Korbacher erneut wegen Vergewaltigung und Körperverletzung vor Landgericht

Neue Hinweise nur schwer zu fassen

Kassel/Korbach. - Was geschah in der Nacht zum 24. Juli 2011 während eines Polterabends vor oder auf dem Treppenaufgang eines Hauses?

Dort stand ein Mann aus Korbach mit einer 23-jährigen Frau und sie hatten Sex miteinander. War er von beiden gewollt oder von ihm mit einer zusätzlichen Körperverletzung erzwungen worden? Eine Antwort auf diese Frage hatte bereits das Landgericht Kassel gefunden und den Mann zu drei Jahren Haft verurteilt.

Der heute 27-Jährige legte erfolgreich Revision gegen dieses Urteil ein, der Bundesgerichtshof hob es auf. Der Fall wird neu aufgerollt. Der Mann und die 23 Jahre alte Frau sahen sich gestern vor dem Landgericht Kassel wieder. Es ist kaum denkbar, dass das Gericht gestern durch die Aussagen des Angeklagten, der Klägerin und von drei Zeugen neue Hin- und Beweise gesammelt hat. Alle schilderten ihre Version von der Geschichte im Treppenaufgang. Für den 27-Jährigen war es Sex im beiderseitigen Einvernehmen, der durch das Klingeln ihres Handys wieder beendet wurde. Die Frau habe es aus ihrer Handtasche geholt und er will auf dem Display den Namen ihres Freundes gelesen haben, den er kannte.

Nur wenig später leuchtete jemand mit dem Licht eines Handys in den Treppenaufgang hinein. Es war der Freund der Frau. Er verpasste seinem Nebenbuhler einen Schlag ins Gesicht. Der Angeklagte habe daraufhin die Flucht ins Feld ergriffen und nur noch von Weitem gehört, wie der Mann seine Freundin lautstark beschimpfte. Er habe die Frau weder vergewaltigt noch ihr den kleinen Finger gebrochen, beteuerte er vor Gericht.

Die Version der Klägerin geht anders. Nachdem die Frau aus dem Toilettenwagen gekommen sei, habe plötzlich der Angeklagte vor ihr gestanden und sie gefragt, ob sie sich noch ein wenig unterhalten wollten. Beide kannten sich bereits über eine gemeinsame Freundin. Sie hatten sich auch zufällig Silvester 2010/11 in einer Korbacher Kneipe getroffen, die Nacht endete zu viert in der Wohnung des Angeklagten. Dort sei der Klägerin übel geworden. Sie habe sich auf den Schlafzimmerteppich übergeben müssen.

In ihrer Entschuldigung per Mail stand auch das Versprechen, sie werde beides wieder gutmachen. Während die Frau damit die von ihm übernommene Rechnung in der Kneipe und den Fauxpas im Schlafzimmer meinte, sah er in diesen Worten neben dem Mageninhalt auf dem Teppich auch Sex, denn angeblich habe sie ihn bereits in der Kneipe mit ihrem Fuß unter dem Tisch im Genitalbereich berührt.

Die Klägerin fährt mit ihrer Sichtweise der Tat fort. Der Angeklagte habe sie vor dem Toilettenwagen gefragt, ob sie mit ihm schlafen wolle. Nachdem sie Nein gesagt habe, habe er ihren kleinen Finger so weit nach hinten gedrückt, bis er brach. Mit den Worten, wenn du jetzt nicht das machst, was ich will, passieren noch schlimmere Sachen, habe er sie gefügig gemacht, behauptet die Klägerin. „Ich hatte Angst, dass er mir noch mehr antut.“ Diese Furcht, gepaart mit einem Schock, sei auch der Grund gewesen, warum sie nicht um Hilfe gerufen habe. Dann sei schließlich ihr wutentbrannter Freund gekommen. Das Paar hat sich danach getrennt, weil er dachte, sie habe ihn betrogen.

Die Klägerin hat in der Tatnacht einen Freund und eine Freundin angerufen, die mit ihr im Taxi zunächst ins Korbacher Krankenhaus fuhren. Zwei Tage später zeigte sie den 27-Jährigen an. Die beiden Helfer der Klägerin und ihr Ex-Freund sagten gestern als Zeugen aus. Der Betrogene bestätigte vor Gericht, dass er die beiden mit heruntergezogenen Hosen im Treppenaufgang erwischt habe. Nach dem tätlichen Angriff auf den Angeklagten habe er sich mit Alkohol „abgeschossen“. Für die folgenden Stunden hatte er einen „Filmriss“.

Die Frage, ob er seiner Freundin möglicherweise aus Versehen bei der Rangelei mit dem Nebenbuhler den kleinen Finger gebrochen habe, verneinte er zunächst, fügte dann aber hinzu, dass er dies durch Gespräche mit Freunden nicht mehr komplett ausschließe.

Für den medizinischen Gutachter ist das aber nahezu unmöglich, denn ein Stoß würde das Fingergelenk nicht in dieser Art brechen. Er rechnete auch den Alkoholpegel des Angeklagten und der Klägerin zur Tatzeit aus. Sie hatte rund 1,2 und er etwa 1,5 Promille im Blut. (rsm)

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