Krankenpflegeschule am Stadtkrankenhaus wurde vor 60 Jahren gegründet · Festakt am 9. November

Lange herrschte „Schwesternmangel“

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Jahrgang 2013: 26 Schülerinnen und Schüler der Klasse der Gesundheits- und Krankenpfleger mit Ruth Piro-Klein (r.), die das Bildungszentrum des Stadtkrankenhauses leitet.

Korbach - Die Krankenpflegeschule des Korbacher Stadtkrankenhauses feiert in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Am kommenden Samstag findet aus diesem Anlass ein Festakt statt. Ein Blick in die Historie der Einrichtung.

Offizieller Geburtstag der Einrichtung ist der 1. April 1953. Ausgebildet wurden ausschließlich Krankenschwestern, „die nicht den Status einer Diakonisse anstrebten“, schreibt Wolfgang Kluß in seinem Buch „Vom Stadtmedicus zum Stadtkrankenhaus Korbach“. Diakonissen hatten sich zu einfachem Lebensstil, Ehelosigkeit und Gehorsam zu verpflichten. Der Ärztliche Leiter des Korbacher Krankenhauses, Dr. Wilhelm Brühl, der als Initiator der Pflegeschule gilt, übernahm deren Leitung. Als Leitende Schulschwester fungierte Elisabeth Lötzer.

Grundlage der Ausbildung, berichtet Kluß weiter, war das „von den rassehygienischen Bestandteilen befreite Krankenpflegegesetz von 1938. Die Ausbildung dauerte zwei Jahre, bei 200 Stunden theoretischem Unterricht“. Unterkunft und Verpflegung waren frei, eine Schwesternschülerinnen-Tracht und ein Taschengeld von 30 Mark monatlich inklusive. Bewerberinnen mussten mindestens 18 Jahre alt sein und eine einjährige hauswirtschaftliche Tätigkeit nachweisen können. Schulgeld wurde nicht verlangt. Stattdessen mussten sich die Schülerinnen verpflichten, „nach bestandenem Examen mindestens ein Jahr im Krankenhaus Korbach als Vollschwester zu arbeiten“.

„Schwesternmangel“

Die Nachfrage hielt sich anfangs in Grenzen. Vor allem, weil der Beruf „Krankenschwester“ weder Reichtümer noch geregelte Arbeitszeiten versprach. Als Wochenarbeitszeit waren mindestens 60 Stunden üblich, hinzu kamen Einsätze in der Nacht oder am Wochenende. Vom „Schwesternmangel“ war die Rede, der Ende der 1960er-Jahre seinen Höhepunkt erreichte, wie Kluß in seinem Beitrag zur „regionalen Sozialgeschichte der Medizin“ vermerkt. Die Aufbruchstimmung in der jungen Bundesrepublik erreichte mit etwas Verspätung dann auch das Korbacher Krankenhaus.

Äußerliches Zeichen des gesellschaftlichen Wandels: Mit einer Unterschriftenaktion protestierten die Schülerinnen erfolgreich dagegen, weiter eine Schwesternhaube tragen zu müssen. „Auch rutschten die Säume der Kleider und Schürzen mehr als eine Handbreit über das Knie“, heißt es in Kluß’ Buch. Noch gravierender wirkte sich 1975 die Absenkung der Volljährigkeit aus. „Damit war die internatsmäßige Kasernierung der Lernschwestern im Schülerwohnheim nicht mehr zu rechtfertigen.“

Allmählich wurden auch die Arbeitsbedingungen verbessert. Die Wochenarbeitszeit betrug nur noch 44 Stunden. Außerdem mussten die Schülerinnen nicht mehr die Reinigungsarbeiten auf Station übernehmen. Die Wirtschaftskrise zu Beginn der 1970er-Jahre sorgte dann letztlich dafür, dass der Nachwuchsmangel plötzlich kein Thema mehr war. „Schwesternschülerinnen wie Sand am Meer“ titelte die Frankenberger Zeitung im März 1975. Die früher erwartete „halbwegs unentgeltliche Aufopferung“ der Krankenschwester sei den „Anforderungen an einen normalen Beruf mit 40-Stunden-Woche gewichen“.

