Überblick über unsere Lieblingsmusik in drei Kategorien

Das klingt richtig gut: Musikempfehlungen aus der Redaktion - zum Verschenken und Selberhören

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Am Ende eines Jahres wird zurückgeschaut - auch auf Musik, die in den vergangenen zwölf Monaten erschienen ist. Redakteure der WLZ und Partnerzeitungen stellen ihre Lieblinge vor.

Unsere Tipps haben wir in drei Kategorien eingeteilt:

Unser Album des Jahres: Diese Aufnahme würden wir am liebsten gar nicht mehr aus dem CD-Player nehmen, und von unserem MP-3-Player werden wir sie nie mehr löschen.

Unser besonderer Musiktipp: Avantgardistisches, Soundtrack oder eine Neuentdeckung - hier stellen wir Musik vor, die ungewöhnlich ist.

Unser Lied des Jahres: Das Album als Kunstform ist noch lang nicht tot, aber im Streaming-Zeitalter werden auch immer mehr einzelne Tracks gekauft. Deshalb wählen wir das Lied des Jahres.

Werner Fritsch (62), Kulturredaktion

Johann Sebastian Bach: Sonatas & Partitas BWV 1001-1006. Giuliano Carmignola, Violine. Deutsche Grammophon. Wahrscheinlich gehören Johann Sebastian Bachs Solosonaten und -partiten zu den am häufigsten eingespielten Werken für Violine. Doch solche Gipfelwerke können nie in einer für alle Zeiten gültigen Version vorliegen. Der italienische Barockgeiger Giuliano Carmignola hat aber jüngst eine höchst beeindruckende Interpretation vorgelegt. State of the art, was historische Spielweise angeht, und gleichzeitig sehr persönlich, emotional und überzeugend. 

Fazil Say: Debussy: Préludes, Satie: Gnossiennes und Gymnopédies. Warner Classics. Ungewöhnliche Zusammenstellungen bieten bestenfalls mehr als die Summe der einzelnen Teile. So auch das Album, auf dem der türkische Pianostar Fazil Say Klavierstücke von Claude Debussy und Erik Satie einander gegenüberstellt. Und siehe da: Der brillante Impressionist und der Protagonist der schmucklosen Einfachheit haben mehr gemeinsam, als man denken würde. Fazil Say zeigt das mit seinem souveränen und sehr poetischen Spiel.

Diva - The Very Best of Anna Netrebko. Deutsche Grammophon. Wie Anna Netrebko hier die Arie „Un bel dì vedremo“ aus Puccinis „Madama Butterfly“ singt, ist große Klasse. Man kann die tolle Nummer übrigens auch live im Kasseler Opernhaus hören.

Michaela Streuff (38), Sportredaktion:

Herbert Grönemeyer: Tumult (Vertigo Berlin). Auf seinem 15. Studioalbum liefert Grönemeyer den Mix, der sein Werk auszeichnet: Ohrwürmer, kritische Texte, Einsatz für kulturelle Verständigung wie in „Doppelherz“, das er mit dem türkischen Sänger Andac Berkan Akbiyik aufgenommen hat. Um es mit einer Zeile aus dem Song „Sekundenglück“ zu sagen: „Es hat genau die richtige Kühle, aus einem Guss und bewundernswert.“

Gregor Meyle: Hätt’ auch anders kommen können (Meylemusic). „Hätt’ auch anders kommen können“ heißt sein neues Album. Doch es ist schön, dass es genau so gekommen ist, wie es jetzt erhältlich ist. Mit eingängigen Melodien und eindeutigen Botschaften wie in „Stolz auf uns“ oder „Die wunderschönsten Dinge“. Balsam für die Ohren und fürs Herz. Ob mit Piano, mit der Gitarre oder im Duett. 

