Arztinterview im Stadtkrankenhaus Korbach

Nachher ist nichts wie vorher

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Dr. Michael Tübben, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Notfallmedizin mit beatmetem Patienten (mit Pfleger gestellt) auf der Intensivstation.

Nach drei Wochen Intensivstation, zehn Wochen Krankenhaus und Reha hat Heike K. ihre lebensbedrohliche Krankheit überwunden. Doch die Psyche macht ihr das Leben schwer. Kein Einzelfall, sagt Dr. Michael Tübben, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Notfallmedizin im Stadtkrankenhaus Korbach.

 „Ich bin glücklich, wieder mit beiden Beinen im Leben zu stehen“, freut sich die 44-jährige Mutter zweier Kinder und erzählt: „Ich schlendere mit meiner Freundin durch die Stadt – alles ist gut. Doch plötzlich ist er wieder da: der Signalton des Monitors auf der Intensivstation fiept in meinem Ohr, das Atmen fällt schwer – ich habe Angst.“ Die Behandlung einer lebensbedrohlichen Erkrankung auf der Intensivstation ist eine Grenzerfahrung, die mit starken Stressreaktionen verbunden ist. Bei vielen Patienten führen die Erlebnisse zu tiefsitzenden Ängsten. „Kognitive, psychische und körperliche Langzeitfolgen nach dem Überleben einer kritischen Krankheit bedingen leider häufig, dass „nachher nichts mehr so ist wie vorher“, erklärt Dr. Michael Tübben. Man nenne dies das „Post-Intensive-Care-Syndrom“ (PICS)“.

Welche gesundheitlichen Probleme können nach Operationen mit Intensivstationsaufenthalt auftreten?

Dr. Tübben: Ein Teil der Patienten entwickelt ein posttraumatisches Stress-Syndrom mit Angstgefühlen, sozialer Desintegration, Rückzug und depressiver Stimmungslage. Sehr häufig sind die neuro-muskulären Kurz- und Langzeitkomplikationen, die „Critical-Illness-Polyneuropathie“. Die muskuläre Schwäche ist ein zentraler, komplizierender Faktor für die Rehabilitation, die Wiedererlangung der Funktionalität. Letztlich bedeutet das Durchleben einer kritischen Krankheit auf molekularer bzw. immunologischer Ebene für den Körper, dass eine wochen- oder gar monatelange Zeit eine Art Entzündungsreaktion vom Körper beherrscht werden muss. Die vielen Reparaturmechanismen unseres Körpers, von denen wir im gesunden Zustand kaum etwas mitbekommen, haben mit dieser Arbeit so viel zu tun, dass sie nun überlastet sind. Dies führt eben auch zu Langzeitschäden der Organsysteme, wie chronische Nierenschädigung, Gelenkverkalkungen, rascheres Altern.

Hat die Art der Krankheit bzw. des Eingriffs einen Einfluss auf spätere Beschwerden? Oder sind die späteren Schwierigkeiten mehr von der Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation abhängig?

Dr. Tübben: Nicht nur die Art der Erkrankung hat einen Einfluss auf die Entstehung des PICS. Es gibt auch von uns nicht beeinflussbare genetische Patientenfaktoren, die die Entstehung einer kritischen Krankheit begünstigen können. Manche Menschen scheinen von ihrer genetischen Ausstattung einfach eine bessere Immunlage zu haben. Auch das Durchschnittsalter unserer Intensiv-Patienten wird mit 69 Jahren immer höher. Ältere Menschen haben nicht nur mehr körperliche Einschränkungen und Begleiterkrankungen. Sie nehmen mehr Medikamente ein, die in Wechselwirkung mit unseren Medikamenten treten und unerwünschte Wirkungen haben. Zudem kann man sagen: je länger und je schwerer die Krankheit dauert, umso eher entwickelt man negative Langzeitfolge-Erkrankungen.

Und wie zeigen sich die Beschwerden? Neben körperlichen und kognitiven Einschränkungen gibt es ja häufig psychische.

Dr. Tübben: Neben den oben beschriebenen muskulären Problemen, die häufig eine lange Rehabilitationsphase nach sich ziehen, gibt es Angstsyndrome, depressive Episoden, Schlafstörungen, das Behalten häufiger schlechter Träume, Denk- und Konzentrationsstörungen, eingeschränkte Merkfähigkeiten – so kann sich das PICS ausdrücken.

Ein großes, alltägliches Problem unserer Patienten ist das Delir. Auf der Intensivstation ist es häufig Folge der generalisierten Entzündungsreaktion im Körper nach einem chirurgischen Eingriff oder während einer anderen kritischen Krankheit. Wir haben sehr große Anstrengungen in diesem Bereich unternommen, um das Delir zunächst einmal erkennen zu können, da nur etwa ein Drittel aller Patienten mit Delir durch Unruhe, Wehrhaftigkeit und Desorientiertheit auffallen. Unsere Krankenpfleger tragen einen großen Anteil am Erkennen und an der nicht-medikamentösen Therapie des Delirs bei.

Nach welchen Behandlungen gibt es besonders häufig Probleme?

