30 Jahre Mauerfall: Die Öffnung der Grenze live miterlebt

„Wahnsinn, einfach Wahnsinn!“ - heutiger WLZ-Chef als Reporter am Grenzübergang Herleshausen

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Mittendrin: WLZ-Geschäftsführer Markus Pfromm als damals 25-jähriger Reporter des hr. 

Markus Pfromm erlebt die Öffnung der Grenze in Herleshausen als 25-jähriger Radioreporter live mit. Damals wie heute sagte er: Wahnsinn! Das sind seine Erinnerungen: 

Spekulativ ist der damalige hr-Reporter und heutige WLZ-Geschäftsführer Markus Pfromm in der Nacht des 9. November zum Grenzübergang Herleshausen aufgebrochen. Und dann geschah das Unfassbare. Seine Erinnerungen:

Wahnsinn. Immer wieder dieses Wort: Wahnsinn! Es klingt mir noch in den Ohren, was mir die irgendwann einfach ungezählten Trabi- und Wartburgbesatzungen aus Thüringen am frühen Morgen des 10. November 1989 am Grenzübergang Wartha/Herleshausen in mein Radiomikrofon gesagt, gesungen, geweint, gerufen und manchmal vor überbordenden Gefühlen auch geschrien haben. Und es war auch für mich … Wahnsinn.

Schabowski verkündet Reisefreiheit 

Ich erinnere mich geradezu bildhaft genau, wie ich die Nacht vom 9. auf den 10. November verbracht habe. Ich war damals 25 Jahre alt, frisch verheiratet und voller Tatendrang als junger Radioreporter für den Hessischen Rundfunk.

Los zur Grenze 

Als ich mit ungläubigem Staunen wie Millionen andere in der Tagesschau die Pressekonferenz mit Günter Schabowski gesehen hatte und wie er quasi beiläufig die Grenzöffnung verkündet hat, war ich sofort wie elektrisiert. Später dann kamen die ersten Fernsehbilder von der Maueröffnung in Berlin. Da gab es kein Halten mehr für mich. Ich griff zum damals noch grünen Tastentelefon und versuchte meinen – leider vor einigen Jahren bereits verstorbenen – Kollegen Bernd Hummel, Radio-Urgestein des Kasseler Studios des hr zu erreichen. Doch seine Frau berichtete mir, dass er wohl schon einen Übertragungswagen klar gemacht hatte und auf dem Weg zum Grenzübergang nach Herleshausen sei. Und genau das war auch mein Gedanke gewesen. Erst in Berlin, dann auch bei uns? Und wäre alle Spekulation vergeblich gewesen, ich hätte mir bis heute nicht verzeihen können, nicht wenigstens bereit gewesen zu sein. Und ich war bereit!

Ausgerüstet mit langen Unterhosen und den alten Bundeswehrstiefeln, mit Handschuhen, Mütze, Schal, Parka und geschmierten Broten habe ich mich mit meinem marsroten Golf auf den Weg durch die Nacht gemacht.

Grenze war erstmal noch dicht

Und was wurde es für eine Nacht? Zunächst einmal eine langweilige. Ich traf am Übergang in Herleshausen bald auf Bernd Hummel und die Kasseler Ü-Wagenbesatzung. Um den blauen Sendewagen fürs Radio versammelten wir uns in ruhiger Runde mit Beamten des Zolls und vom Bundesgrenzschutz. Doch zunächst war die Grenze von Osten her weiter zu für Bürgerinnen und Bürger der Deutschen Demokratischen Republik.

Gespanntes Warten

Die Gespräche verebbten. Was eintrat, das war eine gespannte Stille, nicht etwa Müdigkeit. Kaffee und Zigaretten, klar. Aber beides wäre nicht nötig gewesen. Die Sicherheitskräfte, wir Reporter und die Tontechniker waren voll fokussiert. Über Stunden. Der Ü-Wagen war längst mit einem Telefondraht auf Dauerleitung nach Frankfurt in die Sendezentrale durchgesteckt. Die Mikros waren gecheckt, die Tonbandmaschinen waren komplett bestückt. Doch worauf wir hofften, das waren ja live-Momente, die unmittelbare Wiedergabe des „Wahnsinns“, der sich in Berlin schon breit gemacht hatte, auch am Übergang Wartha/Herleshausen. Und dann schlug sie, die journalistisch aufregendste Stunde meines Lebens, die dann gar nicht mehr enden wollte.

