Marion Lilienthal beschreibt in ihrer Doktorarbeit die Ausgrenzungspolitik der Nationalsozialisten i

Mord im Namen der „Volksgesundheit“

Bei der Buchvorstellung gestern: Bürgermeister Klaus Friedrich, die Autorin Dr. Marion Lilienthal, Museumsleiter Dr. Wilhelm Völcker-Janssen, der Leiter des Stadtarchivs, Wolfgang Kluß, Liselotte Wilke, deren Mann Karl erste Forschungsarbeiten zum Thema vorgelegt hat, der Direktor der Alten Landesschule, Robert Gassner sowie Hans Albert Pohlmann und Britta Hein vom Geschichtsverein.Foto: -sg-

Korbach - In Ihrer Doktorarbeit befasst sich die Geschichtslehrerin Marion Lilienthal mit der brutalen Ausgrenzung von Kranken, Behinderten und „sozial Unangepassten“ aus Korbach im „Dritten Reich“.

Nach den Gesetzen zur „Erbgesundheit“ konnte jeder ins Visier der Behörden geraten. War ein Mann „wehrtauglich“? Waren Paare „ehegeeignet“? Gab es in der Familie Krankheiten oder Behinderungen? Oder war sie einfach nur arm? Schnell konnten Menschen im „Dritten Reich“ aus der Gesellschaft ausgegrenzt oder gar ermordet werden. Über die „Rassenhygiene“ und die „erbbiologische Selektion“ in Korbach hat Marion Lilienthal eine umfassende Dokumentation vorgelegt, für die sie die Kasseler Universität promoviert hat. Gestern wurde das Mammutwerk im Museum vorgestellt.

Erschreckender Befund der Historikerin: Korbach liege bei den Opferzahlen pro Einwohner über dem Reichsdurchschnitt. 45 Korbacher wurden zwangssterilisiert, um „erbkranken Nachwuchs“ zu verhindern. 27 Korbacher wurden im Zuge der „Euthanasie“ in Tötungslagern ermordet. Weitere 24 saßen schon in einem „Zwischenlager“, wurden aber gerettet.

„Jeder hat mitgemacht“

Überrascht war sie auch vom Ausmaß der Mitwirkung. Ob Lehrer, Arbeitgeber oder Beamte - „jeder hat mitgemacht.“ Viele hätten dem Regime als „willfährige Handlanger“ gedient. Und die meisten Korbacher kannten die Programme.

Nach der nationalsozialistischen Ideologie von einem „gesunden Volkskörper“ sollten „rassisch reine Arier“ gefördert werden. Im Gegenzug wurden alle ausgesondert, die nicht in dieses Raster passten: Juden, Kranke, Behinderte, Arme. Die Verfolgung richtete sich auch gegen „sozial Auffällige oder politisch Missliebige“, Familien der Unterschicht bekamen schnell den Stempel „asozial“ verpasst.

Diagnosen wie „moralischer Schwachsinn“ öffneten der Willkür Tür und Tor. In 54 Prozent der Korbacher Fälle attestierten Ärzte Betroffenen einen „angeborenen Schwachsinn“. Viele dieser angeblich „Minderwertigen“ wurden zwangssterilisiert.

Lilienthal dokumentiert bewegende Schicksale wie das eines 13-jährigen Mädchens aus desolaten familiären Verhältnissen, sie wurde zwangssterilisiert, weil ihr Vater sie sexuell missbraucht hat. Solche Entscheidungen kamen meist schnell zustande: Im Kreisgesundheitsamt saßen „Überzeugungstäter“.

Vor dem Kriegsausbruch 1939 wurden die Zwangssterilisierungen eingestellt, dafür lief das „Euthanasie“-Programm an, um „lebensunwertes Leben“ von Behinderten auszulöschen. Jüdische Behinderte aus Korbach kamen ins Tötungslager nach Brandenburg, die anderen nach Hadamar. 1940 und 1941 starben dort 19 Korbacher. Nach Protesten wurde das Programm offiziell zurückgenommen, doch das Töten ging insgeheim weiter. So starben bis 1945 in Hadamar weitere acht Korbacher durch eine Überdosis Medikamente, Hunger oder Vernachlässigung.