Namika: Je ne parle pas francais (Jive). Es ist der lässig-leichte Soundtrack des Sommers: Namikas „Je ne parle pas francais“. Sie knüpft damit an an ihren Riesenhit „Lieblingsmensch“. Einmal gehört, bekommt man die Melodie einfach nicht mehr aus dem Kopf. Mitsummen geht schnell, mitsingen noch schneller, tanzen sowieso. Ein echter Ohrwurm.

Georg Pepl (48), Freier Mitarbeiter Kulturredaktion

Brad Mehldau: After Bach (Nonesuch). Der Amerikaner Brad Mehldau (48) ist einer der bedeutendsten Jazzpianisten der Gegenwart – und ein Musiker mit ausgeprägtem Faible für die Hochkultur der Alten Welt. Er liebt Thomas Mann, Rilke, Brahms und Bach. Auf seinem Soloalbum spielt er originale Bach-Stücke aus dem „Wohltemperierten Klavier“ sowie eigene Kompositionen. Keine simple Bach-Verjazzung – ein subjektiver Kosmos zwischen Geistigkeit und Gefühl. 

John Coltrane: Both Directions At Once – The Lost Album (Impulse!). Ein lange verschollenes Studio-Album des visionären Jazz-Saxfonisten John Coltrane (1926-1967) ist erstmals veröffentlicht worden. „Das ist so, als fände man einen neuen Raum in einer der großen Pyramiden“, kommentierte der Saxofonist Sonny Rollins. Die Aufnahme von 1963 zeigt, wie intensiv der Jazz damals war.

Herbert Grönemeyer: Doppelherz/Iki Gönlüm (Vertigo Berlin). Einige sind verärgert, andere begeistert: Jetzt singt er auch noch auf Türkisch! Ein mutiges und erfrischendes Statement zur rechten Zeit. Ein tolles Plädoyer gegen Engstirnigkeit aller Art. Also: Gönn dir ‘ne zweite Seele!

Ullrich Riedler (58), Politikredaktion

Magos Herrera & Brooklyn Rider: Dreamers (Sony). Die mexikanische Sängerin Magos Herrera hat sich als Begleiter für diese vorzügliche Lied-Kollektion das USStreichquartett Brooklyn Rider ausgesucht. Ein genialer Kniff, der dem Album seinen atmosphärischen Zauber verleiht. Die lateinamerikanischen Songs betören in der Synthese aus Klassik, Pop und Roots Music auch deshalb auf hinreißende Weise, weil Herreras rauchig-herbe Stimme ihresgleichen sucht. 

Lepisto & Lehti: Radio Moskova (Pinorrek/Edel). Die beiden Finnen kümmern sich wenig um Gattungsgrenzen: Kammermusik mit Jazzelementen? Oder Folk mit Einschüben der Minimal Music? Egal. Man kann ihre zweite CD als Hintergrundmusik laufen lassen oder konzentriert hören. Wie das ungewöhnliche Duo mit Akkordeon und Kontrabass musiziert, ist höchst unterhaltsam und spannend.

Severija Janusauskaite: Von Asche zu Staub (Berlin Babylon). Hypnotisch, düster, unwiderstehlich: Der Song aus „Babylon Berlin“, den die litauische Sängerin Severija Janusauskaite mit Altstimme, Pathos und viel Glamour im Tanzpalast Moka Efti zelebrierte, war ein Ereignis.

Marie Klement (34), Onlineredaktion

AnnenMayKantereit: Schlagschatten (Vertigo Berlin). Ein Album, das mit diesem Lied beginnt, musste ich ja mögen: „Marie“ ist der Auftakt der zweiten Platte der einstigen Straßenmusiker aus Köln – die der ersten in Nichts nachsteht. Und das nicht nur wegen der markanten Stimme von Sänger Henning May. Dieses Album ist musikalisch abwechslungsreich, die Texte sind nachdenklicher als sonst – und allesamt wunderschön. Einfach kompromisslos gut. 

