„Flötenspektakel“: Klassikerarrangements in ungewöhnlicher Besetzung in Vöhl

Musikshow der Extreme mit Tiefgang

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Acht Frauen mit einer Gemeinsamkeit: der Leidenschaft für das gleiche Instrument.

Vöhl - Acht Frauen mit unterschiedlichem Hintergrund und entsprechender Lebenserfahrung teilen die Leidenschaft für dasselbe Instrument und spielen deshalb das komplette klassische Repertoire auf der Querflöte.

Das „Flötenspektakel“ spricht alle an, die selbst Querflöte spielen und manchmal auch darunter leiden, dass viele herrliche Melodien anderen Instrumenten vorbehalten sind. In seiner Einleitung auf einen musikalischen Ausnahmeabend in der alten Synagoge stellte Kurt-Willi Julius fest, dass 40 weitere potenzielle Mitspielerinnen im Publikum saßen. Doch auch die weniger vorbelastete Hälfte des Publikums kam auf ihre Kosten, denn die hervorragende Wiedergabe eines Klassiker-Arrangements für eine ungewöhnliche Besetzung schärft das Gehör für die Feinheiten beim vermeintlich vertrauten Original.

Die zur Eröffnung gespielte Bearbeitung der Zauberflöten-Ouvertüre von Nancy Nourse erwies sich werknahe Übertragung, die das Publikum für die eigenwilligeren oder eigenständigen Bearbeitungen sensiblisierte, in denen die Querflöte die volle Bandbreite des Gefühls durchschreiten sollte. So bei Ulrike Dahme, die im Adagio von Arcangelo Corellis Concerto Grosso (arr. David Bailey) lebhafte Hornläufe auf ihrer Bassflöte spielte.

Den Traueraffekt in reinster Form spielte das Ensemble mit Claudio Monteverdis „Lamento D‘Ariana“, für heitere Elemente zeichneten Harold L. Walters „Scenes from the West“ verantwortlich. Drei Szenen, in deren Verlauf der Trab über die Prärie ebenso plastisch in Musik umgesetzt war wie der schrille Klang einer Fiddle beim Square-Dance im Salon.

Zum unbestreitbaren Höhepunkt der ersten Hälfte geriet Stefanie Biebers Arrangement von James Horners „Rose“ mit der hörbaren Wellenbewegung im Ensemblesatz, während Natascha Sino an der Altflöte die Melodie der Titanic-Ballade anstimmte, ehe Kaori Ioka mit einer irischen Piccoloflöte das charakteristische Motiv als Höhepunkt blies und eine verebbende Reprise zum Finale der Ballade beisteuerte.

Auch nach der Pause gingen die acht Flötistinnen methodisch einwandfrei vor und eröffneten die zweite Hälfte mit einem Mozart-Arrangement, das als wortgetreue Übertragung einer Orchesterpartitur ins Flötenvokabular gelten konnte. Im weiteren Verlauf folgte ein Höhepunkt auf den nächsten, ohne den anderen zu überdecken. Dazu waren die musikalischen Charakterstücke zu unterschiedlich in Sachen Tempo und Orchestrierung.

Kleine Instrumentenkunde

R.E. Thurstons Arrangement von Maurice Ravels „Pavane pour une Infante defunte“ mit Heidi Ickert an der Bassflöte begann deutlich gemessener als die Orchesterfassung und wirkte beeindruckend düster, ehe Nicole Bassadre mit der Piccoloflöte die Melodieführung übernahm und zum mediterran impressionistischen Flirren der sieben anderen Flöten ihre Weise blies. Spanisch mediterran begann auch die unterhaltsame Instrumentenkunde, in der die Piccoloflöte mit dem „Chor der Gassenjungen“ und die Altflöten mit dem Schicksalsmotiv aus Carmen vorgestellt wurden.

Die ideale musikalische Vorlage für die Bassflöten kam allerdings nicht von Georges Bizet, sondern von Henry Mancini. Mit Pink Panther klang die musikalische Einführung für alle Anwesenden ohne einschlägigen Hintergrund heiter aus.

Deutlich dramatischer, aber nicht weniger populär ging es im musikalischen Programm weiter, denn die flirrende Eröffnung ist das Markenzeichen von Isaac Albeniz, dessen Vertonung der Legende von den Quellnymphen, die sich nachts die Pferde des Dorfes für einen Ausritt borgen, von Shaul Ben Meyer in ein Arrangement für acht Flöten gebracht wurde, das deutlich mehr hörbar macht, als Gitarrensaiten, denn in zwei überblasenen Flöten klingt das Schnauben der Pferde unverkennbar an.

Mediterran und nordisch zugleich geriet die nächste Station der musikalischen Reise, denn das Andante seiner italienischen Sinfonie hatte Felix Mendelssohn-Bartoldy mit den Variationen über die Ballade „Es war ein König in Thule“ als musikalische Hommage an seinen Lehrer Carl Friedrich Zelter und seinen Förderer Goethe gestaltet, wie Annette Klose-Schwarz ausführte, die das Thema auch mit dem ersten Solo vorstellte, ehe das Motiv zu Nicole Basadre an der Bassflöte weiter wanderte. Im weiteren Verlauf flötete Kaori Ioka beim Intermezzo auf der Piccolo die sonst von der Violine gesetzten Akzente über das Spiel von Lisa Markmann am Bass, ehe Annette Klose-Schwarz das Balladenthema wieder aufnahm.

Mit Dirk Juchems jazzigen „Double Wind“ mit Hut und Sonnebrille endete der offiziellen Teil, aber nicht das Verkleidungsspektakel, denn zur ersten Zugabe setzen sich die acht Flöten-Virtuosinnen frische Fühler auf und starteten zumHummeflug mit Humor. Als zweite Zugabe und gutes Geleit für den Heimweg gab es einen geflöteten „Abendsegen“ aus Engelbert Humperdicks Hänsel und Gretel. (ahi)

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