Ehrenamtliche Vorleser besuchen Korbacher Kindergärten · Heute bundesweiter Aktionstag

„Lesen muss großgeschrieben werden“

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Dienstags ist Vorlesetag im Kindergarten Hillershausen. Auf Marie-Luise Lindenlaub und ihre Lektüre warten die Mädchen und Jungen dann immer ganz gespannt.

Korbach - „Alina, hol doch mal die anderen. Gleich wird wieder vorgelesen.“ Mehr muss Gudrun Huneck, Leiterin des Kindergartens Hillershausen, gar nicht sagen. In Windeseile hat sich ein kleiner Gänsemarsch formiert - Richtung Leseecke.

„Frau Lindenlaub, hast du schon unseren Baum gesehen?“, wird die Vorleserin gleich freudig empfangen. Im Sessel unter dem Baum mit Fotos aller Mädchen und Jungen nimmt die langjährige Leiterin der Korbacher Stadtbücherei Platz und holt zur Begrüßung Bücherwurm Karlchen aus der Tasche. An diesem Dienstag im November passt zur Einstimmung das Gedicht „Zwischen Herbst und Winter“. Mucksmäuschenstill lauscht ein Dutzend Zwei- bis Sechsjähriger der Lyrik Sarah Kirschs. Dann ist die Geschichte von Frederick an der Reihe. Die Abenteuer der Maus, die Wörter sammelt, verfolgen die Kinder ganz gespannt.

„Etwas ganz Wertvolles“

„Jetzt muss ich euch eine Geschichte erzählen“, fährt Marie-Luise Lindenlaub fort und legt das illustrierte Kinderbuch zur Seite. Es geht auch ohne gedruckte Unterstützung. Nach der spannenden Geschichte eines Jungen, der „am 4. Advent morgens um vier“ (von Klaus Kordon) seinen Wunsch „Mehr Glück“ in den Schnee schreibt, reicht sie einen kleinen Beutel mit Schokoladen-Goldtalern herum. „Teilen ist wie schenken“, sagt sie und die Kinder berichten ihr von ihren Erlebnissen. Nach dem Ringelnatz-Gedicht „Schenke herzlich und frei“ ist nach 30 Minuten die Zeit für eine kleine Bewegungseinheit gekommen. „Noch ein Buch?“ „Jaaa!“ Das Beste kommt zum Schluss. „Kein bisschen dreckig“ von Wanja und Manuela Olten muss Marie-Luise Lindenlaub zweimal vorlesen.

„Der Vorlesetag ist für uns etwas ganz Wertvolles“, beschreibt Gudrun Huneck den regelmäßigen Besuch im Kindergarten. Zuhören, Aufmerksamkeit und nicht zuletzt auch mal eine Weile stillzusitzen, lernen die Mädchen und Jungen dabei ganz nebenbei, nennt sie drei von vielen positiven Effekten. Die mitgebrachten Bücher bleiben eine Woche dort, so können die Kinder wie auch ihre Eltern darin schmökern. „Kontinuität ist das A und O“, erklärt Marie-Luise Lindenlaub, „am besten ist es, Kindern jeden Tag etwas vorzulesen.“

Einmal in der Woche statten ehrenamtliche Vorleser den Korbacher Kindergärten einen Besuch ab. Vor zehn Jahren hatte Marie-Luise Lindenlaub als damalige Büchereileiterin mit dieser Form sprachlich-literarischer Frühförderung begonnen. Monatlich kommen die Vorleser zu einem Stammtisch zusammen, um Erfahrungen, Tipps und Ideen auszutauschen.

„Felix, Kemal und der Nikolaus“, „Großvaters Weihnachtsüberraschung“: Beim jüngsten Treffen stellt Maren Heynck, seit 2006 Leiterin der Stadtbücherei, den neun Teilnehmern Kinderbücher für die nahende Adventszeit vor. Bei Kaffee und Kuchen erörtern die Vorleser aber auch schon mal schulpolitische Themen oder die theoretischen wie praktischen Aspekte ihrer Tätigkeit.

Die entscheidende Bedeutung des Vorlesens für die kindliche Entwicklung stellen Studien immer wieder unter Beweis. Es fördert den Wortschatz, aktiviert die Fantasie und steigert die Konzentrationsfähigkeit. Kinder, denen viel vorgelesen wird, sind auch oft besser in der Lage, soziale Kontakte zu knüpfen. Deshalb bringt es Marie-Luise Lindenlaub auf diesen Nenner: „Lesen muss großgeschrieben werden und im Kleinen anfangen.“

Hintergrund

Zum zehnten Mal findet heute in ganz Deutschland ein Vorlesetag statt. Ziel der Veranstalter (Stiftung Lesen, „Die Zeit“ und Deutsche Bahn) ist es, Begeisterung für das Lesen und Vorlesen zu wecken und Kinder bereits früh mit dem geschriebenen und erzählten Wort in Kontakt zu bringen. So sollen langfristig Lesekompetenz gefördert und Bildungschancen eröffnet werden.

Das Konzept ist einfach: Jeder, der Spaß am Vorlesen hat, liest an diesem Tag anderen vor – zum Beispiel in Schulen, Kindergärten, Bibliotheken oder Buchhandlungen. Auch an ungewöhnlichen Vorleseorten finden Aktionen statt: im Riesenrad, im Flugzeug, in einem Tierpark, in Museen oder als Guerilla-Variante auf einer viel befahrenen Kreuzung. Anlässlich des zehnten Vorlesetags fasst die Stiftung Lesen unter dem Titel „Vorlesen im Kinderalltag“ die Ergebnisse der Vorlesestudien von 2007 bis 2012 zusammen, ordnet sie in den Forschungskontext ein und gibt konkrete Handlungsempfehlungen für die Leseförderung. Die Publikation steht zum kostenlosen Download unter www.stiftunglesen.de/vorlesen-im-kinderalltag bereit. In Waldeck-Frankenberg finden etwa Veranstaltungen in der Kaulbach-Schule in Bad Arolsen, im Haus am Kurpark in Willingen, im Gustav-Stresemann-Gymnasium in Bad Wildungen, in der Wigand-Gerstenberg-Schule Frankenberg oder im Musikzimmer der Familie Grosche in Rhadern statt. Ausführliche Informationen gibt es im Internet unter www.vorlesetag.de.

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