Waldecker aus Leidenschaft

Kurt Finke (99) ist gestorben

Kurt Finke hat das kulturelle Leben in Korbach über Jahrzehnte mitgeprägt. Archivfoto: Demski

Korbach - Kurt Finke hat das kulturelle Leben in Korbach und dem Waldecker Land über Jahrzehnte mitgeprägt. Im Alter von 99 Jahren ist der gebürtige Berliner gestorben.

Ein Gassenhauer von Udo Jürgens war für Kurt Finke wahrlich Programm: „Mit 66 Jahren…“ Denn zur Ruhe gesetzt hat sich der pensionierte Schulleiter nie. „Danach ging es erst richtig los“, schilderte der Korbacher einmal schmunzelnd, als er am 27. April 2010 seinen 95. Geburtstag feierte. Obwohl Finke schon in den Jahrzehnten seines bewegten Berufslebens als Lehrer und Schulleiter zusätzlich enormes ehrenamtliches Engagement für Korbach und das Waldecker Land zeigte.

Kurt Finke wurde 1915 in Berlin geboren. Literatur und Theater bereiteten ihm als Schüler besondere Freude. Finke wollte nach dem Abitur Zeitungswissenschaften studieren, hatte unter Hitlers Nazi-Diktatur aber wenig Chancen, weil er kein Parteibuch der NSDAP wollte. Bei der Preußischen Staatsbank bekam Finke einen Ausbildungsplatz als Bankkaufmann.

Gerade 24 Jahre jung, musste Finke als Soldat in den Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945) - ob Italien, Westfront in Frankreich oder Ostfront in Russland. Mit dem II. Bataillon des Infanterie-Regiments ging es von Nordhessen über Polen zum mörderischen Kessel von Stalingrad.

Der Kommandeur hatte Kurt Finke gebeten, mit einer Kamera das Kriegsgeschehen zu filmen. Nicht für Propagandazwecke, sondern Szenen der harten Realität. Die insgesamt rund 20 Filmstreifen über jeweils drei Minuten schickte er nach und nach mit der Feldpost zu seiner Mutter nach Berlin. Dass just diese Aufnahmen auf Zelluloid später noch für Furore sorgen sollten, konnte der junge Soldat nicht ahnen.

„Ich war Lehrer mit Leib und Seele“

Bei Kriegsende 1945 war Finke 30 Jahre alt, hatte wie viele seiner Generation schon ein Leben voller Brüche hinter sich - und wusste nicht wohin. Ein Kriegskamerad nahm ihn mit nach Bad Wildungen.

Deutschland lag in Trümmern, an Schulen wurden „unbelastete“ Lehrer gesucht. Da Kurt Finke Kultur und Pädagogik ohnehin mehr mochte als seinen Beruf als Bankkaufmann, begann er als Schulhelfer in Armsfeld. Ein Glücksfall, wie Finke später bekannte: „Ich war Lehrer mit Leib und Seele.“

Finke ließ sich 1947 am pädagogischen Institut ausbilden, absolvierte die Staatsprüfung als Lehrer und blieb rund zehn Jahre an der Dorfschule. Seine Leidenschaft für Kultur bemerkten alsbald auch die Schulkinder: Finke inszenierte Theaterstücke, nahm mit einer Gruppe in den 50er-Jahren auch an der jungen Theaterwoche in Korbach teil.

1956 ging Finke für drei Jahre als Dozent an die Hessische Landvolk-Hochschule, danach für ein Jahr an die Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung (Frankfurt/Main). 1960 kehrte er als Lehrer in den hessischen Norden zurück nach Bottendorf. Gemeinsam mit seiner Frau Herta kam der Pädagoge schließlich 1963 nach Korbach. Finke wurde Lehrer, ab 1964 dann Rektor der Berliner Schule - damals noch Grund-, Haupt- und Realschule.

Finke prägte fortan nicht nur Generationen von Schülern, sondern mischte auch ehrenamtlich kräftig mit im kulturellen Leben. 1968 wurde er Vorsitzender des Kreisverbandes für Erwachsenenbildung, arbeitete mit bei Schul- und Städtepartnerschaft zwischen Korbach und Avranches. Und zur 1000-Jahr-Feier Korbachs 1980 übernahm Finke die redaktionelle Leitung für die Festschrift.

Seine Pensionierung 1980 als Schulleiter war für den Wahl-Korbacher zugleich Startschuss für neue Aufgaben in der Erwachsenenbildung. Rund 20 Geschichtskurse leitete Finke an der Volkshochschule, organisierte rund 120 Studienfahrten, war Filmemacher und Autor.

2004 rückten dann noch einmal die Aufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg in den Blickpunkt. In den 50er-Jahren hatte Finke das Material bereits ans britische Fernsehen (BBC) ausgeliehen, später ließ Finke seine Aufnahmen digitalisieren. Die Resonanz war 2004 nicht nur beim Filmvortrag im Bürgerhaus überwältigend, sondern Finke stand kurz zuvor als Zeitzeuge auch für eine ARD-Dokumentation zur Verfügung.

Für sein großes ehrenamtliches Wirken erhielt Finke 1973 den Landesehrenbrief, 1975 das Bundesverdienstkreuz und 1980 die silberne Ehrennadel der Stadt Korbach. Im Alter von 99 Jahren starb Finke am vergangenen Sonntag. Ein Menschenleben voller Dramatik, Neubeginn, Hoffnung, Versöhnung und kultureller Leidenschaft - wie es auch ein Theaterregisseur kaum wechselvoller hätte inszenieren können.

Von Jörg Kleine

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