Schüler und Stadt erinnern mit Gedenkfeier an Opfer des Nationalsozialismus

Mitfühlen und den Mund aufmachen

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Vertreter der Louis-Peter-Schule, der Alten Landesschule und des Beruflichen Gymnasiums legten an der Gedenktafel einen Kranz nieder. Schon während einer Feierstunde im Rathaus hatten Schüler, Lehrer und Politiker der Opfer des Nationalsozialismus gedacht

Korbach - Keine ritualisierte Pflichtübung wollte Bürgermeister Klaus Friedrich, sondern die Chance nutzen, um den Anfängen zu wehren: Gemeinsam mit Korbacher Schülern erinnerte er gestern während einer Gedenkfeier im Rathaus an die Opfer des Nationalsozialismus.

Marianne Weitzenkorn war gerade zehn Jahre alt geworden, als die Nazis ihr verboten, weiterhin in Korbach zur Schule zu gehen. Es sei eine Zumutung für die Lehrer, jüdische Kinder zu unterrichten, befanden die Nazis. Also wurde Marianne von ihren Freunden getrennt und erst zur jüdischen Schule nach Kassel und dann nach Detmold geschickt. Zwei Jahre später entschieden die Nazis, dass das Mädchen einen gelben Stern an der Jacke tragen musste. Auf dem Weg zur Schule wurde sie verspottet, bespuckt und geschlagen. Als ihre Eltern 1941 nach Wrexen deportiert wurden, da war Marianne gerade 13 Jahre alt geworden.

Berührend und ernsthaft

Ihre Eltern sah sie nicht wieder: Ihr Vater Siegmund wurde am 8. Dezember 1941 im Konzentrationslager in Sachsenhausen ermordet, ihre Mutter ein Jahr später in Auschwitz vergast. Als die Asche ihres Vaters nach Korbach gebracht wurde, da nahm das Waisenmädchen die Urne entgegen. Ob sie damals ahnte, dass das Grauen noch kein Ende finden würde? Am 7. September 1942 saß Marianne Weitzenkorn schließlich selbst auf den kalten Brettern des letzten Transportwagens, der Juden aus Korbach wegbrachte - nach Auschwitz. Das Mädchen überlebte den Krieg, kehrte 1946 nach Korbach zurück, wanderte im selben Jahr nach Amerika aus und betrat nie mehr deutschen Boden. Sie starb 1992.

„Ihr Leid muss uns für immer zu denken geben“, forderten die Schüler der Alten Landesschule gestern Morgen während der Gedenkfeier im Rathaus. 68 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers in Auschwitz gedachten Schüler, Lehrer, Bürger und Politiker der Opfer des Nationalsozialismus. Eindrucksvoll, berührend und ernsthaft erinnerten die Schüler der Alten Landesschule an Korbacher Juden, die während des Dritten Reiches verfolgt und ermordet wurden. „129 Juden lebten vor 1933 in Korbach“, erinnerten sie, „42 von ihnen wurden ermordet, die anderen flohen, wurden verfolgt und deportiert. Mit ihnen zerbrach auch die alte jüdische Kultur in unserer Stadt.“

Auf die Spuren jüdischer Kinder machten sich die Schüler der Louis-Peter-Schule. Sie erzählten von Kindertransporten nach Großbritannien, von gebrochenen Lebenslinien und der Rettung vor der Vernichtung.

Mitgefühl und Courage

Berührend stellten sich auch die Schüler des Beruflichen Gymnasiums dem Thema. Sie ließen Gefangene des Lagers in Breitenau zu Wort kommen, lasen aus ihren Berichten und scheuten sich nicht, das Grauen des Lageralltags zu benennen.

„Respektvoll, aber unverkrampft sollten wir gedenken“, wünschte sich auch Bürgermeister Klaus Friedrich. Das sei das Recht der Nachgeborenen. „Aber wir haben auch Pflichten“, erinnerte er. Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung müssten auch Mitgefühl und der Wille, aus der Geschichte zu lernen, stehen. „Wir müssen den Mund aufmachen, Courage zeigen für Freiheit, Toleranz und Menschenwürde“, forderte der Bürgermeister, „und uns jeder Form von Barbarei widersetzen.“ Und die gebe es auch heute noch latent in jeder Gesellschaft. Mit nachdenklichen Tönen unterstrichen das Streicherquartett der ALS und der junge Geiger Léon Ribeiro Quintino die Gedenkstunde.

Am Denkmal im Tempel, wo vor der Reichspogromnacht die Korbacher Synagoge stand, legten die Schüler aller drei Schulen einen Kranz nieder.

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