Lady Gaga, Bradley Cooper: A Star Is Born Soundtrack (Interscope). Nicht ganz freiwillig bin ich in Lady Gagas ersten Kinofilm gegangen – und mit einem großartigen Soundtrack wieder rausgekommen. Bradley Cooper, der für den Film Singen, Klavier und Gitarre spielen gelernt hat, ist eine echte Entdeckung. Hier steckt alles drin: erdiger Rock, Country, Folk und Pop. Anhören!

Bosse: Alles ist jetzt (Vertigo Berlin). In der deutschen Indie-Pop-Landschaft kam man in den vergangenen Jahren an Bosse kaum vorbei. Auch nicht in diesem Jahr. „Alles ist jetzt“ vom gleichnamigen Album des Wahl-Hamburgers ist ein Appell, das Leben zu genießen. Grundsympathisch und mit Ohrwurm-Potenzial.

Sonja Berg (36), Werra Rundschau:

Frank Turner: Be More Kind (Polydor). Zum ersten Mal in seiner musikalischen Laufbahn zeigt sich Frank Turner wirklich politisch und greift auf „Be More Kind“ Donald Trump sowie aktuelle Geschehnisse an. Wütend, aber auch eingängig und poppig wie selten zeigt sich der Songwriter, der seine Wurzeln im Punk hat. Nicht zuletzt mit „1933“ setzt er ein wichtiges Statement.

Basement: Beside Myself (Atlantic/Warner). Lange nicht mehr so eine gute Platte zwischen Grunge, Post-Punk und Alternative gehört, irgendwo zwischen Hot Water Music, Alkaline Trio und Jimmy Eat World. Wuchtiger Gitarrensound trifft bei Basement auf eingängige Melodien. 2010 gründete sich die englische Band, vier Alben später veröffentlichen sie „Beside Myself“ bei einem Majorlabel und könnten eine große Rockband werden.

Editors: Magazine (Play It Again Sam) Ein energiegeladener Song mit einer perfekten Mischung aus Elektro- und Indiepop Klängen, der mitreißt – egal, ob aus der Anlage oder live wie auf dem Open Flair Festival in Eschwege. Ein „Fingerzeig, gewidmet all jenen, die die Macht haben, wie korrupte Politiker oder Geschäftsmänner“, sei das Lied, so die Editors.

Susi Große (28), Volontärin Kulturedaktion

George Ezra: Staying At Tamara’s (Columbia Records). Ich lasse nur wenige Alben durchlaufen, ohne ein unliebsames Lied wegzudrücken. In diesem Jahr hat das nur das zweite Studioalbum von Singer-Songwriter George Ezra geschafft. Auch neben Singleauskopplungen wie „Paradise“ und „Shotgun“ gehen die elf Songs auf „Staying At Tamars’s“ in die Beine. Bei der souligen Stimme ist es kaum zu glauben, dass der Brite erst 25 ist.

Felix Jaehn: I (Virgin Records). Drei Jahre lang liefen die Tracks von Felix Jaehn die Playlisten rauf und runter, doch das Debütalbum kam und kam nicht. Im Februar war es dann endlich soweit. Als Ausgleich für das lange Warten enthält die Scheibe „I“ gleich 25 Stücke: Teils ein Sample der bisherigen steilen Karriere des deutschen DJs, teils brandneue Eigenproduktionen– allesamt absolut tanzbar.

Alice Merton: Why So Serious (Paper Plane Records International). Ob sie ein One-Hit-Wonder sei, wurde Alice Merton nach ihrer ersten Single „No Roots“ gefragt. Nur auf den Erfolg reduziert zu werden, fand die gebürtige Frankfurterin gar nicht lustig. Schließlich geht es bei Musik doch vor allem um Spaß. Und den macht „Why So Serious“ definitiv. Ein kraftvoller Gute-Laune-Popsong mit tiefsinniger Botschaft: Das Leben ist viel zu oft viel zu ernst.

