An sechs Tagen die große Spannbreite des Amateurtheaters gezeigt

Kuratorium zieht positive Bilanz der Korbacher Theaterwoche

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Nach der Sitzung des Kuratoriums für die Korbacher Theaterwoche – von links: Jenny Heise, Stadtrat Günter Schlund, Jens Döring, Michael Schwarzwald, Thorsten Jech, Werner Hartman, Dr. Hartmut Wecker, Eckhard Debour und Petra Frömel.

Korbach – Eine positive Bilanz der 71. Korbacher Theaterwoche zog das Kuratorium am Freitag. Mit der Auswahl der Gruppen und Stücke „können wir zufrieden sein“, sagte der Spielleiter Eckhard Debour.

Es habe einen „breiten Spannungsbogen“ vom Boulevardtheater bis zur Avantgarde gegeben, sagte Debour, der auch die Theatergruppe "Rohestheater" der Mies-van-der-Rohe-Schule in Aachen leitet. Verschiedene Spielformen mit Elementen vom Kabarett bis hin zum Tanztheater seien vertreten gewesen, die Aufführungen hätten insofern die „Spannbreite des Amateurtheaters“ gezeigt, dies „repräsentiert 70 Jahre Theaterwoche ganz gut.“ 

Debour ging mit den weiteren Leitern der Spielwoche, Werner Hartmann, Michael Schwarzwald und Dr. Hartmut Wecker, auf die einzelnen Stücke ein. 

Roter Faden Selbstermächtigung und Emanzipation

Das Eröffnungsstück "Kaltgestellt" des Hamburger "Kellertheaters" habe viele angesprochen, sagte Debour, dessen "illusionistisches Boulevardtheater" habe Tradition. Er habe zum Teil zum Teil Schwierigkeiten beim Transfer des amerikanischen Stoffs in die deutsche Wirklichkeit gehabt, doch dies und kleinere Widersprüche "schien fürs Publikum von kaum von Relevanz zu sein". Künstlerisch und schauspielerisch habe das seit 1966 bestehende Ensemble das Stück gut umgesetzt.

Das Jugendtheater sei seit 25 Jahren ein zunehmender Schwerpunkt der Theaterwoche. Die renommierte Gruppe "TEGS" der Höchster Ernst-Göbel-Schule sei schon mehrmals in Korbach zu Gast gewesen, sagte Debour. Ihr Stück "Geld oder Leben" thematisiere die Emanzipation. Gälten Jugendliche seit Generationen  als unpolitisch, suchten sie nun einen politischen Standpunkt. Das Stück sei "sehr gut gemacht",  anschaulich und konkret. In der Nachbesprechung sei es gleich in die inhaltliche Diskussion gegangen.

Im Stück "unerhört" der Jugendtheater der Gesamtschule in Eiserfeld gehe es auch um die Selbermächtigung und Teilhabe, insofern schließe es sich wie ein "kleiner inhaltlicher roter Faden" an die Aufführung der  Höchster  an: Themen seien die Selbstermächtigung, die Demokratie und die Standpunktsuche. 

Auch bei der Musicalgruppe "Strong together" des evangelischen Kirchenkreises der Eder gehe es um den Versuch der Selbstermächtigung und Befreiung, Thema des Stücks "Rise up and shine" sei in erster Linie, "wie fühlt es sich an, gebunden zu sein und eine Bindung nicht verlassen zu können". Inhaltlich werde gezeigt, wie eine junge Frau häusliche Gewalt durchlebt und wie ein Mensch innerlich verkümmert, die Tanzelemente stellten dabei die Gefühlssituation der Frau dar. 

Als sinnvolle Vertiefung und mystisches Element bezeichnete Debour die dazu genommenen Szenen aus dem Märchen "Aschenputtel". Sie seien ein "überzeitlicher Spiegel zur Reflexion". Die Musicalgruppe von Jennifer Heise mit Akteuren aus der Region hat ihre Arbeit vor acht Jahren begonnen. Seit drei Jahren arbeitet sie in der jetzigen Besetzung.

Das von Debour inszenierte Stück "Wi(e)derstand" sei "bildstark oppulent, mächtig", erklärte Schwarzmann. "Jedes Detail überlagert sich", es gebe viele Details, die ineinander übergriffen und sich ergänzten. Die Inszenierung sei durchdacht. Auch nach dieser Aufführung sei die Diskussion relativ schnell inhaltlich geworden.

Die Gruppe "Rohestheater" seit seit Jahren "unser Hausensemble", sagte Dr. Wecker. Sie zeige, dass es sinnvoll sei, eine Gruppe mehrere Jahre lang "durchspielen" zu lassen.

