Zeitzeuge Eberhard Brand erinnert sich

29. März 1961: Der erste „Starfighter“ der Bundeswehr zerschellt bei Korbach

DER ERSTE „STARFIGHTER“-ABSTURZ 1961 An der Absturzstelle. Links Hauptmann Hans Ulrich Flade, rechts Oberleutnant Wolfgang Streckert. Foto: WLZ
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An der Absturzstelle des „Starfighters“ bei Korbach. Links Hauptmann Hans Ulrich Flade, rechts Oberleutnant Wolfgang Streckert.

Am 29. März 1961 stürzte bei Korbach der erste  „Starfighter“ der Bundeswehr ab - weitere Kampfjets sollten folgen. Zeitzeuge Eberhard Brand erinnert sich.

Mittwoch, 29. März 1961: Der 17-jährige Schüler Eberhard Brand aus Bochum verbringt seine Schulferien – wie schon so oft – in Korbach im großelterlichen Haus am Berndorfer Tor 2 bei seiner großherzigen Tante Erika. 

Eberhard Brand kam im Kriegsjahr 1943 in Korbach zur Welt. Wenige Wochen vor seiner Geburt waren seine Eltern Otto und Elfriede Brand und sein älterer Bruder Ulrich aufgrund der Bombardierungen Bochums „evakuiert“ worden. Eine sichere Zuflucht fand die Familie im großen Haus der Großeltern am Berndorfer Tor: des aus Mengeringhausen stammenden Kaufmanns Großvater Carl Brand und seiner Frau Marie, geborene Schultze. 

Nachdem Vater Otto Ende 1948 durch ein Unglück zu Tode gekommen war, zog die junge Witwe mit den beiden Söhnen zu ihren Eltern nach Bochum. Doch in den Ferien zieht es Eberhard Brand nach Korbach.

Ferien in Korbach

Ferien bei Tante Erika in Korbach: 

Das sind „echte“ Ferien mit „lange Ausschlafen“.

Das sind Unternehmungen in Korbach und Umgebung.

Das sind „Forschungsreisen“ mit Vetter Henning zum Waldecker Berg vor den Toren der Stadt: Da soll im Krieg ein „Horchgerät“ für die Flugabwehr gestanden haben und die Fundamente sollen noch zu sehen sein. 

Zeitzeuge Eberhard Brand um 1961.

Das sind „Chemische Experimente, die gelingen“ - so lautet der Titel eines attraktiven Jungenbuches. Gebastelt werden oft leider nur verpuffende „Knallfrösche“, selten funktionierende Kleinraketen und ähnliches mehr. Die benötigten chemischen Zutaten liefert der Drogist Hermann Krumey in der Bahnhofstraße, von dessen Beteiligung an den Verbrechen der Nationalsozialisten und der Vernichtung der Juden die beiden Jugendlichen damals noch nichts wissen …

Auf den Tag genau vor 16 Jahren – am 29. März 1945 – waren amerikanische Soldaten in Korbach einmarschiert und hatten die Stadt von der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten befreit. Seitdem ist es friedlich in Korbach. 

Ohrenbetäubende Detonation

Doch am 29. März 1961 schreckt um 10.20 Uhr eine ohrenbetäubende Detonation die Bevölkerung auf. Unmittelbar neben der Bahnstrecke Korbach-Berndorf ist nahe der Flechtdorfer Straße ein Kampfflugzeug der Bundesluftwaffe abgestürzt – es ist der erste Absturz eines „Starfighters“ in Deutschland. Weitere folgen. 

Gestartet war die zweisitzige Ausbildungsmaschine Lockheed F-104 F „Starfighter“ am Morgen zu einem Übungsflug auf dem Fliegerhorst Nörvenich im Kreis Düren. An den beiden Steuerknüppeln sitzen der Pilot, Hauptmann Hans-Ulrich Flade, und sein Flugschüler Oberleutnant Wolfgang Streckert. 

Triebwerk ausgefallen

Ein Poster der Luftwaffe: Kampfflugzeuge vom Typ Lockheed F-104 F „Starfighter“ im Formationsflug.

