Kürzere Schulzeit erfordert längere Vorbereitung

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- Waldeck-Frankenberg (nv). Die Stundenpläne zu erstellen, ist für die Lehrer an den heimischen Gymnasien in diesen Sommerferien besonders knifflig. Ursache sind die Doppel-Jahrgänge, die durch die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G 8) einmalig entstanden sind.

Da nicht alle Schulen zur gleichen Zeit das G 8-System eingeführt haben, sind die organisatorischen Hürden von Schule zu Schule allerdings unterschiedlich hoch. Hinzu kommen strukturelle Unterschiede. Die Uplandschule in Willingen ist nach dem Zusammenschluss mit der Mittelpunktschule 2005 kein reines Gymnasium mehr, sondern die einzige kooperative Gesamtschule im Landkreis mit überschaubarem Gymnasialzweig.

Als erste Schule in Waldeck-Frankenberg verkürzte das Gustav-Stresemann-Gymnasium in Bad Wildungen die Schulzeit bis zum Abitur. Das Team um Schulleiterin Dagmar Ipach arbeitet daher bereits seit 2009 mit dem Doppel-Jahrgang, der sich überall aus Schülern der Klasse 9
(G 8-Modell) und der Klasse 10 (G 9-Modell) formiert. Im kommenden Schuljahr legen die 140 Schüler bereits das Abitur ab.

Bei sonst 90 bis 100 Abiturienten fällt der Doppeljahrgang in der Badestadt somit ausgesprochen klein aus. „Damit haben wir überhaupt keine Probleme“, betont Dagmar Ipach. Aus Raumnot nutzt das Gymnasium schon seit einiger Zeit das Gebäude der Berufsakademie in der Eichlerstraße mit, weitere räumliche Engpässe durch den Doppeljahrgang werden nicht befürchtet.

Neuland betreten nach den Sommerferien hingegen Schüler und Lehrer der Frankenberger Edertalschule, wo sich der Doppel-Jahrgang erst bildet. In der Illerstadt werden in den nächsten drei Jahren 300 Schüler auf die Reifeprüfung vorbereitet. Schulleiter Winfried Deichsel bleibt dennoch gelassen, denn grundsätzlich ist die ETS groß genug. Laut Deichsel müssten in der Summe nicht mehr Schüler unterrichtet werden. Lediglich das Verhältnis von Unter- und Mittelstufe zur Oberstufe verändere sich stark.

Komplett umdenken muss das Team der Uplandschule derzeit bei der Unterrichtsplanung: Nach der einjährigen „Einführungsphase“ tritt der Doppel-Jahrgang in Willingen in die zweijährige „Qualifikationsphase“ ein. „Die Jahrgangsbreite hat sich durch G 8 mächtig erhöht“, berichtet Studienleiter Heinz Cremer. Im kommenden Schuljahr zählt er rund 105 Oberstufenschüler. Zum Vergleich: Da die UPS laut Cremer auf 30 Schüler pro Jahrgang ausgelegt ist, verbuchten die Upländer in der Vergangenheit theoretisch maximal 90 Oberstufenschüler. In der Praxis lagen die Zahlen jedoch stets deutlich darunter. Trotz des Doppel-Jahrgangs ist der Gymnasialzweig im Vergleich zu anderen Schulen allerdings sehr überschaubar.

Wie an der UPS tritt der Doppel-Jahrgang auch an der Alten Landesschule Korbach 2013 zum Abitur an. 250 bis 260 Schüler werden voraussichtlich die Reifeprüfung ablegen wollen. Ein normaler Abitur-Jahrgang hat rund 120 Schüler. „Das bedeutet für uns eine sehr lange Prüfungsphase“, sagt Schulleiter Robert Gassner. Verlassen die Abiturienten die Schule, schrumpft die Schülerzahl auf einen Schlag um mehr als 100 Schüler. „In zwei Jahren werden wir zu viele Lehrer haben“, erklärt Gassner. Stellen, die für den Doppel-Jahrgang geschaffen wurden, werden wieder abgebaut.

Ob die Verkürzung der Gymnasialzeit pädagogisch sinnvoll ist – darüber streiten sich die Gelehrten. Während viele Bildungsexperten und Eltern fürchten, dass Schülern Stoff verloren geht, sieht Cremer den Knackpunkt an anderer Stelle: im Reifungsprozess der Jugendlichen. „G 8, Wegfall des Wehrdienstes, Bachelor-Studium – die jungen Leute verlassen die Uni mit 20 oder 21 Jahren und wollen in eine führende Position“, fasst Cremer zusammen und ist gespannt, ob sich die Initiative der Universitäten und der Europäischen Union, die jungen Leute früher in die Berufswelt zu integrieren, bewährt.

Mehr lesen Sie in der WLZ vom Samstag, 23. Juli.

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