Von Arbeiterpartei zur Volkspartei: Streifzug durch SPD-Geschichte in Waldeck

Langer Weg in Mitte der Gesellschaft

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Ein Bild aus der Anfangszeit der Korbacher Sozialdemokratie: Ein Wanderausflug führte die Familien der Mitglieder 1925 zur Meineringhäuser Warte. Der Ortsverein wurde im Sommer 1911 gegründet.

Korbach - Die älteste noch bestehende Partei Deutschlands blickt heute auf ihre 150-jährige Tradition zurück: die SPD.

Bevölkerungswandel, schnelle Internetverbindungen, Ausbau der erneuerbaren Energien - mit solchen Zukunftsthemen befasst sich der sozialdemokratische Landrat Dr. Reinhard Kubat derzeit. „Mit uns zieht die neue Zeit“, heißt es schließlich in der 99 Jahre alten Parteihymne „Wann wir schreiten Seit‘ an Seit‘“. Doch heute blickt die SPD zurück auf ihre Anfänge: Am 23. Mai 1863 gründete Ferdinand Lassalle in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein ADAV - die erste Arbeiterpartei Deutschlands.

Hungerlöhne, sieben-Tage-Wochen mit bis zu 14 Stunden Arbeit pro Tag, miese Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, Rechtlosigkeit, elende Wohnquartiere - mit der Industrialisierung wuchs vor rund 200 Jahren auch in Deutschland das Proletariat, das in den Fabriken schuften musste. Als Antwort darauf formierte sich die Arbeiterbewegung, sie forderte „Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“ ein und wollte durch und den gemeinsamen Kampf die Arbeitsverhältnisse verbessern.

Politischer Arm

Vor 150 Jahren bekamen die Gewerkschaften mit Lassalles Gründung auch einen politischen Arm. 1875 entstand in Gotha die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands SAP, aus der 1890 die SPD hervorging - siehe dazu auch Seite 4.

In Waldeck hatte es die SPD anfangs schwer. Das landwirtschaftlich geprägte Fürstentum hatte keine Industrie, und selbst Knechte und Handwerksgesellen hielten einen „standesgemäßen“ Abstand zur „Arbeiterklasse“. Dennoch fand das Gedankengut der Arbeiterbewegung Eingang ins Fürstentum: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts suchten sich junge Waldecker Arbeit in der wachsenden Industrie Westfalens, Wuppertal wurde zur „heimlichen Hauptstadt Waldecks“. Die „Westfalengänger“ brachten SPD-Ideen mit in die Heimat. Nach der Ansiedlung von Louis Peter‘s Gummifabrik in Korbach entstanden weitere Fabriken, der Anteil der Arbeiter stieg allmählich.

Von Kassel aus versuchte die SPD, im Fürstentum Anhänger zu finden. 1890 trat mit dem Kasseler Zigarrenhändler Garbe erstmals ein Sozialdemokrat in Waldeck bei Reichstagswahlen an. Außerdem warb eine Agitationskommission Mitglieder und baute „Stützpunkte“ auf.

In Korbach stieß sie auf Anton Eßbach. Mit Friedrich Behle rief er im Sommer 1911 eine SPD-Ortsgruppe ins Leben. In Mengeringhausen war der Landwirt Heinrich Schmidt aktiv, in Wildungen der Schuhmachermeister Karl Klapp.

Gegen die SPD-„Umtriebe“

Die Obrigkeit ging gegen die sozialdemokratischen „Umtriebe“ vor, Behörden ordneten Hausdurchsuchungen an, wer an SPD-Versammlungen teilnahm, riskierte Entlassung oder Kündigung der Wohnung. Im Kaiserreich führte Kanzler Otto von Bismarck mit den „Sozialistengesetzen“ einen zweijährigen Kampf gegen die SPD.

Doch die angeblich „vaterlandslosen Gesellen“ erwiesen sich im Ersten Weltkrieg als patriotisch, sie blieben lange an der Seite des Kaisers, die Kommunisten spalteten sich deshalb 1917 ab. Nach dem Krieg und dem Sturz der Monarchien kam die SPD in die Regierungsverantwortung, Friedrich Ebert wurde erster Reichspräsident. Statt auf Revolution setzte sie auf Reformen. Die Partei regierte auch im „roten Preußen“.