Kurz nach 10 Uhr fällt bei Überschallgeschwindigkeit in 12 000 Metern wegen einer Fehlfunktion des Kraftstoffreglers am Triebwerk aus. Da es nicht gelingt, die Turbine wieder zu starten, betätigt der Flugschüler auf Befehl des Piloten in etwa 2000 Metern Höhe den Schleudersitz. 

Hans-Ulrich Flade sieht plötzlich die Stadt Korbach unter der Wolkendecke auftauchen – es gelingt ihm, das abstürzende Flugzeug in einer Höhe von etwa 1500 Metern über das Seitenruder in Richtung Stadtrand zu trimmen, dann verlässt auch er die Maschine mit dem Schleudersitz. 

Wolfgang Strecker landet mit seinem Schleudersitz auf dem Dach der Tankstelle Arnold in der Briloner Landstraße, Hans-Ulrich Flades Fallschirm treibt der Wind auf das Neubaugelände hinter der Conti-Siedlung.

Beim Aufprall auf die Bahnböschung hat sich der Treibstoff des Düsenjägers entzündet, die Explosion hat ihn auseinandergerissen. So berichtet die Waldeckische Landeszeitung am Folgetag. 

An der Absturzstelle 

Die ungeheure Detonation löst unter der Korbacher Bevölkerung Erschrecken, Gerüchte und Mutmaßungen aus, die aber nach und nach von der Gewissheit abgelöst werden, dass ein Düsenjäger abgestürzt und explodiert ist. Auch für Eberhard Brand und seinen Vetter Henning steht nach Rücksprache mit Tante Erika und Hennings Eltern fest: „Da müssen wir hin.“ 

Die beiden Jugendlichen sind nicht die einzigen aus Korbach, die die etwa zweieinhalb Kilometer zur Absturzstelle marschieren, wo sich die Maschine in die Bahnböschung gebohrt hat. Polizei, Presse und wohl einige Dutzend Korbacher stehen auf der Flechtdorfer Straße und besehen sich auf dem bereits von Bundeswehr-Feldjägern aus Fritzlar abgesperrten Acker die weit auseinander liegenden Trümmerteile des Kampfflugzeugs und das rege Treiben dort. 

In einem riesigen Erdkrater liegen ein Stück des Leitwerks und ein großes Teil des Motors, während das Triebwerk etwa 50 bis 60 Meter weit fortgeschleudert worden ist. Da das gesamte Absturzgebiet lückenlos abgesperrt ist und es an der Absturzstelle von deutschem und amerikanischem Militär und weiteren offensichtlich „Befugten“ nur so wimmelt, ist für die beiden Jugendlichen an irgendwelches „Beutemachen“ nicht zu denken.

Eberhard und Henning Brand bedauern auch, keinen Fotoapparat zu haben, nicht einmal die kleine „Bilora-BOY-Box“ mit dem 12er Rollfilm ist zur Hand – wie gern hätten sie dieses Ereignis für die Ewigkeit festgehalten. 

Glücklicherweise sind beide Piloten mit dem Schrecken davongekommen. Auch für die Stadt Korbach bleibt der Absturz dank der Geistesgegenwart des Fluglehrers ohne Folgen. Beide Piloten werden noch am Mittag des Absturztags mit einem Hubschrauber zu ihrem Fliegerhorst Nörvenich geflogen.

Trümmer geborgen

Am Nachmittag des 29. März und am Vormittag des Folgetags bergen deutsche und amerikanische Untersuchungskommissionen auf dem immer noch abgesperrten und von Militär bewachten Absturzgelände die großen und kleinen auffindbaren Wrackteile – teilweise mit schwerem Gerät. Sie werden abtransportiert. 

Als dann der Acker wieder völlig „zivil“ und bis auf die Absturzkrater und die Reifenspuren der Bergungsfahrzeuge wieder „fast wie vorher“ aussieht, schlägt die Stunde der beiden jugendlichen „Schatzsucher“: Mit Gartenkratzern, alten Löffeln und Weidenkörben ausgerüstet suchen sie die kaum fassbar große Unglücksstelle systematisch ab und bergen, was die Bergungstrupps übersehen haben. 

