Professor Franz Irsigler: Der sagenhafte Aufstieg der Korbacher Familie Rinck als Hansekaufleute

Im Machtzentrum des Hansebundes

Zum Auftakt des historischen Abends mit Professor Franz Irsigler (Mitte) gaben Karl Thomas (l.) und Dr. Peter Witzel Einblick in Baugeschichte, Kunst und Grabmäler der Nikolaikirche. Foto: Kleine

Korbach - Ist Korbach wirklich eine Hansestadt? Mögliche Zweifel räumte der Trierer Historiker Professor Franz Irsigler mit einem spannenden Vortrag aus. Nicht nur Geschichtsfreunde lauschten gebannt bei der Zeitreise ins späte Mittelalter.

Kurzerhand mussten noch etliche Stuhlreihen angebaut werden am Donnerstagabend im Korbacher Bürgerhaus, denn der Zuspruch war enorm. Rund 140 Besucher verfolgten den Vortrag zur Korbacher Familie Rinck und der Hanse.

Aus Korbacher Sicht ist denn auch 2013 ein besonderes Jahr für die Geschichtsbücher: Das Jubiläum „825 Jahre Stadtrecht“ und die Verleihung des amtlichen Beinamens „Hansestadt“ rückten Korbachs historische Rolle als Zentrum des Handels ins Rampenlicht.

Mit dem Vortrag von Professor Franz Irsigler (72) setzten der Waldeckische Geschichtsverein, Bezirksgruppe Korbach, und die Waldeckische Landeszeitung einen besonderen Akzent. Irsigler ist ein hoch angesehener Experte für Stadt- und Wirtschaftsgeschichte in Mittelalter und früher Neuzeit - und damit auch für den legendären Hansebund.

Ein Kompliment an Hessens einzige Hansestadt machte Irsigler gleich vorweg: Im Sommer 1974 war er auf historischer Spurensuche erstmals in Korbach. „Damals war Korbach grau, heute ist es eine strahlende Stadt“, betonte Irsigler.

Korbach, Köln, London

Der Historiker schrieb vor rund 40 Jahren an seiner Habilitation über „Die wirtschaftliche Stellung der Stadt Köln im 14. und 15. Jahrhundert“ bei der bekannten Bonner Professorin Edith Ennen. Damals pendelte Irsigler an Wochenenden zwischen Bonn und Bielefeld - und nutzte eine Heimfahrt, um in der Korbacher Nikolaikirche bleibende Erinnerungen einer in Köln berühmten Kaufmannsfamilie aufzuspüren.

In der Mitte des Chorraums sitzt im Schlussstein des Gewölbes nämlich das Wappen der Familie Rinck. Diese Sippe aus Korbach erlebte im 15. und 16. Jahrhundert einen sagenhaften Aufstieg als Hansekaufleute.

Stammvater war Conrad Rinck, der in Korbach als Bürgermeister amtierte. Sein Sohn Johann zog in jungen Jahren Anfang des 15. Jahrhunderts nach Köln und erwarb dort 1432 das Bürgerrecht. Schon 1439 saß er dort im Rat der damals größten und mächtigsten deutschen Stadt und setzte sich an die Spitze der Englandfahrer. Neben London wurden Lübeck und Danzig an der Ostsee wichtige Stützpunkte des Rinck-Imperiums, das über ebenso gute Beziehungen nach Flandern, Frankfurt und Süddeutschland verfügte.

Als Johann Rinck 1464 starb, addierte sich das Familienvermögen auf mindestens 40 000 Goldgulden. Mit diesem Millionenvermögen nach heutigen Maßstäben waren die Rincks damals reicher als die Fugger in Augsburg, skizzierte Irsigler in seinem Vortrag.

Wappen in Nikolaikirche

Johann Rincks kränklicher Sohn Peter war kein Kaufmann, sondern nach seinem Studium in Deutschland, Frankreich und Italien Gelehrter und Rektor an der Universität Köln. Für das Geschäft der Hansekaufleute, die sich selbst als Abenteurer bezeichneten, war Peter nicht robust genug. Derweil setzte Johanns Neffe Hermann, der noch in Korbach geboren wurde, die Handelstradition der Familie fort. Die war nicht selten mit Diebstahl und Piraterie auf hoher See verbunden, wie Irsigler eindrucksvoll untermauerte.

Alle drei vergaßen Korbach nie, denn ein Zweig der Familie lebte ja weiterhin in ihrer Heimatstadt des Waldecker Landes. Die Rincks spendeten ab 1450 nicht nur 6000 Goldgulden zur Fertigstellung der Nikolaikirche, sondern förderten auch Hospital, Kloster und Kilianskirche in Korbach. Überdies gab es Stiftungen der Rincks für Kloster Flechtdorf, für Kloster Berich, aber auch Einrichtungen in Goddelsheim, Medebach und Winterberg.

In Köln setzten die Rincks mit wohltätigen Stiftungen für die Pfarrkirche St. Kolumba oder an die Kartäuser ebenso Akzente, mit denen sie sich zugleich als Wohltäter verewigten.

Auf Wand- und Altargemälden finden sich die Rincks immer wieder in Portraits oder mit ihrem Wappen, das eine Schlüsselrolle bei der Spurensuche nach den Rincks einnimmt. So konnte Professor Irsigler, mit Verweis auf eine umfangreiche historische Arbeit von Wolfgang Schmid, auch die Hausmarke der Rincks in der Nikolaikirche entschlüsseln: ein Kreuz, unter dem links ein „O“ und rechts ein „T“ zu sehen ist.

Das „O“ ist schlicht ein symbolischer Ring für den Familiennamen Rinck. Das „T“ wiederum steht lateinisch für „tradidit“, also übertragen oder gestiftet.

Andere Gemälde oder Wappen der Rincks zeigen einen schwarzen Raben mit einem goldenen Ring im Schnabel. Als Urheber kommt für Irsigler vor allem Peter Rinck infrage: Der Rabe, lateinisch „corvus“, als Zeichen für Korbach, also Rabenbach, der Ring wiederum für den Familiennamen. Beides zusammen das Bilderrätsel eines humanistischen Gelehrten zur Blütezeit der Hanse.

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