Doch im konservativen Freistaat Waldeck blieb die SPD in der Minderheit, 1919 bekam sie knapp 30 Prozent. Viele verübelten ihr, dass SPD-Mitglieder 1918 im Arbeiter- und Soldatenrat an der Absetzung von Fürst Friedrich beteiligt waren.

Führungsmann Bräutigam

Eine führende Persönlichkeit jener Zeit war der Landauer Heinrich Bräutigam, er wurde SPD-Fraktionschef im Waldeckischen Landtag. In Arolsen wirkte der Redakteur Harry Kramer, in Mengeringhausen der Malermeister Bernhard Franke.

„Vor allem Arbeiter, Handwerker, Tagelöhner und Dienstpersonal, vereinzelt auch Bauern, bildeten die Anhängerschaft der Sozialdemokraten“, schreibt Karl Murk. Doch nach der Inflationszeit stoppte ab 1924 der Aufwärtstrend der Partei. Und die Weltwirtschaftskrise nach 1929 brachte ihr das „Aus“: Durch das Versagen der demokratischen Parteien bekamen die Extremisten vom linken und rechten Rand Zulauf. Adolf Hitlers Nationalsozialisten sicherten sich 1933 die Macht - und hebelten die Verfassung aus.

Sie peitschten das „Ermächtigungsgesetz“ durch den Reichstag - allein die SPD stimmte mit Nein“. Folge: Auch Sozialdemokraten wurde verfolgt, die Waldecker Ortsvereine wurden aufgelöst. Ein neuer Weltkrieg folgte. Er endete 1945 mit der Kapitulation der Wehrmacht.

Bereits am 28. September 1945 wurde nach der Genehmigung der amerikanischen Militärregierung der Korbacher Ortsverein wieder gegründet. Seit 1952 stelle er die stärkste Fraktion in der Kreisstadt, hält Hartmut Wecker fest. Mit den Bürgermeistern Dr. Dr. Horst Bökemeier und Wolfgang Bonhage bildete Korbach für 34 Jahre eine „rote Bastion“ in Waldeck.

Weg zur Volkspartei

Die Bundespartei wandelte sich 1959 mit dem „Godesberger Programm“ von der Arbeiterpartei zur Volkspartei, die für die „soziale Marktwirtschaft“, die Bundeswehr und die Westbindung eintrat. Sie regierte in Hessen und bekam ausgerechnet im eher konservativen Nordhessen stabile Mehrheiten. Allerdings gilt die dortige SPD auch als konservativer als der linke Flügel im Süden.

In den 1960er Jahren holte die SPD auch im Bund auf, der Modernisierungsdruck wuchs, und Reformen trauten viele Willy Brandts SPD zu. „Willy wählen“ wurde zum Trend, zum ersten Mal kam die Partei 1972 im Bund auf fast 46 Prozent, sie verzeichnete einen enormen Mitgliederwachstum. Nach der Gebietsreform Anfang der 1970er Jahre bildeten sich auch in den neuen Großgemeinden Waldecks zahlreiche neue Ortsvereine.

1989 wurde mit Bökemeier erstmals ein SPD-Mann Landrat - er holte die FWG und die FDP auf seine Seite statt der Grünen.

Einschnitt durch „Agenda“

Einen jähen Einschnitt fügte sich die SPD mit der bis heute umstrittenen „Agenda 2010“ zu, sie verwarf Grundsätze der „sozialen Marktwirtschaft“ und der alten Arbeiterpartei, es hagelte Parteiaustritte, auch in der SPD-Hochburg Waldeck-Frankenberg gingen reihenweise Wahlen verloren, bis heute verharrt die Partei bei um die 30 Prozent. Das Vertrauen in die „Partei der kleinen Leute“ war verspielt.

Nur langsam gelingt es ihr, wieder Fuß zu fassen. Immerhin 54,3 Prozent der Waldeck-Frankenberger haben Dr. Reinhard Kubat zum Landrat gewählt. Der mit dem Kreis in die „neue Zeit“ schreiten will.

Ein ausführlicher Bericht über die Geschichte der SPD in Waldeck folgt im Juni in der WLZ-Beilage „Mein Waldeck“.

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