Natalie Waal erzählt von ihrer Schulzeit als Start-Stipendiatin

Von Mut, Offenheit und Entwicklung

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Ihre Wurzeln liegen in Russland, ihr Zuhause ist in Korbach: Natalie Waal wurde während ihrer Schulzeit von der Start-Stiftung unterstützt.

Korbach - Vor 16 Jahren kam Natalie Waal mit ihrer Familie aus Russland nach Korbach. In diesem Jahr hat sie ihr Abitur gemacht - mit einem Durchschnitt von 1,7. Unterstützung bekam sie seit der 8. Klasse auch von der Start-Stiftung, die sich Schülern mit Migrationshintergrund widmet.

Keine Spur von einem Akzent. Wer mit Natalie Waal ins Gespräch kommt, der ahnt nicht um ihre Geschichte. Sie erzählt strahlend von ihrem Abitur, von Zukunftsplänen und von ihrem Urlaub. Sie hat ihr Abschlusszeugnis in der Tasche, und die Welt steht ihr offen.

„Das ging den Menschen oft so“, sagt sie, „erst wenn sie meine Eltern kennenlernten und den Akzent hörten, fragten sie nach.“ Und dann erfuhren sie, dass Natalie Waal eben nicht in Korbach geboren wurde, sondern 1994 ins Omsk in Russland. Ihre Mutter ist Russin, ihr Vater wuchs in Kasachstan auf. „Als wir vor fast 16 Jahren nach Korbach kamen, da wurden wir Spätaussiedler genannt“, sagt sie, „denn die Familie meines Vaters hat deutsche Wurzeln.“ Natalie Waal und ihre ältere Schwester wuchsen zweisprachig auf und mit dem Wissen um die eigene Herkunft. „Ich wurde russisch-orthodox getauft“, erzählt sie, „wir feiern auch russische Weihnacht, und von Zuhause sind mir Ikonen vertraut“.

Probleme mit Integration oder Vorbehalten kennt sie nicht. „Und ich glaube, über Vorurteilen würde ich heute auch drüberstehen“, sagt sie, „denn ich habe aus beiden Kulturen viel Wertvolles mitbekommen, und das hat mich reicher gemacht“. Und dabei denkt sie nicht nur an die beiden Sprachen, die sie flüssig spricht. „Meine Eltern waren sehr darauf bedacht, dass ich ein offener und selbstständiger Mensch werde“, sagt sie, „das hat wohl auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun.“ Auch wenn sie selbst mal Kinder bekommt, sollen die um ihre Wurzeln wissen.Probleme in der Schule hatte sie nicht. „Das Lernen fiel mir leicht“, sagt sie. Und als ihr in der achten Klasse der Prospekt der Start-Stiftung in die Hände fiel, da bewarb sie sich. Die Stiftung unterstützt erfolgreiche Schüler mit Migrationshintergrund auf dem Weg zum Abitur - finanziell und mit Seminaren.

„Erst habe ich mich gefragt, wo der Gedanke der Integration Platz findet, wenn nur Schüler mit Migrationshintergrund geförderte werden“, sagt sie, „aber ich habe dieses Programm schließlich als sehr wertvoll erlebt.“ Das gilt nicht nur für die finanzielle Unterstützung. Jeden Monat bekam Natalie Waal Geld für Bildungszwecke. Bücher, Kulturveranstaltungen, Vereinsgebühren, Schulmaterial und Klassenfahrten, auch mal für einen Schreibtisch oder Laptop: „Es war schön, meinen Eltern keine Sorgen machen zu müssen“, sagt sie, „das Geld hat Freiheit bedeutet.“ Jeden Euro, den sie ausgab, musste sie belegen.

Vor allem aber habe sie ideell profitiert: „Die Stiftung lädt zu Seminaren und zu Treffen der Stipendiaten ein“, sagt sie. Und dabei begegnete sie Menschen, die zu Freunden wurden. Kriegsflüchtlinge und Kinder, deren Familien abgeschoben wurden, Schüler, die alleine geflohen waren oder in schwierigen Familienverhältnissen leben: „Dann versteht man, warum es gut ist, dass es so ein Programm gibt“, sagt Natalie Waal. Und doch war bei den Treffen und Seminaren selten die eigene Geschichte das Thema. „Das war eine sehr offene Atmosphäre, die mir sehr geholfen hat, meine Schüchternheit loszuwerden“, sagt sie, „vieles hat sich seit damals verändert.“ Und so sei es bei all den Begegnungen und Seminaren vor allem um Persönlich-keitsentwicklung gegangen.

Mit dem Abitur ist das Programm abgeschlossen, Freundschaften aber sind geblieben und werden Natalie Waal auch an die Uni begleiten, wo sie Medizin studieren will.

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