Karl Schönholtz (59), Hersfelder Zeitung

Tom Petty: An American Treasure (Reprise, Warner). Sein allzu früher Tod im Oktober 2017 hat all jene getroffen, die handgemachten mainstreamigen Rock zu schätzen wissen. Tom Petty war eine Ikone, amerikanisch bis in die Haarspitzen und kreativ bis zuletzt. Das 4 CD-Set „An American Treasure“ ist mit Bekanntem, Unbekanntem, Rarem und bislang Unveröffentlichtem ein wahrer Schatz und mein Album des Jahres.

Marillion: Clutching At Straws Deluxe Edition (Parlophone, Warner). Und noch was Altes neu entdeckt: „Clutching at Straws“ war 1987 der Schlusspunkt der sogenannten Fish-Ära von Marillion. Die Band war nach dem Mega-Erfolg von „Misplaced Childhood“ zerstritten und unter Druck, der keineswegs homogene Nachfolger Ausdruck der Zerrissenheit. Dennoch liefert die Rampensau Fish hier noch einmal ganz großes Kino. Die luxuriöse Neuauflage glänzt mit jeder Menge Zusatzmaterial und einem kompletten Konzert aus Utrecht.

Paul McCartney: Fuh You vom Album „Egypt Station“ (Capitol/Universal). Und hier ein Alter, der klingt wie ein Junger: Wer hätte Paul McCartney noch einmal einen Ohrwurm wie das schlüpfrige „Fuh You“ zugetraut? Ich ziehe den Hut und summe mit – immer wieder.

Daniel Göbel (31), Nachrichtenredaktion

Drake: Scorpion (Cash Money). Irgendwie wirkte Drake immer etwas lächerlich, wenn er in Jogginghose und Wollpulli umhertanzend seinen Singsang-Rap präsentierte. Doch auf „Scorpion“ wirkt Drake endlich völlig mit sich im Reinen. Schon die erste Single „God’s Plan“ schoss direkt ins Herz, es folgte „Nice For What“ wohl eine der besten Partyhymnen des Jahres. Ein zeitloses Album für die Ewigkeit, das ihm wohl wieder einige Grammys einbringen wird.

XXXTentacion: ? (Bad Vibes Forever). Über die Person XXXTentacion ist wohl nicht erst seit seinem überraschendem Tod im Juni alles gesagt worden. Das er kein Engel war, dürfte klar sein – allerdings wohl auch nicht der Teufel, für den ihn viele halten. „?“ ist die Momentaufnahme eines depressiven jungen Menschen, der sich im Suchen nach dem Sinn des Lebens verloren hat. Wer das Album nicht kennt, wird überrascht sein, wie gefühlvoll und musikalisch versiert ein Mensch mit bunten Dreadlocks, Gesichtstattoos und dicker Polizeiakte sein kann.

Kitschkrieg: Standard feat. Trettmann, Gringo, UFO 361 und Gzuz (BMG). Mit „Standard“ setzt das Produzententrio Kitschkrieg einen neuen Standard. Zeitgemäßer kann deutschsprachiger Rap im Jahr 2018 nicht sein. Der Beat hebt ab in andere Galaxien, dazu die Stimme von Gzuz, die immer wieder „Standard“ raunt. Mein Motivationssong des Jahres. Tipp: Am besten beim Autofahren oder Putzen hören.

Maja Yüce (45), Kulturredaktion

Bilderbuch: Mea Culpa (Machine Records). Das Beste kommt zum Schluss: 2018 gab es bislang zwar viel neue Popmusik, aber der ganz innovative, richtungsweisende Sound blieb aus – bis zum 4. Dezember. An diesem Tag brachten Bilderbuch überraschend neun neue Songs raus. Bilderbuch sind Soundtüftler und -entdecker: Orgel, Synth-Tupfer, fette Beats, Loops, Autotune, Rap. Stilistisch sind sie weit geöffnet und so hört sich auch kein Song nach dem anderen an, wie es derzeit im deutschen Pop üblich ist. Die Texte sind nicht extrem tiefgründig, trotz nachdenklicher Zeilen – aber originell und klug. Maurice Ernst besingt Beziehungen, die intim, aber eher trostlos und rauschhaft als romantisch sind. Dieser Austropop macht Spaß, selbst, wenn er mal traurig klingt.

