Interview: Hannah Kriebel aus Korbach über ihre Zeit in Israel

„Meist schaut noch jemand in die Tasche, ob man Waffen dabei hat“

Ein Jahr lang wollte die Korbacherin Hannah Kriebel in einer Kita in Tel Aviv als Freiwillige arbeiten, wegen Corona musste sie bereits nach einem halben Jahr wieder ausreisen. Im Interview berichtet sie davon.

Viele junge Menschen gehen nach dem Abi ins Ausland, am liebsten allerdings nach Großbritannien oder in die USA. Israel ist ein eher exotisches Ziel. Warum hast du dich dafür entschieden?

Das ist eine schwierige Frage. Für mich war es spannend, weil mir das Land so unbekannt war, ich konnte mir so wenig unter Israel vorstellen. Ich bin in einem christlichen Haushalt groß geworden, und schon als Kind im Krippenspiel habe ich zum Beispiel viel von Bethlehem gehört – und dann war ich auf einmal selbst da. Und es ist schon eine kleine Familientradition: Meine Mutter war, als sie so alt war wie ich, auch in Israel.

Ich hatte es mir aber ganz anders vorgestellt als das, was letztlich auf mich zukam. Als ich dort war, war ich vollkommen überrascht. Tel Aviv ist eine neue, sehr junge Stadt am Meer, alles lebt. So hatte ich es mir nicht vorgestellt.

In Israel tobt seit Jahrzehnten der Nahost-Konflikt, immer wieder gibt es Anschläge. Hattest du keine Sicherheitsbedenken?

Vorher habe ich natürlich darüber nachgedacht, aber als ich dann dort war, hatte ich gar keine Bedenken. Sicherheit spielt dort eine ganz andere Rolle. Wenn man einen Bahnhof, ein Einkaufszentrum oder ein anderes öffentliches Gebäude betritt, geht man zunächst durch eine Sicherheitsschleuse und meist schaut auch noch jemand in die Tasche, ob man Waffen dabei hat. Am Anfang ist das komisch, es wird aber schnell normal.

Im ganzen Land, vor allem auch in Jerusalem, gibt es sehr viel Militär. Dort gibt es noch eine Art Wehrpflicht, die junge Frauen und Männer nach der Schule absolvieren und alle haben ein Maschinengewehr. Das dürfen sie nicht unbeaufsichtigt Zuhause lassen. Wenn niemand dort ist, müssen sie es mitnehmen – auch im Privaten. Ich habe einmal in einem Modegeschäft eine junge Frau gesehen, die ein glitzerndes Kleid anprobierte, und in der Hand hatte sie ihr Maschinengewehr.

Also hast du den eigentlichen Konflikt im Alltag gar nicht mitbekommen?

Früher kamen oft Palästinenser und verübten Anschläge in Israel, durch die Sicherheitsvorkehrungen ist die Zahl aber deutlich gesunken. Eine kritische Situation gab es trotzdem. Im Herbst habe ich einen Bombenalarm in Tel Aviv erlebt, das hatte es zuletzt 2014 gegeben. Schulen und auch meine Kita wurden geschlossen.

Was genau war passiert?

Ich war morgens auf dem Sprung zur Arbeit, vier von meinen Mitbewohnerinnen waren schon weg, als ein Kollege anrief und sagte, dass der Kindergarten geschlossen sei und ich Zuhause bleiben sollte. Dann heulte die Sirene und wir sind in den Bunker gegangen. Jedes Haus hat einen Bunker im Keller. Das war ein mulmiges Gefühl, Angst hatte ich aber nicht. Nach 15 Minuten sind wir wieder in unsere Wohnung gegangen, den ganzen Tag haben wir dann die weiteren Meldungen verfolgt. Normalerweise gibt es nur Raketenbeschuss im Gaza-Streifen, etwa 70 Kilometer entfernt. An diesem Tag ist dann eine Rakete 17 Kilometer von uns entfernt eingeschlagen, in einer Autobahn, und eine wurde 14 Kilometer entfernt abgefangen.

Blick auf Tel Aviv: In der Stadt am Meer arbeitete und lebte Hannah Kriebel ein halbes Jahr. 

Deutschland und das Judentum sind durch das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte bis heute verwoben. Wie ist es als Deutsche in Israel gewesen, wie sind die Menschen dir begegnet?

Am Anfang war ich sehr gespannt darauf, hatte sogar etwas Angst, was auf mich zukommt. Aber vor allem die jungen Menschen fanden es cool, dass ich aus Deutschland komme. Sie finden Deutschland und vor allem auch Berlin und Frankfurt hip, viele wollen auch mal nach Deutschland. Ich wurde nicht dafür verurteilt, wo ich herkomme.

Du hast auch einige wichtige jüdische Feiertage wie Jom Kippur und Chanukka erlebt. Wie war das für dich?

Das war wirklich toll, vor allem im Kindergarten. Dort wurde gefeiert, aber auch der Hintergrund erklärt. Das habe ich immer mitgeschrieben und so auch viel gelernt. Es gab immer Süßigkeiten und es wurden Spiele gespielt, oft gibt es an Feiertagen auch bestimmte Instrumente, die gespielt werden. Purim, eine Art Fasching mit religiösem Hintergrund, war sehr cool. Wir haben uns alle im Kindergarten verkleidet. Alles ist bunt und geschmückt zu diesem Fest. An Jom Kippur hat alles geschlossen, keine Busse fahren. An diesem Tag sind wir alle mit Fahrrädern auf der Autobahn gefahren.

Wie war die Arbeit in der Kita?

Ich wurde schnell eingearbeitet und konnte selbstständig arbeiten, als ich mich eingelebt hatte. Die ersten Tage waren aber schwierig: Die Kinder und Erzieher konnten kein oder nur schlecht Englisch. Da musste ich mit meinen schlechten Hebräisch-Kenntnissen kommunizieren. Mit der ganzen WG hatten wir uns dann einen Sprachlehrer genommen, das hat uns wirklich viel gebracht. Ich konnte später auch Konflikte zwischen den Kindern schlichten. Dann hat die Arbeit wirklich Spaß gemacht.

Was hast du in deiner Freizeit gemacht?

Ich hatte immer Samstag und Sonntag frei, was ungewöhnlich ist, weil Sonntag eigentlich der erste Tag der Woche ist. Sonntags hat in Israel alles geöffnet und die Busse fahren. Ich war oft in Museen und bin gereist, war in Haifa, am See Genezareth, sehr oft in Jerusalem, auch am Toten Meer und in der Wüste. Vieles habe ich aber nicht geschafft, was ich mir vorgenommen hatte, weil Corona dazwischen kam.

Wegen Corona musstest du Mitte März zurück nach Deutschland. Was hast du von der Pandemie in Israel noch mitbekommen?

Ich war noch dort, als der Lockdown ausgesprochen wurde. Die Kindergärten waren zu und wir haben uns meist in der Wohnung verschanzt. Eine Woche war unklar, ob ich zurück muss. Niemand wusste, was kommt. Ich wollte so vieles noch sehen, ich war noch nicht fertig mit Israel.

Also wirst du das Land wieder besuchen?

Auf jeden Fall, das muss ich zu Ende bringen (lacht). Nicht als Freiwillige, aber privat.

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