Spielstätten und Inszenierungen

Die Mitglieder des Kuratoriums diskutierten auch über Vor- und Nachteile der Spielstätten. So begrüßten sie zum Beispiel die Aufführung des Kabarettheaters der Odenwalder Ernst-Göbel-Schule  im Korbacher Kino "CineK". Der Betreiber sei sehr kooperativ und unkompliziert gewesen, sagte Debour. Die Technik habe alle Herausforderungen gut gelöst. "Und das Stück passt in Kinowelt hinein."

Die Grevenbroicher Gruppe „Poko*Mania“ inszenierte ihre Kleist-Bearbeitung der "Marquise von O..." in der Nikolaikirche - die wegen der anstehenden Sanierungsarbeiten die nächsten zwei Jahre ausfällt. Sie interpretierte den Novellenstoff neu und gab ihm in ihrer Bearbeitung unter dem schlichten Titel "O" eine bislang ungehörte Deutung ins Inzestuöse.

Auch das von Debour inszenierte Stück "Wi(e)derstand" hätte ins Gotteshaus gepasst, urteilte Schwarzwald. Die Schwerpunktthemen Kapitalismus und Faschismus waren dabei eingebettet in die alttestamentarische Geschichte von Kain und Abel und drei Gleichnissen aus dem Neuen Testament.

Die Theatergruppe der Korbacher Lebenshilfe habe bei ihrer Eigenproduktion des Stücks "Momente" die große Bühne in der Stadthalle gut nutzen können, sagte Debour. Die bisher bespielte kleinere Bühne im Bürgerhaus lasse ansich mehr Spontanität zu, das Publikum sei gleich "mitten drin". Diese Möglichkeiten "sollten wir beibehalten". Ziel der Aufführungen sei auch, „Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen“  dazu zu bringen, "Glücksgefühle auf der Bühne wahrzunehmen", sie "dürfen sich feiern lassen". Das sei konsequent gemacht worden.

Guter Besuch der acht Aufführungen

Im Schnitt hätten 180 Besucher die Aufführungen verfolgt, berichtete Petra Frömel. Nach seinem Eindruck seien die Reihen dieses Jahr voller gewesen, stellte Schwarzwald fest. Mit acht Aufführungen habe es eine weniger als 2018 gegeben. Leider seien Aufführungen in den Schulen diesmal nicht zustande gekommen. Auch die Theater-AG der Frankenberger Edertalschule sei nicht dabei gewesen. 

Am Montag musste eine Gruppe krankheitsbedingt absagen, dank des Fördervereins und seines Sponsors Sparkasse sei aber noch schnell ein Ersatz gefunden worden, sagte Schwarzwald. So kam das Publikum in den Genuss einer erstklassigen "Kartoffelsuppe". Debour: "Das Stück hat vielen gemundet. Es vermittelt einen Sinn nach dem anderen." Und zum Schluss wurde das Rezept der Suppe verteilt.

Geschichte der Theaterwoche aufgearbeitet

Hartmann ging auch auf den Vortrag von Jan Siebenbrock ein, der vor fünf Jahren begonnen hat, seine Doktorarbeit über die Theaterwoche zu schreiben. "Bei uns ist er damit offene Türen eingerannt", sagte Hartmann. Von 1949 bis heute seien noch alle Unterlagen vorhanden. Siebenbrock  habe auch Zeitzeugen befragt. 400 Seiten sind zusammengekommen. In vier Abschnitten schildert der Doktorand darin die Entwicklung bis 1973 und die Entwicklung von der Waldecker Laienspielwoche zur international ausgerichteten Theaterwoche. 

Hartmann bedauerte, dass Siebenbrock bereits 1973 den Bruch mache - in dem Jahr kamen die Werkstätten als drittes Element neben den Aufführungen und der Diskussion dazu. "Ich hätte mir gewünscht, dass er die Geschichte weiterführt." 

Der Vortrag am Mittwoch Nachmittag im Kreishaus sei gut besucht gewesen, es seien einige Fragen aus dem Publikum gekommen. Und so befand Dr. Wecker: "Es war gute Idee, das zu machen. Den Ansatz sollten wir weiterverfolgen."

Die Werkstatt-Arbeit

An der Werkstatt-Arbeit von Dienstag bis Freitag beteiligten sich 110 Jugendliche in sechs Gruppen. Thema diesmal: "What's our Story?" Hinzu kamen die Schreib- und die Technikwerkstatt.

 Debour freute sich, dass auch Menschen mit Behinderungen wieder voll eingegliedert waren - es gab einen integrativen Workshop in Zusammenarbeit mit der Theatergruppe der Korbacher Lebenshilfe. Dieser "integrative Anteil" sei dieses Jahr durch Schüler der Paul-Zimmermann-Schule erweitert worden, hob er hervor.  Auch ehemalige Mitspieler seien gekommen. Debour fand diese Beteiligung "sehr schön: Sie wirken wie alte Hasen, die Werkstatt ist ihr Treffpunkt geworden, sie fühlen sich aufgenommen." Und sie hätten auch mit gegessen.