Aretha Franklin: Respect - The Very Best of Aretha Franklin (WSM/Warner). Mit ihrer Hymne „Respect“ wurde sie eine Musik-Ikone und gleichzeitig zu einer der Vorreiterinnen der afroamerikanischen Befreiungs- und Frauenbewegung: Die „Queen of Soul“ Aretha Franklin starb im August. Was bleibt, ist die großartige Musik des stimmgewaltigen Superstars – „Respect“!

Fynn Kliemann: Zuhause (twoFinger Records). „Ganz egal wo wir landen: Mein Zuhause ist kein Ort, das bist du.“ Und: „Ich will so viel – du bringst mir bei, das Leben manchmal reicht.“ Einfache, klare, zarte Worte, gesungen von einer rauen Stimme, die nach langen Nächten klingt. Fynn Kliemann hat vieles ausprobiert – jetzt Musik. Und das kann der Youtuber richtig gut. Seine Stimme geht unter die Haut. Ihm will ich zuhören – immer wieder. Mein Lieblingssong 2018? „Zuhause“! – vom Debüt „nie“, das er ohne großes Label veröffentlicht hat.

Frank Ziemke (55), Sportredaktion

Fynn Kliemann: Nie (twoFinger Records). Eine überraschende Neuentdeckung: Fynn Kliemann ist Webdesigner und Youtuber, der sich Heimwerker-King nennt. Und dann macht dieser Kerl auch noch Musik. Das ist auch gut so. Sein Debütalbum gab es in kleiner Auflage im Selbstvertrieb als CD, mittlerweile ist „Nie“ nur bei Streaming-Diensten zu hören. Kliemann knödelt sich mit rauer Stimme durch sympathische Songs, die überzeugend ihre Geschichten erzählen und hohes Ohrwurm-Potenzial haben. In „Sardinien“ heißt es: „An jedem anderen Ort, an jedem anderen Tag, hätten wir die Schönheit satt, und schnell wieder kaputt gemacht.“ In diesem Album steckt zum Glück sehr viel Schönheit.

Element of Crime: Schafe, Monster und Mäuse (Universal). Einfach, weil es immer wieder etwas Besonderes ist, wenn die Berliner ein neues Album veröffentlichen, in dem dann wieder nichts oder nur wenig anders klingt als in dem davor und dem davor und dem ... Und weil dann einfach wieder alles gut ist und schön.

The 1975: I love It If We Made It (Polydor). Matt Healy, Sänger der Indie-Band aus Manchester, arbeitet sich fast atemlos durch eine Welt im Zerfall, reiht Szenen und Zitate aneinander. Tote Rapper, amerikanischer Präsident, die Opfer der Flüchtlingskrise. Wütend und zugleich poppig klingt das. Unbedingt gucken: das fast dokumentarische Video.

Bettina Fraschke (50), Kulturredaktion

Paul Simon: In The Blue Light (Sony Music). Der Meister in Großform: Songwriter-Legende Paul Simon blickt auf seinem 14. Soloalbum „In The Blue Light“ auf seine gut fünf Jahrzehnte fassende Karriere zurück und präsentiert Songperlen im neuen Soundgewand, die ihm zu unrecht ein bisschen im Schatten oder übersehen scheinen. Ergebnis: zehn Entdeckungen. Auch Kammerorchester und Band sind exquisit, Winton Marsalis etwa in „How The Heart Approaches What It Yearns“. Insgesamt öffnet das Album Räume, lässt der Musik Luft zum atmen, die feinen Arrangements sind wunderbar ausgeleuchtet. 

