Schauspielerin mit Waldecker Wurzeln im Interview

Mala Emde über ihre Hauptrolle in "Charité": "Wir sagen nicht von Anfang an, wer gut und böse ist"

Mediziner im „Dritten Reich“: Mala Emde spielt in der zweiten Staffel von „Charité“ die junge Ärztin Anni Waldhausen, deren stramm nationalsozialistisches Denken etwa durch die Fronterfahrung ihres Bruders Otto (Jannik Schümann) ins Wanken gerät. Die Ausstrahlung beginnt morgen um 20.15 Uhr im Ersten. Foto: ARD/Juiie Vrabelova/(S2)/PR

Waldeck-Frankenberg. Die Serie „Charité“ knüpft mit einer zweiten Staffel an den Erfolg von 2017 an. Als Hauptdarstellerin mittendrin ist Mala Emde, Schauspielerin mit Waldecker Wurzeln.

Frau Emde, es gibt da so eine Schlüsselszene der zweiten Staffel: die Weihnachtsfeier 1943, bei der die Belegschaft der Charité „Stille Nacht“ singt – manche im Originaltext, manche in einer auf den „Führer“ umgedichteten Variante. Welchen Text singt eigentlich ihre Rolle Anni Waldhausen?

Anni singt zuerst die „Führer“-Variante, weil sie eine Nationalsozialistin ist – sie ist damit aufgewachsen im „Dritten Reich“. Sie hört aber auf, als es zum Schlagwort „Adolf Hitler“ kommt. Anni ist noch total geschockt, weil ihr Mann Impfversuche an behinderten Kindern durchführt und viele davon gestorben sind. Und sie selbst hat ein Kind mit Behinderung.

Sie beginnt die Geschichte als werdende Mutter, engagierte Ärztin – und voll auf Parteilinie: War es schwer, sich da hineinzufühlen?

Ich war am Anfang überrascht. Ich hatte noch kein Buch über das „Dritte Reich“ gelesen, in dem die Identifikationsfigur eine Nationalsozialistin war. Wir sagen nicht von Anfang an, wer gut und böse ist, sondern gehen einfach mit einer Figur mit. Natürlich schrillen in mir da alle Alarmglocken hoch – was Anni da für Sätze raushaut. Aber es ist ja gerade spannend, diese Seite zu verstehen, denn diese Menschen gab es ja. Interessant ist es auch im Kontrast zu Anne Frank, die ich ja vor vier Jahren gespielt habe.

Anstoß zur Entwicklung des Charakters ist die Behinderung ihres Kindes und die Entdeckung, dass ihr Mann mit behinderten Kindern experimentiert?

Dass ihr Kind in Gefahr gerät, ist der eine Aspekt. Doch auch die Rolle ihres Bruders Otto, gespielt von Jannik Schümann, ist ganz wichtig. Er kommt aus dem Krieg zurück und macht immer wieder klar: Ihr müsst die Augen aufmachen.

Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Ich habe gelesen: über das Leben in Berlin, über die Ausbildung in der NS-Zeit. Es gab ja neben der medizinischen Ausbildung eine ideologische: Was ist wertes Leben? Welches Leben dürfen wir retten, welches nicht?

Bei diesem Projekt besonders war auch, dass wir abends vor dem Drehtag noch mit den Kollegen sehr viel geprobt haben, was sehr wichtig war.

In „Charité“ existieren historische und fiktive Figuren nebeneinander. Gibt es einen wesentlichen Unterschied dabei, diese Gruppen zu spielen?

Am Anfang hat man bei historischen Figuren mehr an der Hand: Videos etwa, bei Anne Frank gab es das Tagebuch. Ich kann mir also einen Rahmen stecken, in dem ich mich frei bewege und meine Version der Figur finde. Bei einer fiktiven Figur gibt es das erst mal nicht: Das geschieht dann in der Arbeit mit dem Regisseur. Wir fragen, wer ist die Figur, wo fangen wir an, wohin bewegt sie sich? Da ist was anderes zu leisten, aber im Endeffekt hab ich immer das Gefühl, ich gehe einen Pakt mit meinen Figuren ein. Dann spüre ich Verantwortung dafür, was ich für meine Figur machen will.

Die erste Staffel von „Charité“ war ein großer Erfolg. Durch den Zeitsprung ist die Besetzung komplett neu. Ist das eine völlige Änderung?

Hinter den Kulissen bleiben viele dabei: Unser Kameramann Holly Fink ist etwa der gleiche, auch das Maskenteam. Das ist ja das besondere bei „Charité“, dass du alles sehen kannst und bei einer Operation nicht die Kamera hoch schwenkt. Da haben wir noch das Team, das bei „Charité 1“ großartiges geleistet hat.

Stand die neue Besetzung denn unter großen Druck, an das Erfolgsprojekt anzuknüpfen?

Natürlich: Man weiß, wie erfolgreich das war. Ich glaube, wir sind anders als „Charité 1“. Zum einen erzählen wir eine ganz andere Zeit. Und wir müssen uns von diesem Druck befreien: Wir haben alles sehr gewissenhaft gemacht und hoffen, dass es die Leute anspricht und berührt – aber man kann da nicht mehr machen, als seinem Instinkt zu folgen.

Was war das für eine Erfahrung mit diesem großen Ensemble in dieser aufwendigen, teuren Produktion in Prag?

Ich bin noch ein Jahr später immer wieder erstaunt, wie lange wir da gedreht haben – drei Monate waren das. Und das war schon eine eigene Welt mit den Kollegen und den Sets – eine ganz besondere Zeit, die uns sehr zusammengeschweißt hat.

Sie haben jetzt ja schon Erfahrungen in Fernsehen und Kino gesammelt. Gibt es da einen Unterschied?

Dadurch, dass es beim Fernsehen weniger Geld gibt und dadurch weniger Drehzeit, geht es mehr darum, eine Lösung von Szenen zu finden: Wie spielen wir die jetzt am besten? Im Kino hat man den Raum, zu suchen: Also zu sagen, wir gehen einen Weg, haben aber die Möglichkeit, einen anderen Weg einzuschlagen und darin unsere Wahrheit zu finden.

Frau Emde, vielen Dank für dieses Gespräch.

Eines können Sie noch schreiben: Liebe Grüße an Oma Lore am Bahnhof Itter.

Die zweite Staffel von „Charité“ wird ab Dienstag, 19. Februar, um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt. In der Mediathek ist sie bereits zu sehen.

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