„Bis in die 1970er-Jahre waren sehr kleine Klassen die Regel und ein bis zwei Schülerinnen pro Jahrgang keine Seltenheit“, weiß auch Ruth Piro-Klein, die 1985 als „Unterrichtsschwester“ die Leitung der Krankenpflegeschule übernahm. Ihre erste Klasse umfasste allerdings 58 Schülerinnen und Schüler. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit hatte die Nachfrage inzwischen weiter gesteigert. Die Zahl der Ausbildungsplätze wurde von 70 auf 90 erhöht. Die Klassenstärken lag somit bei 25 bis 30 Schülern.

Zu Beginn der 1990er-Jahre tauchte das Phänomen Pflegekräftemangel erneut auf. Ein roter Doppeldecker-Bus stand 1991 und 1992 im Zentrum einer aufsehenerregenden Werbeaktion, die Ruth Piro-Klein in der Korbacher Fußgängerzone organisiert hatte. Geworben wurde jetzt, so berichtet Kluß, „mit einem krisensicheren, anspruchsvollen Beruf mit Aufstiegsmöglichkeiten, einer 38,5-Stunden-Woche, 26 Urlaubstagen“ und vergleichsweise guten Gehältern.

Neue Berufsfelder

„Unseren Absolventen bieten sich viele Möglichkeiten“, betont Ruth Piro-Klein. Als Berufsfelder gewinnen neben den Krankenhäusern auch die ambulante wie stationäre Pflege immer mehr an Bedeutung. In dem von ihr geleiteten Bildungszentrum in der Friedrich-Bangert-Straße 1 sind aber auch akademische Weiterbildungen (Pflegewissenschaft, -management oder -pädagogik) möglich. Noch gibt es mehr als genug Bewerber für die 60 Ausbildungsplätze. Geburtenrückgang einerseits und steigender Pflegebedarf andererseits könnten aber schon bald, so die Befürchtung der versierten Krankenpflege-Expertin, wieder in einer Mangelsituation münden - nicht an Schwestern, sondern an Gesundheits- und Krankenpflegern, wie die offizielle Berufsbezeichnung seit 2004 lautet.

Wolfgang Kluß: „Vom Stadtmedicus zum Stadtkrankenhaus Korbach“, Verlag Bing und Schwarz, Korbach 2010. Der Autor war von 1989 bis 2005 und ist seit März dieses Jahres wieder Geschäftsführer des Stadtkrankenhauses.

Festakt in der sdtadthalle

Der Festakt beginnt am Samstag, 9. November, um 10 Uhr mit einem Sektempfang in der Stadthalle. Vor und nach den Grußworten, unter anderem von Bürgermeister Klaus Friedrich, musiziert das Orchester der Musikschule Korbach. „Die Entwicklung der Pflegebildung in den letzten 60 Jahren“: Mit diesem Thema beschäftigen sich die beiden Festvorträge ab 11.30 Uhr. Zunächst richtet Karl-Heinz Knoche, der 1967 als erster Krankenpflegeschüler die Ausbildung durchlief, den Blick auf die Krankenpflegeschule in Korbach. Anschließend spricht Diplom-Pflegepädagogin Brita Ziske, ebenfalls Absolventin der Korbacher Schule, zum Thema „Pflegebildung auf dem Weg zur Akademisierung unter besonderer Betrachtung bedeutender Persönlichkeiten“. Nach der Pause mit Gelegenheit zum Mittagessen (12.30 bis 14 Uhr) ist eine Modenschau historischer Trachten vorgesehen, Motto: „Pflegekleidung im Wandel der Zeit“. Sabine van Dyck und Schüler der Klasse 13/16 führen die Kleidungsstücke vor. Ab 15 Uhr können die Teilnehmer dann beim Kaffeetrinken gemeinsame Erinnerungen austauschen.

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