Zweiter Verhandlungstag: Angeklagter P. ist erheblich belastet worden

Korbacher Mordprozess: „Ich stech’ die Drecksau bald ab”

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Beamte der Bereitschaftspolizei Kassel durchsuchen am Morgen nach der Tat den Tatort an der St-Josef-Kirche in Korbach.

Korbach/Kassel. Am zweiten Verhandlungstag im Korbacher Mordprozess ist am Mittwoch der Angeklagte P. erheblich belastet worden. Während der siebeneinhalbstündigen Sitzung wurden zehn Zeugen vernommen.

Mehrere Zeugen bezeichneten den 19-Jährigen unter anderem als aggressiv. Der gleichaltrige Mitangeklagte S. hatte am Montag durch seinen Anwalt erklären lassen, er habe überhaupt nicht zugestochen und versucht, P. noch das Messer aus der Hand zu schlagen. 

Ein 14-Jähriger, der als Einziger dabei war, hatte ausgesagt, S. habe den noch am Tatort verstorbenen Enrico festgehalten, und P. habe zugestochen. Enrico (15) starb – wie berichtet – an sieben Messerstichen. P., der bisher zur Bluttat schwieg, saß erneut fast regungslos mit einem blauen Shirt mit der Aufschrift „Pioniere Korbach” im Schwurgerichtssaal. 

Die 16-jährige Ex-Freundin von P. erklärte gestern, P. habe öfter gesagt, er bringe jemanden um, „aber das haben wir nicht ernst genommen”. Es habe Stress gegeben wegen des Drogenkonsums von P. Der habe zwei Wochen vor der Tat gesagt: „Ich stech’ die Drecksau bald ab, wenn er so weitermacht.” 

Am Tag vor der Tat habe P. geschrieben: „Ich bin kurz davor, mich umzubringen.” Eine Stunde vor den Messerstichen habe er mitgeteilt: „Wir sind total besoffen.” Einen anderen Freund gegenüber hatte er am Vortag Suizidgedanken geäußert und geschrieben: „Ich bin nur noch am Saufen.” 

"Wir haben Drogen konsumiert"

Wie die Beweisaufnahme ergab, hatte P. das Opfer gezwungen, Tabletten zu nehmen, die seinem an schwerer Demenz erkrankten Opa verschrieben waren. „Wir haben Drogen konsumiert”, erklärte ein 17-Jähriger. Und: Enrico sei als Dreijähriger von seinen Eltern „weggegeben worden”. Er würde gern spüren, habe Enrico geäußert, „wie es sich anfühlt, eine richtige Mama zu haben.” 

P. habe Enrico „wie Scheiße behandelt”, sagte ein 19-Jähriger. P. habe immer mit Schlägen gedroht, immer Messer und eine Gaspistole dabei gehabt, mit der Pistole auf E. geschossen. Er habe auch ihm Schläge angedroht, so der 19-Jährige, und er habe gedroht ihn und seine Familie abzustechen. P. habe auch seine Schwester geschlagen. 

E. war seit Mai 2017 in der Wohngruppe der Korbacher Jugendhilfe-Einrichtung eines freien Trägers, nachdem er zuvor in einem familiär orientierten Kinderdorf gelebt hatte, wie sein Betreuer berichtete. Man habe E. deutlich gemacht, dass P. nicht der richtige Umgang für ihn sei. E. aber habe gesagt, er wolle bleiben, sich von P. abwenden „und mit dem ganzen Scheiß nichts mehr zu tun haben”. 

Damit gemeint waren nach den Worten des Diplom-Sozialpädagogen die Drogen. „E. wollte sich dem Stress P’s entziehen, bedauerlicherweise hat er das nicht gemacht”, sagte der Betreuer. Der war kurz nach der schrecklichen Tat vor Ort. S. habe ihm dort gesagt, P. habe Enrico abgestochen. P. habe laut geschrien: „Jemand hat meinen Freund Enni erstochen.” P. habe sein Oberteil ausgezogen, um die starken Blutungen zu stoppen. 

Immer wieder, so der Betreuer, habe er Enrico geraten, sich von P. fernzuhalten. Enrico habe gesagt, er wolle in der Gruppe bleiben. Er fühle sich wohl und wolle einen Neustart. „Er schrie nach Zuwendung”, sagte der Betreuer. 

Zeuge berichtet von sadistischen Blutspielen

Ein 16-Jähriger berichtete von sadistischen Blutspielen. Einmal sei er von P. mit der Pistole beschossen worden mit dem Kommentar: „Du bist mein laufendes Ziel.” P. sei ein Möchtegern-Gangster, sei stolz darauf, dass er Stress mit der Polizei habe. Er sei ein aggressiver Typ: „Alle haben Hass auf ihn, in Korbach möchte ihn keiner mehr sehen.” 

"Du darfst nicht sterben, halte durch "

Der Dienstgruppenleiter der Korbacher Polizei war einer der Ersten am Tatort. Als er ankam, habe P. neben dem bewusstlosen Opfer geschrien: „Du darfst nicht sterben, halte durch.” P. sei „außer Rand und Band” gewesen und mit Handschellen fixiert worden. Zwei Tage vor der Tat habe es Stress zwischen Enrico und P. gegeben, berichtete ein weiterer Ermittler. 

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Dreyer, ob die Tat etwas damit zu tun habe, dass Enrico P. bei der Polizei verpetzt und angezeigt haben könnte, sagte der Beamte: „Dieser Sachverhalt wurde nicht festgestellt.” Bei der Vernehmung habe P. gesagt, er habe doch geholfen. Zwei Andere, möglicherweise Asylbewerber hätten die Tat begangen. 

Dann sei er davon abgerückt und habe S. die Tat zugeschoben. Zu der Frage von Michael Bonn, Verteidiger von S., ob er geglaubt habe, was P. erzählt habe, sagte der Ermittler: „Jein, wir waren in einem Zwiespalt.” Fortsetzung: Montag und Mittwoch, 4. und 6. Juni, 9 Uhr, Landgericht Kassel. (Von Manfred Schaake.)

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