Schon 2006 sind erste Veröffentlichungen über die „Euthanasie“ in Korbach erschienen, 2008 folgte im Museum die bedrückende Ausstellung „Ihr Tod riss nicht die geringste Lücke“.

Die Mitarbeit daran gab Lilienthal den Anstoß für ihre Recherchen zur Promotion. Mehr als 4000 Akten hat sie in etwa 30 Archiven erforscht, bis Israel, Österreich und Prag reiste sie. So hat sie auf der Grundlage bisher unveröffentlichten Materials Beispiele für die Ausgrenzung und Verfolgung von Korbachern zusammengetragen. Ihre Studie dokumentiert eine Fülle von Einzelschicksalen.

Doch es gab auch Korbacher wie die Gebrüder Borowski und Kaufmann, die an den Tötungsprogrammen beteiligt waren. „Wir haben Opfer wie Täter,“ betont Lilienthal. Sie arbeitet aber auch „Handlungsspielräume“ heraus: Auch wenn offene Kritik an der Ausgrenzung ausgeblieben sei, gab es Widerstand gegen die „Euthanasie“ oder gerettete Korbacher Patienten.

Lilienthal verweist auch auf Kontinuitäten nach 1945. Da werde ein „Rassehygieniker“ Leiter des Gesundheitsamtes, auch die Diskriminierung der Opfer habe sich fortgesetzt. Zwangssterilisierung sei nicht als Unrecht anerkannt worden.

Bürgermeister Klaus Friedrich lobte die „Neu-Korbacherin“ für ihr Werk. Neben der wissenschaftlichen Arbeit gelinge es ihr immer wieder, junge Menschen an die Geschichte der Stadt heranzuführen. Er freute sich über ein vielfältiges „bürgerschaftliches Engagement“ in Museum, Stadtarchiv, Geschichtsverein und Schulen, die Aufarbeitung der Korbacher Geschichte trage zur „Identifikation mit unserer Stadt“ bei.

Museumsleiter Dr. Wilhelm Völcker-Janssen freute sich, dass die Dissertation als dritter Band der Reihe „Beiträge aus Archiv und Museum der Kreisstadt Korbach und Archiv der Alten Landesschule“ erschienen sei.

Von einer „wertvollen Arbeit“ sprach der Leiter des Stadtarchivs, Wolfgang Kluß. Wichtiger als die „allgemeinen Forschungsergebnisse“ sei, dass Liliental ein Standardwerk zum Nachschlagen vorgelegt habe, das zugleich eine Erinnerung an die umgebrachten Korbacher und eine Mahnung für die Zukunft sei. Er forderte sie auf, weiter zum Thema zu forschen.

„Ich bin froh, dass wir so eine Kollegin haben“, sagte der Direktor der Alten Landesschule, Robert Gassner. Er habe „Hochachtung vor diesem Energiebündel“, Lilienthal schaffe es, ihre Schüler mit ihrer Begeisterung für die Geschichte anzustecken und das „historische Bewusstsein wachzuhalten“.

Der Vorsitzende der Korbacher Bezirksgruppe im Waldeckischen Geschichtsverein, Hans Albert Pohlmann, erinnerte an das Schicksal seines 1930 geborenen behinderten Bruders. Lehrer der Westwallschule hätten ihre „schützende Hand“ über ihn gehalten.

Marion Lilienthal, Erbbiologische Selektion in Korbach (1933-1945), Korbach 2014. Die 512 Seiten dicke Doktorarbeit ist für 24,80 Euro im Bonhage-Museum und in der Alten Landesschule in Korbach sowie im heimischen Buchhandel erhältlich.

Von Dr. Karl Schilling

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