Wahrnehmungsstörung

Korbacherin leidet an Gesichtsblindheit: Wenn alle gleich aussehen

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Etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Gesichtsblindheit. Ihnen fällt es schwer, Menschen wiederzuerkennen. 

Korbach - Das Symptom nennt sich Gesichtsblindheit oder Prosopagnosie: Der 52-Jährigen Korbacherin fällt es schwer, Gesichter zu unterscheiden.

Zwei Kundinnen stehen im Laden, doch welche hatte sie gerade noch bedient, bevor sie ins Lager musste? In der Lehre fiel Brigitte K. (Name von der Redaktion geändert) zum ersten Mal auf, dass sie anders ist, wenn es darum ging, Gesichter zu erkennen. „In der Schule vorher war das kein Problem, da hatte ich immer die gleichen Leute um mich herum“, sagt die 52-jährige Verkäuferin aus Korbach.

„Ich gab mir selbst die Schuld daran und dachte, ich bin einfach zu blöd, mir Gesichter zu merken.“ Erst Jahre später, als sie zufällig einen Fernsehbeitrag über die Wahrnehmungsstörung Prosopagnosie – oder auch „Gesichtsblindheit“ – sah, wusste sie, was mit ihr los war: „Mir fiel ein Stein vom Herzen. Endlich hatte das Kind einen Namen. Das war total befreiend.“ Brigitte K. ging zum Hausarzt, der sie zu Fachärzten überwies.

Die Bezeichnung „Gesichtsblindheit“ trifft es eigentlich nicht: Die Betroffenen sehen Gesichter sehr gut, können sie nur nicht unterscheiden. „Obwohl sie bestimmte Strukturen eines Gesichts erkennen, können sie den emotionalen Kontext zu der Person nicht herstellen“, erklärt Professor Dr. Carsten Eggers, stellvertretender Direktor der Neurologie an der Uniklinik in Marburg. Die Betroffenen beschreiben zwar Details wie Nasenform oder Augenfarbe sehr genau, können sie aber nicht mit einer bestimmten Person verknüpfen. „Es ist quasi ein Netzwerkfehler im Gehirn“, sagt Eggers.

Gesichtsblindheit kann angeboren sein, in selteneren Fällen aber auch die Folge einer Verletzung der Gehirnbereiche, die für die Gesichterverarbeitung zuständig sind – etwa nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder einem Schlaganfall. „Wenn die Symptome plötzlich auftreten, sollte ein Rettungswagen gerufen oder die Notaufnahme der Neurologie aufgesucht werden. Es könnte beispielsweise ein Schlaganfall sein und der ist immer ein Notfall“, sagt Eggers. Bei einem schleichenden Prozess sollten sich die Betroffenen in neurologische Behandlung begeben.

„Gesichtsblindheit ist nicht heilbar und nicht behandelbar“, sagt der Marburger Neurologie-Professor. Betroffene könnten allenfalls Hilfsmaßnahmen erlernen, um ihren Alltag zu erleichtern: „Sie müssen sich aktiv Merkmale einprägen, anhand derer sie einen Menschen wiedererkennen, etwa die Frisur und die Haarfarbe einer bestimmten Person.“

Auch Brigitte K. bildete Strategien aus, andere Menschen anhand ihrer Stimme oder sonstiger besonderer Merkmale zu erkennen. „Ich habe mir angewöhnt, mir ein Detail zu merken, eine Tasche, eine Brille oder so. Im Laden habe ich meine Kunden daran erkannt, dass sie mich erwartungsvoll anschauten.“ Wenn es nicht anders ging, fragte sie eben nach und verband das mit einem Scherz. Mit der Wahrnehmungsstörung hat sich die 52-Jährige mittlerweile arrangiert.

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