Die Präsentation der Werkstattergebnisse im „Loch“ bildete am Samstag den Abschluss der Korbacher Theaterwoche. Die große "Gratulations-Performance" mit allen Teilnehmern beendete die Aufführungen der Gruppen. Mit einem gemeinsamen Sirtaki und einem "Ständchen" des großen „Geburtstagschores“ an die Theaterwoche verabschiedeten sie sich.

Die Präsentation der Werkstattergebnisse im „Loch“ bildete am Samstag den Abschluss. Die große "Gratulations-Performance" mit allen Teilnehmern beendete die Aufführungen der Gruppen. Mit einem gemeinsamen Sirtaki und einem "Ständchen" des großen „Geburtstagschores“ an die Theaterwoche verabschiedeten sie sich.

Am Samstag brachte das Team der Schreibwerkstatt zudem die achtseitige Festivalzeitung „Spotlight“ heraus, sie fasst die Werkstatt-Arbeit zusammen. Das neue Layout habe einiges an Umstellung und Arbeit erfordert, berichtete Schwarzwald. Er bedauerte das mangelnde Interesse der Alten Landesschule, die seit Jahren ein „aktiver Begleiter“ des Zeitungsprojektes sei. Deren Gymnasiasten seien Erfinder der  „Spotlight“ gewesen.

Ausblick auf 2020

"Wir haben eine tolle Theaterwoche  hinter uns",  Dr. Wecker. Die nächste finde vom 18. bis 23. Mai 2020 statt, gab er bekannt.

 „Sich wandeln, ausbrechen, frei werden“, schlug Schwarzwald als Arbeitsthema für die Werkstatt-Arbeit vor. Motto könne sein: „Der Mensch ist eine Spieluhr“. Als Grundlagentext könne das  1879 erschienene Drama "Nora oder Ein Puppenheim" des norwegischen Schriftstellers Henrik Ibsens dienen. Darin geht es um eine Frau, die aus ihrer Ehe und den engen gesellschaftlichen Konventionen des Bürgertums ausbricht.

Die Teilnehmer könnten "eine Geschichte entwickeln, wie ein Mensch frei wird und sich emanzipiert", sagte Schwarzwald, das Leitmotiv könne die  Melodie einer Spieluhr sein.

"Das ist eine Herausforderung für mich", sagte Debour: "Wie kann ich die Geschichte zeitgemäß machen?" Sie sei ehr nicht "jugendgemäß", das gelte es, in der Werkstatt zu problematisieren.

Werner Hartmann verabschiedet

Das Kuratorium verabschiedete Werner Hartmann, der bereits seit März Ehrenmitglied ist. Sein Ausscheiden sei ein großer Einschnitt, sagte Dr. Wecker. Damit ende „ein wichtiges Stück Geschichte der Theaterwoche“, die Hartmann 40 Jahre lang mitgeprägt habe. Hartmann habe auch ihn unterstützt, als er vor 20 Jahren ins Kuratorium gekommen und gewissermaßen "ins kalte Wasser geworfen" worden sei. "Er hat uns das Schwimmen beigebracht."

„Du warst für uns ein Goldstück“, sagte Schwarzwald. Er erinnerte daran, dass Sitzungen des Kurartoriums lange bei Hartmanns in Berndorf stattgefunden hätten. Als Vorsitzender des Fördervereins überreichte er ihm als Dank das Fotobuch "Werner und die Theaterwoche" mit Erinnerungsbildern an seine lange und wichtige Arbeit. 

Im Vorstand des Fördervereins wolle er weiter mitarbeiten, auch dem Kuratorium stehe er weiter „mit Rat und Tat zur Verfügung“, beteuerte Hartmann. Er hatte am Montag den Ehrenbrief des Landes erhalten.

Junge Leute für die Leitung gewinnen

Schwarzwald rief auf, sich nach den 70 Jahren Zeit zu nehmen für eine „Evaluierung“ und sich Gedanken zu machen, wie sich die künftige Arbeit erleichtern lasse und welche Strukturen erforderlich seien. 

Der Fortbestand der Theaterwoche sei materiell nicht gefährdet, der Förderverein sei „mittelfristig gesichert“, sagte Dr. Wecker. Aber es gehe um die Frage, wie sich die Theaterleitung personell erneuere. „Wir müssen junge Leute stärker einbinden". Sie zu akquirieren "ist ein entscheidender Punkt, von der die Zukunft der Theaterwoche abhängt". Mit dem Engagement von Jennifer Heise ist ein erster Schritt bereits vollzogen. 

Für Dr. Wecker steht fest: "Die Theaterwoche lebt von den Ideen derer, die diese Woche machen und gestalten.“ (-sg-)

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