Carminho: Maria (Warner). Die kraftvolle Stimme des Fado. Beim Auftritt im Kasseler Kulturzelt rührte Carminho zu Tränen. Mit ihrem Album „Maria“ intensiviert sie ihren kunstvoll-individuellen Blick auf den portugiesischen Fado, erkundet, erneuert, feiert dieses ehrwürdige Hochamt der Melancholie. Selbstgeschriebene Songs, zum Schmachten schöner Gesang und grandiose Musiker.

Queen: Bohemian Rhapsody. Ob man die cineastische Heldenverehrung gesehen hat oder nicht, der Kinofilm „Bohemian Rhapsody“ brachte die Rockband Queen wieder mehr auf die Bildfläche. Mindestens ebenso lohnend: das Wiederentdecken des grandiosen Opern-Songs gleichen Namens. Musikalisch exaltiert, verrückter Text. Wer fragt sich in diesen Zeiten nicht: „Is this the real life / is this just fantasy?

Matthias Lohr (44), Onlineredaktion

Drangsal: Zores (Caroline/Universal). Laut Spotify waren meine Lieblingskünstler in diesem Jahr Die drei !!!, Bibi Blocksberg und TKKG. Das kommt davon, wenn man den Kindern seinen Account überlässt. Drangsal könnte ihnen auch gefallen. Max Gruber aus der Pfalz hat sich zwar nach einem Bestattungshaus benannt, macht aber stilsicheren 80er-Jahre-Wave-Pop, der nach den Smiths und den Ärzten klingt. Quasi Münchener Freiheit für die Indie-Disco. Zudem singt er mit Stella Sommer von der Hamburger Band Die Heiterkeit als Duo Die Mausis wunderbar depressive Kinderlieder.

Mogwai: Kin O.S.T. (Pias / Rough Trade). Der Science-Fiction-Film „Kin“ soll nicht gut sein, aber der Soundtrack der schottischen Postrock-Band ist wie immer toll. Mit ihren schwelgerischen Gitarren und düsteren Synthies haben Mogwai schon einen Film über Zinedine Zidane vertont, der nichts anderes zeigte als den Fußballer während eines Spiels. Die Band gibt es seit 1995, hat es bis heute aber nicht geschafft, auch nur einen einzigen schlechten Song zu schreiben. Kann man auch gut über Kopfhörer hören, wenn die Kollegen im Büro mal wieder zu laut sind.

Idles: Danny Nedelko (Pisa/Rough Trade). Falls in diesem Jahr jemand die Hoffnung verloren hat angesichts all des Hasses um uns herum: Die Idles, die romantischste Punkband aller Zeiten, werden uns retten. Die Botschaft der Musiker aus Bristol lautet: All is love. Die deutsche Sicht auf die Liebe und den Hass besingt das Elektropunk-Trio Frittenbude mit „Die Dunkelheit darf niemals siegen“. Auch ein Song des Jahres.

Amira El Ahl (42), Redaktion Kreis Kassel

Michael Bublé: Love. (Reprise). Weihnachten ist genau die richtige Zeit, um ein Album auf den Markt zu bringen, in dem es nur um eine Sache geht: die Liebe. Keiner singt mit so samtweicher Stimme über das schönste Thema der Welt wie der Kanadier. Kitschig? Vielleicht. Angesichts der oft hoffnungslos erscheinenden Lage in dieser Welt vielleicht aber auch einfach die perfekte Musik um abzuschalten.

Fiva: Keine Angst vor Legenden. (Kopfhörer Recordings). Ich kannte Fiva bis zu diesem Abend im Kasseler Kulturzelt nicht. Es regnete in Strömen. Fiva trat in einem rosa Regenmantel auf die Bühne. Ich habe mich schockverliebt in die zierliche Münchnerin, die zwar keine Pop-Hits schreiben kann, dafür wunderbar poetische Texte. Ihre Musik trifft mitten ins Herz und macht glücklich. Mit ihr will man die ganze Nacht tanzen. 

