Lebenshilfe Waldeck-Frankenberg recycelt auch Stoffe

Nachhaltigkeit statt Mülltonne: Neues schaffen aus altem Material

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Aus alten WLZ-Bannern hat Eva Kleinsteuber (an der Nähmaschine) mit einigen Kolleginnen Taschen angefertigt. Hinten links Einrichtungsleiterin Kirsten Hille und Barbara Naumann, ehemalige Lebenshilfe-Mitarbeiterin.

Korbach – Millionen Tonnen Müll produzieren wir Deutschen jedes Jahr. Doch nicht alles, was in die Tonne wandert, müsste auch dort landen. Viele Materialien lassen sich wiederverwerten – und so mitunter in ganz anderer Funktion nutzen.

Nachhaltigkeit spielt auch bei der Lebenshilfe Waldeck-Frankenberg eine Rolle. Rund 40 Unternehmen aus dem Landkreis sorgen mit ihren Aufträgen dafür, dass die Transportwege kurz und zudem zahlreiche Arbeitsplätze bei der Lebenshilfe gesichert sind.

In den unterschiedlichsten Bereichen arbeiten Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in den Werkstätten. In der Werkstatt Ziegelfeld beispielsweise werden von Menschen mit psychischen Erkrankungen unter anderem Rollenführungen für die Möbelindustrie und Motorschutzschalter gefertigt. Einige Aufgaben seien komplex und würden eine Herausforderung für die Mitarbeiter darstellen, sagt Rüdiger Stahl, Abteilungsleiter der Werkstatt. Entsprechend eng würden sie begleitet. Andere Aufgaben seien dagegen leichter zu bewältigen.

Dazu gehörte jetzt auch ein Auftrag der Waldeckischen Landeszeitung. Verena Niemann, verantwortlich für das Marketing der WLZ, hatte die Idee, ausrangierte, große Werbebanner der Zeitung neu zu nutzen. Im Internet war sie über Taschen gestolpert, die aus Lkw-Plane gefertigt wurden. Da die Banner aus dem selben Material sind, entstand schnell der Gedanke, ebenfalls Taschen daraus anfertigen zu lassen, sagt sie. Verlagsleiter Markus Dittmann unterstützte das Projekt prompt. Die Lebenshilfe als Partner zur Umsetzung war schnell gefunden.

Kurze Transportwege

20 Taschen haben Eva Kleinsteuber, Elena Spengler und Angelina Di Corato an einer Industrienähmaschine gefertigt, jede ist ein Unikat geworden. Wo sonst Babydecken, Handyhüllen und Kuscheltiere entstehen, haben die Frauen die robusten Tragetaschen genäht, die jetzt zugunsten der Lebenshilfe verkauft werden.

Oftmals werden gebrauchte Stoffe für die Näharbeiten genutzt, erst jetzt sei eine große Lieferung einer Möbelfirma gekommen, sagt Stahl. Für die Basare der Lebenshilfe werden daraus nun nach und nach Handtaschen und Dekoartikel entstehen. An anderen Standorten der Lebenshilfe werden zudem gebrauchte Bücher verkauft (Bad Wildungen) und regionale Lebensmittel verarbeitet (Korbach).

Ein anderer Aspekt der Nachhaltigkeit sind die Transportwege. Eine Zeit lang, sagt Einrichtungsleiterin Kirsten Hille, habe die Lebenshilfe in Konkurrenz gestanden zu Produktionsstandorten in China. So manches Unternehmen ließ lieber dort fertigen. „Aber einige Kunden waren unzufrieden und sind zurückgekommen.“ Gerade viele der größeren Unternehmen im Landkreis seien daran interessiert, regional zu produzieren und damit auch die Menschen vor Ort zu unterstützen.

Handwerklich arbeiten, pädagogisch betreuen

In der Werkstatt Ziegelfeld sind das derzeit 54 Frauen und Männer mit psychischen Erkrankungen, die meist bereits eine lange Krankengeschichte hinter sich haben. Sie werden nicht nur während der Arbeit begleitet, sondern können auch begleitende Angebote wie Schwimmen, Fußball und Konzentrationsübungen wahrnehmen, sagt Hille.

Die Arbeit in den Werkstätten soll nicht nur wieder in die reguläre Arbeitswelt führen. Sie soll auch Selbstbewusstsein geben, wie die ehemalige Mitarbeiterin Barbara Naumann sagt, die das WLZ-Nähprojekt betreut hat. Und wer etwas geschaffen habe, könne sagen: „Seht her, das habe ich gemacht.“

54 Frauen und Männer arbeiten derzeit in der Werkstatt Ziegelfeld der Lebenshilfe. Fast alle, sagt Einrichtungsleiterin Kirsten Hille, haben eine abgeschlossene Berufsausbildung sowie eine lange Krankengeschichte. Betreut werden sie in der Werkstatt von aktuell vier Fachkräften, zudem gibt es eine Auszubildende.

Wahrgenommen werden am Standort Ziegelfeld die unterschiedlichsten Aufgaben, es gebe Einzel-, aber auch Jahresaufträge. Es gibt neben Metall- und Elektro- auch einen Druckbereich. „Wir wollen von Industrie und Handel als normaler Dienstleister gesehen werden“, sagt Abteilungsleiter Rüdiger Stahl. Viele würden die Leistungsfähigkeit noch immer unterschätzen, obwohl teils sehr komplexe Arbeiten übernommen würden. Die Kunden würden die erledigten Aufträge auch monatlich bewerten – eine Grundlage für die Zertifizierung.

Neben der Arbeit gibt es auch begleitende Maßnahmen für die Betreuten, beispielsweise Krankengymnastik, Gesprächs- oder Sportangebote. „Ein Ziel ist die Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt“, sagt Hille.

Verkauf für den guten Zweck

20 Taschen sind aus den alten Bannern der Waldeckischen Landeszeitung entstanden. Verschiedene Größen und unterschiedliche Farben gibt es, jede Tasche ist ein Unikat. Diese werden ab sofort im Kundenservice der WLZ verkauft. Zehn Euro kostet eine Tasche. Die Einnahmen werden komplett gespendet an die Lebenshilfe Waldeck-Frankenberg.

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