Korbach: Geschichtsträchtige Leihgabe von Petra Rhodius aus Streinrück-Besitz

Im Museum wacht das "Auge Gottes"

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Korbach - Das Korbacher Museum hat ein neues seltenes Ausstellungsstück: ein 400 Jahre altes Epitaph-Gemälde aus der Familie des früheren Bürgermeisters Albert Steinrück.

Sakralräume wecken bei vielen Besuchern nicht gerade Leidenschaft. Da geht es um alte Altargemälde, Glocken bis hin zum historischen Taufstein, die im Korbacher Museum ausgestellt sind. Doch gerade kirchliche Exponate erzählen oft spannende Geschichte.

Petra Rhodius kann dies sehr plastisch schildern. "Das Auge Gottes war mir sehr suspekt, hatte etwas Bedrohliches für mich", erinnert sie sich an Besuche bei ihrer Großmutter im Korbacher Steinrückweg. An der Wand hing eine düstere Holztafel, die Jesus am Kreuz zeigte. Im oberen Teil des Rahmens stach im Gemälde ein einziges Auge hervor - das jeden Betrachter zu verfolgen schien.

Im Haus der Steinrücks

Damals ahnte Petra Rhodius noch nicht, dass sie selbst einmal in den Besitz des "Auges" kommen würde. Ihre Großmutter Marie Büff war eine Tochter des bedeutenden früheren Bürgermeisters Albert Steinrück, der die Geschicke der Kreisstadt von 1892 bis 1897 und noch mal von 1904 bis 1915 lenkte. Die zweite Amtszeit Steinrücks war geprägt von der Ansiedlung des Gummiwerks, dem Grundstein für Korbachs neuen Wohlstand bis heute.

Um 1890 muss Steinrück in den Besitz des Epitaphs gekommen sein. Auf Holz gemalt, erinnert das persönliche Denkmal an den Vorfahren Antonius Steinrück, der am 24. August 1611 im Alter von nur dreieinhalb Monaten starb. "Der Beginn unseres Lebenslaufes ist Weinen, die Mitte Schmerz und Arbeit und der Tod das Ende", lautet die lateinische Inschrift, die Dr. Jürgen Römer (Waldeckischer Geschichtsverein) für Petra Rhodius übersetzt hat. Die Worte geben tiefen Einblick ins Bewusstsein der Menschen damaliger Zeit: Das Leben als harte Prüfung vor der Erlösung durch den Tod.

Pfarrer in Nieder-Ense

Nur acht Jahre später begann der Dreißigjährige Krieg (1619 bis 1648), der Europa mit Tod und Elend heimsuchte, ganze Landstriche entvölkerte. Das Epitaph indes hat diese Zeiten unversehrt überstanden - auch die schweren Kriege späterer Jahrhunderte.

Bis um 1890 hing das Epitaph in der Nieder-Enser Kirche. Antonius Steinrück, der Großvater des 1611 so früh verstorbenen Kindes, war dort Pfarrer. Sein Sohn Samuel heiratete 1610 Sybilla Loisilliers, Hugenottin und Kammermagd der Fürstin Anna von Waldeck. 1611 wird Samuel Steinrück Pfarrer in Helmighausen. Im Gedenken an den verstorbenen Sohn Antonius, der den Namen seines Großvaters trug, ließ Samuel Steinrück das Epitaph erschaffen.

Für Bürgerfamilien im 16. und 17. Jahrhundert war das nicht ungewöhnlich. Viele Kirchen sind mit großformatigen Epitaphen künstlerisch ausgestaltet, oft Skulpturen beeindruckender Bildhauerkunst. Ein Beispiel ist das figurenpächtige, barocke Grabepitaph für den waldeckischen Fürsten Georg Friedrich (1620 bis 1692) in der Korbacher Nikolaikirche.

Als Petra Rhodius vor zwölf Jahren von Berlin in die alte Heimat ihrer Familie nach Korbach zog, war das Epitaph von 1611 allerdings verschwunden. Dieter Steinrück, ein Verwandter und Namensträger in der Schweiz, hatte das Familienstück erhalten. Nach dessen Tod nahm Dr. Klaus Dumke (Warstein), ebenfalls ein Nachfahre der Steinrücks, Kontakt in die Schweiz auf. Dumke vermittelte, dass die wertvolle Tafel zurück nach Korbach zu Petra Rhodius kommen möge.

Zunächst galt es, Zollformalitäten zu überwinden. Vorigen Sommer hielt Petra Rhodius das Epitaph mit dem "Auge Gottes" endlich in den Händen: "Am 24. August 2011, also auf den Tag genau 400 Jahre nach dem Tod von Antonius Steinrück", schildert die Korbacherin: "Da bekam ich eine Gänsehaut."

Als Dauerleihgabe haben Petra und Bernd Rhodius das Epitaph an das Korbacher Museum gegeben. Vor allem, weil es hier sicher und gut temperiert aufgehoben ist.

Zusammen mit dem Korbacher Museumsleiter Dr. Wilhelm Völcker-Janssen präsentierte Petra Rhodius das Epitaph gestern erstmals. Da wurde die öffentliche Übergabe des 400 Jahre alten Kunstwerks gleich zum Familientreffen: Auch aus dem Dumke-Clan waren viele Familienmitglieder nach Korbach gekommen: darunter Dr. Klaus Dumke und Dr. Hans-Otto Dumke (Biberach), beide zuletzt als Referenten in Korbach beim August-Bier-Symposium im November 2011.

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