Boy: We Were Here. (Grönland Records). Zwar schon 2015 erschienen, trotzdem mein Lied des Jahres. Die eingängige Melodie und die sanften Stimmen des Pop-Duos haben mich durch den Sommer getragen und erinnern mich an Fahrten durch französische Landschaften. Sie zaubern das Sommergefühl zurück, wenn der warme Wind durch das Haar fährt.

Mark-Christian von Busse (50), Kulturredaktion

Calexico: The Thread That Keeps Us (City Slang). Die neunte Studioplatte der Indiefolkrocker aus dem Südwesten der USA hält zuverlässig das Niveau, das Sänger und Gitarrist Joey Burns sowie Schlagzeuger John Convertino und ihre Mitstreiter seit 20 Jahren auszeichnet. Zu lässigen Wildwest-Klängen mit Mariachi-Gebläse trägt Multiinstrumentalist Martin Wenk aus Nentershausen bei. Ich empfehle das Album auch in Erinnerung an brillante Calexico-Auftritte im Kulturzelt, dessen Zukunft ungewiss ist. Es wäre ein Jammer, wenn solche grandiosen Bands künftig nicht mehr nach Kassel kämen. 

Soap & Skin: From Gas To Solid/You Are My Friend (Play It Again Sam/Rough Trade). Soap & Skin – das ist die 28 Jahre alte Musikerin und Schauspielerin Anja Plaschg aus der Steiermark, die zuerst 2009 mit „Lovetune For Vacuum“ auf sich aufmerksam machte. Nun wieder: traumschöne Melodien, elektronisches Gefrickel, viel Klavier, zart, zerbrechlich, stets etwas schwermütig. Und zwischendurch auch mal krachend-laut.

Johann Theile (1646-1724): Der Sionitin Wiegenlied: Nun, ich singe, Gott, ich knie. Auf der CD „Himmelsmusik“, L’Arpeggiata, Christina Pluhar (Parlaphone/Warner). Vorsicht, Ohrwurmgefahr! „Die Singstimme tritt vor eine Klangfläche aus bebend-zitternden Repetitionen der Streicher“, heißt es im Booklet. Und was für Stimmen (Philippe Jaroussky!), welche meditative Kraft des Kapellmeisters und Schütz-Schülers. Greift ans Herz!

Julia Renner (36), Waldeckische Landeszeitung

Imagine Dragons: Origins (Interscope). Mühelos wechseln Imagine Dragons zwischen den Genres, mischen Pop und Rock, HipHop und Folk zu Gute-Laune-Liedern wie „Love“, frechen Pop-Songs wie „Zero“ und Tracks zum Relaxen wie „West Coast“. Das Konzept geht nicht bei jedem Lied auf, insgesamt aber ein Album mit coolen Beats, lässigen Rhythmen und Liedern für jede Lebenslage – ob zum Tanzen, Chillen oder Autofahren.

Sarah Lesch: Nichts (Rummelplatzmusik). „Und wir brauchen nichts gerade außer ein bisschen Leichtsinn und Mut, der Rest wird von alleine gut“: Die Musik von Sarah Lesch geht ins Ohr und setzt sich fest. Viele simple Wahrheiten, etwas Sozialkritik, Träumereien und eine gute Portion Motivation vereint „Nichts“ auf spielerische Weise. Freche Lyrik zum Mitsingen, Mitträumen und Nachdenken.

Dynoro und Gigi D’Agostino: In My Mind (b1). Seit Monaten läuft es rauf und runter in Clubs und im Radio, hält sich beständig weit oben in den Charts und das aus gutem Grund. „In My Mind“ ist ein echter Knaller für Freunde der Elektropop-Klänge. Klar, tiefgründige Texte liefern die beiden DJs nicht, dafür einen fetten Sound, der einfach Spaß macht, auch nach Monaten noch.

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