Knapp 200 kleine Bruchstücke gesammelt

Fundstücke: einige der Wrackteile, die Eberhard Brand an der Absturzstelle gefunden hat.

Das Resultat zweier mehrstündiger Suchaktionen: knapp 200 kleine Bruchstücke vom leicht deformierten streichholzschachtelgroßen Elektromotörchen über Kunststoff-Scheiben-Reste der Flugzeugkuppel, von Spiralfedern, Kabel- und Leitungsfetzen, Schrauben und Nieten, Titan-Stücken von der Außenhaut bis hin zu acht Flugkarten-Überresten, auf denen die Gebiete der ehemaligen „Ostblock-Länder“ als weiße Flächen abgebildet sind. Das ist allein die Ausbeute von Eberhard Brand. Sein Vetter hat nicht viel weniger Fundstücke aus der roten Erde gebuddelt und gekratzt.

Zurück in Bochum

Die Osterferien gehen zu Ende, und Eberhard Brand nimmt seine gesamte „Starfighter-Ausbeute“ wie auch die Presseberichte aus der Waldeckischen Landeszeitung und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 30. März mit nach Bochum. Das eigenartige Fundmaterial ist gründlich gesäubert und in etlichen Tütchen und einem Schuhkarton verpackt. 

Der Jugendliche beginnt, Werbematerial der Bundesluftwaffe über den „Starfighter“ zu sammeln, Plakate, Prospekte, aber auch Zeitungsberichte und Statistiken des immer häufiger in den öffentlichen Fokus drängenden „Sorgenvogels“. 

Ausstellung am Gymnasium

In den 1980er-Jahren kontrastiert Eberhard Brand als Geschichtslehrer am Gymnasium „Freiherr-vom-Stein-Schule“ in Bochum seine Korbacher „Starfighter-Überreste“ in einer kritischen Schul-Ausstellung mit dem schönfärberischen „Starfighter“-Werbematerial der Zeit um 1960, bevor er das Material in einem kleinen weinroten Koffer verpackt, der in einen etwa 35-jährigen „Dornröschenschlaf“ verfällt und nahezu vergessen wird.

Serie von Abstürzen

Dass der Absturz vom 29. März 1961 der erste einer tragischen Serie von 269 Starfighter-Abstürzen war, erfährt Eberhard Brand erst im vorigen Jahr, als er im Internet recherchiert: Bis 1984 verloren 108 Bundeswehr- und acht amerikanische Piloten in deutschen Maschinen bei Starfighter-Abstürzen ihr Leben. Die anfangs als „manned missiles“, als „bemannte Raketen“, bezeichneten Kampfflugzeuge erhielten schon in den 1960er-Jahren den Beinamen „Witwenmacher“. 

Sammlung geht ans Bonhage-Museum

Sein umfangreiches Konvolut über den ersten in Deutschland abgestürzten „Starfighter“ hat Eberhard Brand vor Kurzem dem Korbacher Wolfgang-Bonhage-Museum als Dauerleihgabe übergeben.

 Ist doch die bundesrepublikanische Geschichte mit dem „Starfighter“ nicht nur durch die auf gravierende technische Mängel zurückzuführende Absturzserie verbunden, sondern auch mit dem Vorwurf der Bestechlichkeit gegen den damaligen Bundesminister für Verteidigung, Franz Josef Strauß und andere europäische Politiker im Zuge der Lookhead- oder Starfighter-Affäre. Doch das ist ein Kapitel für sich ...

„Online-Ausstellung“ des Museums

Zum Jahrestag des Absturzes sollten die Stücke in einer Vitrine im Foyer des Museums ausgestellt werden und so ein Stück Zeitgeschichte dokumentieren. Doch wegen der Corona-Krise ist es derzeit geschlossen. 

Daher gibt es das neue Format einer „Online-Ausstellung“, die alle unter der Adressewww.museum-korbach.de besuchen können.

VON EBERHARD BRAND UND WILHELM VÖLCKER-JANSSEN

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