Elf Frauen spielen bei der Freilichtbühne Korbach eine wichtige Rolle · Erfolgreicher Spendenaufruf

Nadelstiche setzen, die verändern

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Leute machen Kleider und dann erst machen Kleider Leute. Sie nähen für die Schauspieler der Freilichtbühne Korbach maßgeschneiderte Kostüme: (v.l.) Sissy Lange, Heidrun Gräbe, Rita Neuhaus, Luise Pötsch, Heide Kappelmann, Heidrun Keidel, Silvia Strube, Mali Hecker. Es fehlen auf dem Foto Barbara Fischer-Jahn, Beate Heinemann, Lydia Conradi.

Korbach - Die Freilichtbühne Korbach feiert am Samstag Doppel-Premiere: Das Familienstück „Der kleine Vampir“ beginnt um 15.30 Uhr, das Abendstück „Zoff in Silver City“ startet um 20 Uhr. Die Kostüme haben fleißige Frauen geschneidert.

Wiedersehen macht Freude. Und ärgert zugleich. So manch eine von den acht Frauen bekommt schlechte Laune, sobald sie die Garderobe der Freilichtbühne betritt, die in dem Haus unterhalb der Spielstätte untergebracht ist. Es macht diese Frauen sauer, wenn sie sehen, wie sorglos und schusselig so mancher Schauspieler mit seinen Kostümen umgeht. Da liegt das Hemd wie im Galopp verloren auf dem Boden, die Hose oder das Kleid sind zerknittert oder gar verdreckt. Schande über das Schauspiel!

Der Garderobenraum sieht aus wie ein großer begehbarer Kleiderschrank und fast jedes einzelne Stück, das hier am Kleiderbügel hängt, kennen diese Frauen noch als Stoffbahn. Sie sind es, die im Theater jene Nadelstiche setzen, die aus einer Frau eine Prinzessin oder eine Hexe machen.

Und auch als Schneiderin der Freilichtbühne hat man kurz vor der Premiere den größten Stress. „Irgendwas kommt immer auf den letzten Drücker“, sagt Heide Kappelmann. Dieses Gefühl kennen die meisten dieser Frauen schon seit über 30 Jahren. Die älteste von ihnen ist Rita Neuhaus mit über 80 Jahren, die jüngsten sind die Mittvierziger Sissy Lange und Silvia Strube. Die Gruppe trifft sich normalerweise dienstags und das schon seit 1980, aber stets vor der ersten Aufführung kommen meist noch ein oder gar zwei andere Tage pro Woche hinzu.

In diesem Jahr fanden die elf Nadel-und-Faden-Könnerinnen ihre Arbeit besonders hart. Sie begann bereits Anfang Januar. Noch nie wurde bislang auf der Korbacher Freilichtbühne ein Western aufgeführt und so konnte die Kostümfertigungsabteilung für die Cowboy- und Indianerklamotten nur wenig aus ihrem großen Fundus schöpfen. Es war viel Nähzeit für neue Kostüme notwendig. Die wäre noch länger geworden, wenn der Spendenaufruf für Western-Kleidung nicht erfolgreich gewesen wäre.

„Wir sind sehr dankbar, dass uns so viele Menschen Westernkleidung gespendet haben, viele Sachen davon konnten wir wirklich gut gebrauchen“, sagt Kappelmann. Es sei in dieser Spielzeit allerdings auch sehr kompliziert gewesen, weil der neue Regisseur Werner Schwager alles genau vorgeschrieben habe, erklärt Lange und ihre Mitschneiderin Silvia Strube fügt hinzu: „Er hat uns Bilder gezeigt und genau so sollte das Kostüm aussehen, von der Farbe über den Schnitt einfach alles.“ Die Näherinnen können die Vorgehensweise des Regisseurs zwar gut verstehen, aber diese strengen Vorgaben hätten ihre Arbeitslust geschmälert. „Wir konnten keine eigene Kreativität entwickeln, bisher war es immer so, dass wir auch künstlerische Freiheit hatten mit dem Spielleiter die Kostüme besprochen haben und wir wussten dann zum Beispiel, es soll ein Abendkleid für die und die Schauspielerin sein, wir durften dann aber die Kostüme entwickeln und darin liegt ja gerade der Spaß an unserer Arbeit, da hat die eine die Idee, eine andere eine bessere und so entstand dann irgendwann das Kostüm“, erklärt Kappelmann.

Kreativität und Flexibilität sind schon wichtig bei diesem Schauspielereinkleidungshobby. Dass es immer eine Lösung gibt, auch wenn man das Gefühl hat, es gibt keine mehr, bewiesen die Frauen in diesem Jahr bei roten Westernstiefeln für die Saloon-Damen. „Wir haben tagelang nach roten Schuhen gesucht, aber die gab es im ganzen Internet nicht“, erinnert sich Strube. Dann kam ihnen die rettende Idee. Sie kauften beigefarbene Schuhe und haben diese einfach rot angespüht.

Die Frauengruppe hat im Verein aber nicht nur produzierende, sondern auch kontrollierende Aufgaben. Dazu zählen Kostüme bügeln, waschen, wegräumen, die Kollektion ständig durchsehen und sich um das Verleihgeschäft der Kostüme kümmern. Während der Spielsaison geht hier und da auch mal ein Riss durchs Gewebe, der dann geflickt werden muss.

Wenn heute zur Premiere die rote Lola mit ihrem umwerfend schönen Kleid die Bühne betritt, werden alle Zuschauer diese textile Schönheit bestaunen, nur elf Frauen im Publikum werden dieses maßgeschneiderte rote Samtkleid aus einem andern Blickwinkel betrachten, sie werden es vielleicht mit einem innerlichen „Hallo, da bist du ja wieder, du hast uns viel Arbeit gemacht, aber wie wir sehen, hat sie sich gelohnt“ begrüßen. Diese elf Frauen werden sich zum Ende der Vorstellung zwar nicht vor den Zuschauern verbeugen, sie bleiben ohne direkten Applaus, aber im Grunde wissen diese Schneiderinnen eines: Wir halten bei der Freilichtbühne alle Fäden in der Hand.

Die Freilichtbühne feiert heute Doppelpremiere. Das Familienstück „Der kleine Vampir“ beginnt um 15 30 Uhr und das Abendstück „Zoff in Silver City“ startet um 20 Uhr

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