Dorf verabschiedet sich mit kleiner Feier von der Astrid-Lindgren-Schule

Letzter Schultag in Rhena

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Der Letzte schraubt die Schilder ab: Rhena nimmt Abschied von der Astrid-Lindgren-Schule. Mit Beginn der Sommerferien ist sie gestern für immer geschlossen worden.

Korbach-Rhena - Mit dem letzten Schultag hat die Astrid-Lindgren-Schule in Rhena gestern endgültig ihre Pforten geschlossen: Sie hat zu wenige Schüler. Für den Ort geht damit eine mehr als hundertjährige Geschichte zu Ende.

Wie viele andere Rhenaer nimmt Karl Müller an diesem Tag Abschied von der Astrid-Lindgren-Schule. Vom Schulhof aus blickt er auf den Altbau: 1942 war der heute 76-Jährige dort eingeschult worden. Die Jahre waren schwierig und vor allem in der Nachkriegszeit fehlten ausgebildete Pädagogen, Hilfslehrer unterrichteten für ein schmales Salär. Dafür waren die Klassen voll, der starke Zustrom von Vertriebenen hatte die Bevölkerungszahl Rhenas steil ansteigen lassen. „Durchziehklassen“ waren die Folge: „Unsere Leistungen waren daher auch nicht besonders, wir mussten danach alles nachholen“, denkt Müller zurück.

Mehr als hundert Jahre

So wie er haben fast alle erwachsenen Rhenaer Erinnerungen - Generationen haben in dem Gebäude und dem in den 50er-Jahren errichteten Anbau die Schulbank gedrückt. Doch mit dem Beginn der Sommerferien endet nun auch die mehr als hundertjährige Geschichte der Schule. Trotz Protesten der Eltern, der Stadt Korbach und des Ortsteils wird sie geschlossen, die Kinder aus Rhena besuchen ab dem neuen Schuljahr die Westwallschule in Korbach.

„Ort hat Stärke gezeigt“

„Wir wollen die Gelegenheit nutzen, Abschied von der Schule zu nehmen“, sagt Jörg Müller vom Elternbeirat. Das Gremium hat zu einer kleinen Feier auf den Schulhof eingeladen, Bierzeltgarnituren und einen Grill aufgestellt. Viele Schüler, Eltern und Bürger aus dem Ort sind gekommen. „Danke für eure Unterstützung, ihr habt immer hinter uns gestanden“, sagt Elternbeiratsvorsitzender Matthias Wiechmann. Die vergangenen Monate hätten auch etwas Positives bewirkt, sagt Bürgermeister Klaus Friedrich: „Der Ort hat Stärke gezeigt, die Einwohner sind näher zusammengerückt.“

Revolution in den 70ern

Für ihre Schule kämpfen, das konnten sie in Rhena schon immer: Anfang der 70er-Jahre drohte ihr das erste Mal das Aus. Der damalige Landrat Karl-Hermann Reccius wollte die Schullandschaft neu ordnen, die Rhenaer Schule wäre den Plänen zum Opfer gefallen. Doch die Eltern weigerten sich, ihre Kinder in Willingen einschulen zu lassen, engagierten kurzerhand einen Privatlehrer und sorgten selbst für den Unterricht vor Ort.

Es habe richtige Revolutionsstimmung geherrscht, erinnern sich die alten Rhenaer. Die renitenten Eltern wurden zu einer Geldstrafe verdonnert, doch bei einer Sammlung im Ort kam das Bußgeld schnell zusammen. Reccius gab schließlich nach, die Schule blieb. 1981 stand die Schule erneut kurz vor der Schließung, doch wieder protestierten die Eltern und wendeten das abermals drohende Aus ab. Erst beim dritten Versuch hatten die Eltern keinen Erfolg: Für die 22 Astrid-Lindgren-Schüler ist der letzte Schultag vor den Sommerferien auch der letzte in der kleinen Rhenaer Schule.

Kultusministerin Nicola Beer hatte eine Ausnahmeregelung für den kleinen Standort abgelehnt. Nur mit Genehmigung aus Wiesbaden hätte das Staatliche Schulamt der Schule eine zweite Lehrkraft zuweisen können. So wäre es möglich gewesen, auch mit weniger als 26 Schülern zwei jahrgangsübergreifende Klassen zu bilden und den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten.

Auch ein großer Teil der Einrichtung wird nun mit nach Korbach umziehen: Tafeln, Schränke und Tische, die noch gebraucht werden, sind mit einem aufgeklebten „W“ für Westwallschule gekennzeichnet. Die Situation ähnelt den Folgen eines Gerichtsvollzieher-Besuchs: „Da klebt schon überall der Kuckuck drauf“, sagte eine Mutter. Was mit dem Gebäude an der Upländer Straße geschieht, ist unterdessen noch nicht entschieden.

Lustige Hühner

Vor vielen Jahren hatte die Schule in Rhena noch einen Schulgarten, in dem auch Hühner gehalten wurden. Doch eines Tages torkelte das Federvieh wie betrunken über die Wiese. Was war passiert? Tatsächlich hatten Strolche die Hühner mit schnapsgetränkten Brotstücken gefüttert. Bis heute ist nicht herausgekommen, wer dahintersteckte. Nur die Älteren im Ort schmunzeln wohl wissend, wenn sie die Geschichte wieder hören.(lb)

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