Die Grenze geht auf

Nach Mitternacht ließen die DDR-Grenzer die ersten Ausreisewilligen passieren. Zunächst waren es nur wenige, doch dann, morgens gegen 5.30 Uhr begann der Ansturm, es gab kein Halten mehr. Halt! Doch! Bei uns! Denn wir hatten mit Zoll- und Grenzschutzbeamten vereinbart, dass die nicht enden wollende Kolonne der Zweitakter auf Handzeichen für uns zum Stillstand kam und wir so unsere Interviews und live-Reportagen machen konnten. An die Scheibe klopfen, Fenster runterkurbeln, Mikro reinhalten.

Mittendrin: WLZ-Geschäftsführer Markus Pfromm als damals 25-jähriger Reporter des hr. 

Verrückte Szenen spielen sich ab

Es spielten sich die verrücktesten Szenen ab. Manche stiegen aus und tanzten um uns herum. „Wahnsinn, Wahnsinn“. Andere hatten Rotkäppchensekt dabei und bestanden darauf, dass wir mit ihnen anstoßen. Und dann kamen vier Werktätige mit Blaumann im Wartburg und der Fahrer sagte mir ins Mikro, die Tränen in der Stimme unterdrückend, dass sie rübergefahren seien, weil sie wissen wollten, ob es wirklich stimmt. Aber jetzt müssten sie auch gleich wieder umdrehen, weil in Eisenach im Autowerk ihre Schicht beginnt. Sagt es, fährt ein paar Meter weiter, wendet und düst auf der Spur gegenüber zurück nach Osten. Tja, so sind wir, die Deutschen, denke ich mir noch heute.

Reportagen für alle - HR hat Sternfunktion 

Das Großartige war, dass genau zu dieser Zeit auf allen Radiokanälen die Frühsendungen der ARD begannen. Und Bernd Hummel und ich hatten das unglaubliche technische Privileg, dass der Hessische Rundfunk zu jener Zeit mit seiner geografisch zentralen Lage eine so genannte Sternfunktion für den ARD-Hörfunk hatte. So konnten unsere Reportagen live durchgeschaltet werden auf besondere Anforderung etwa vom Saarländischen Rundfunk, von Radio Bremen oder dem WDR - und sie wurden sogar als vor-angekündigte ARD-Sammelangebote nur leicht zeitversetzt mit Live-Charakter aufgezeichnet in die gesamte Republik verteilt.

Fast alles war live 

Doch fast alles, was wir „raushauten“ war tatsächlich live, wie am Fließband. Teils hörten wir nur den Countdown auf unseren Kopfhörern, dann begann schon eine Moderatorenstimme uns anzukündigen … und wir legten los. Rückfragen aus den Studios waren kaum möglich, wir haben im Eifer des Gefechts und angesichts der Geräuschkulisse einfach gesendet, was wir für richtig hielten und jeweils nach gut zwei bis drei Minuten zurück ins Funkhaus gegeben - welches das in dem Moment war, wussten wir teilweise gar nicht. Es war wie im Rausch. Arbeit kann eine Droge sein, kein Zweifel. Selten überhaupt war ich als Mensch so sehr im Hier und Jetzt gefangen und mir eher intuitiv als reflektiert bewusst, dass ich Teil der Geschichte bin. Wahnsinn.

Und, wir sind ja unter uns, es war auch durchaus einträglich. Denn Bernd und ich arbeiteten zu der Zeit als so genannte feste Freie – zwar mit Vertrag, aber doch nach Leistung für jeden Beitrag bezahlt. Vielleicht nur so viel – unser Reportereinsatz hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Als gegen Nachmittag die Anfrage eines Sendeheiligen aus Frankfurt kam, ob wir denn eine Ablösung gebrauchen könnten, haben Bernd und ich uns nur angeschaut und uns gefragt, auf welchem Stern der denn lebt. Schallendes Gelächter!

30 Jahre danach

Und heute? Ich will ehrlich sein, ich höre zwar mit Toleranz die ganzen Frusterklärungen vieler Menschen aus Ostdeutschland, verstehe die Befundsuche nach enttäuschten Erwartungen und Brüchen in fast allen Lebensläufen in den neuen Bundesländern. Doch bei allem Respekt, wirkliches Verständnis dafür aufzubringen, das fällt mir schwer, der ich immer ein glühender Verfechter der Deutschen Einheit war und bin. Das Klagen auf höchstem Niveau nach dreißig Jahren, der dumpfe Drang zu vieler Menschen nach rechts und die teils blinde, dumme Wut irritieren mich. Irgendwie… Wahnsinn.

30 Jahre später: Markus Pfromm heute. 

Von Markus Pfromm, Geschäftsführer der Waldeckischen Landeszeitung, der Werra-Rundschau und der Hersfelder Zeitung, damals Reporter beim Hessischen Rundfunk

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