Dr. Tübben: Krankheiten, die einen großen Einschnitt in die Gesundheit bedeuten, bereiten die größten Probleme. Im Bereich der perioperativen Medizin gibt es eine besonders ungünstige Konstellation aus Eingriff an einem großen Gelenk oder Röhrenknochen: Alter über 65 Jahre, bestehende Hirnleistungsstörung oder neurologische Krankheit (z.B. Demenz, Parkinson-Krankheit, Schlaganfall, Krampfleiden usw.). Auch alle Patienten, die im Rahmen des Aufenthaltes eine Organfunktionseinschränkung der Leber haben (die sogenannte Sepsis), erleiden die Früh- und Langzeitfolgen ihrer Krankheit. Ungünstig können sich auch Einschränkungen der Niere oder des Herzens auswirken, aber auch eine Blutstrom-, Bauchhöhlen- oder Lungeninfektion mit Bakterien, Pilzen oder Viren.

Können Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit zu neuen Krankheiten, Angststörungen und Depressionen wachsen? Ist eine zeitnahe Nachsorge wichtig, um das zu verhindern?

Dr. Tübben: Im Rahmen des Intensivstationsaufenthaltes beginnen wir mit früher Mobilisation der Patienten. Die frühe Ernährung auf natürlichem Wege statt über Infusionslösungen, unterstützt durch die gezielte Gabe von Vitaminen und Spurenelementen, gehört mittlerweile selbstverständlich zu unseren Aufgaben. Moderne Regimes zur Narkose auf Intensivstationen verkürzen die Zeit der künstlichen Beatmung. Die Nierenersatztherapie filtert außerhalb des Körpers vermutlich auch die im Blut befindlichen Botenstoffe der oben beschriebenen Entzündung. Im Rahmen der stationären und/oder ambulanten Rehabilitation werden auch psychologische und psychiatrische Fachkollegen eingesetzt, die die Verarbeitung des – teils unbewusst – Erlebten ermöglichen können.

Begleiten Sie die Patienten nach der OP und/oder geben ihnen Reha-Tipps zur weiteren Behandlung? Gibt es Nachsorge-Termine? Wer kümmert sich darum? Und wer stellt den Reha-Bedarf fest? Wie kann eine wirksame Nachsorge-Therapie aussehen? Was wird gemacht, und wie lange kann Behandlung dauern?

Dr. Tübben: Die Kranken- und Pflegekassen, die Rentenversicherer und die Berufsgenossenschaften legen in Katalogen nach bestimmten Kriterien fest, wer in welcher Form eine Rehabilitation in jedweder Form erhalten darf. Wir unterstützen die Patienten und Angehörigen, indem wir den Kontakt zu den entscheidenden Stellen herstellen, die notwendigen Atteste und medizinischen Informationen erstellen und weitergeben. Die Hausärzte informieren wir nach Abschluss der Krankenhausbehandlung schriftlich. Auch die weiterbehandelnde Einheit erhält alle uns vorliegenden Informationen über den Patienten.

Die Weiterbetreuung unserer Patienten in den nicht rein rehabilitativen Bereichen streben wir regelhaft an. Wundkontrollen, organspezifische Nachuntersuchungen werden teilweise schon bei der Entlassung terminiert. Die Nachsorge-Reha dauert einige Wochen bis Monate.

Und stellen sich die Patienten überhaupt ihren Problemen? Störungen im psychischen Bereich (Angststörung/Depression) werden ja oft verdrängt oder von den Betroffenen kaum wahrgenommen.

Dr. Tübben: Eine schwierige Frage. Wir erhalten in vielen Fällen auch von den weiterbehandelnden Kliniken Abschlussberichte über den Therapieverlauf. Diese Berichte enthalten oft überraschende Informationen, die den positiven oder auch negativen Verlauf des Patienten in der Nachsorge beschreiben. In der angloamerikanischen Literatur gibt es wenige Ideen zur strukturierten Nachsorge über längere Zeiträume. Follow-up-Studien mit wenigen hundert Patienten werden für bestimmte Fragestellungen wissenschaftlich genutzt. Ein systematisches und flächendeckendes System ist mir bisher nirgendwo für den Bereich „PICS“ bekannt. In Deutschland wird im Rahmen eines Forschungsprojektes gerade in der Universität Jena ein hausarztbasiertes Nachsorgekonzept für Patienten nach schwerer Sepsis eingeführt. Ein „Case Manager“ und ein „Liaisonarzt“ werden als Bindeglied zwischen der hausärztlichen und der stationären Behandlung eingesetzt. Aktuell sind über 150 Hausarztpraxen in dieses Projekt eingebunden.

Was können die Angehörigen tun – wie können sie einwirken?

Dr. Tübben: Die Fürsorge der nächsten Angehörigen ist elementar. Wir ermöglichen durch aufgeweichte Besuchszeiten auf der Intensivstation möglichst viel Nähe und Betreuung durch die Bezugspersonen. Zur Prophylaxe von Orientierungsstörungen dürfen Angehörige private Gegenstände wie Bilder oder kleine Bastelarbeiten mitbringen. Selbst das Mitbringen von Lieblingsessen oder (nicht alkoholischen) Getränken sind möglich. Viele der Langzeitfolgen werden wir wohl auch bei bester Therapie zwar modifizieren, vermindern, aber nicht in allen Fällen vermeiden können. / Achim Rosdorff

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