebäude aus den 1970er Jahren wie berichtet abgerissen, die Weihnachtsfreunde müssen dann in den Sozialraum im Neubau umziehen. 

Thomas Kuhnhenn ruft seine Sänger zur Teilnahme auf, auf dass die Tradition weiterlebt.

Brauch besteht auch in Wildungen

Louis Curtze berichtet in seiner 1850 erschienenen „Geschichte und Beschreibung des Fürstenthums Waldeck“ dass das „Christkindwiegen“ nicht nur aus „Corbach“, sondern auch aus der Kurstadt Wildungen bekannt sei. (-sg-)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare