Dürrenmatts Stück bei ALS-Theaterabend sinnvoll gegen den Strich besetzt

Neue Versuchsanordnung für Physiker

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Duell der Systeme: Die beiden „Irren“ Einstein und Newton sind in Wahrheit Agenten.

Korbach - Mit seiner absurden Komödie „Die Physiker“ verdeutlichte Friedrich Dürrenmatt, dass einmal Gedachtes oder Erfundenes nicht wieder zurückgenommen werden kann. Die ALS-Theatergruppe wagte sich mit freier Charaktergestaltung an das Stück.

Das Stück war auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges entstanden, ist aber nach wie vor oder immer wieder aktuell. Eine dankbare Plattform für die Darsteller ist das Drama um rätselhafte, aber unvermeidliche Morde in einer Irrenanstalt aber allemal. Das bewies die Aufführung am Freitagabend in der Aula der Alten Landesschule.

Gabriele Sommer, die seit 16 Jahren die Schultheatergruppe leitet, hat den Klassiker mit 50 Jahren Wirkungsgeschichte der Überprüfung durch eine neue Schauspielergeneration unterzogen. Herausgekommen ist ein erfrischend eigenwilliges Profil.

Während der Exposition der beiden Akte steht Kriminalinspektor Richard Voß im Mittelpunkt des Interesses. Timo Claes gestaltet den Kriminaler als einen extrovertierten, bissigen Ermittler neuer Schule. Erst nimmt er, frei von jeglicher Beamtenträgheit älterer Generation, die beflissene Oberschwester Marta Boll (Carlotta Foerster), dann die patente, aber etwas verschrobene Anstaltsleiterin von Zahnd (Hannah Rogasch) ins Gebet.

Zwischendrin unterhält sich der Ermittler wie ein Kumpel mit dem netten Newton (Jonathan Schanner), der eigentlich Einstein sein will und scheinbar vergessen hat, dass er einen Schwesternmord auf dem Gewissen hat. Im Verlauf der lockeren Vernehmung dämmert dem immer fassungsloseren Kriminalinspektor, dass die Grenzen zwischen Wahnsinn und Genie sehr fließend sind.

Flotter als gewohnt

Seinen stärksten Moment hat Claes als vermeintlich desillusionierter Kommissar, der sich bei den Ermittlungen zum nächsten Schwesternmord wie ein Insider aufführen will. Allerdings wird er permanent von der Anstaltsleiterin ausgetrickst. Die Expositionen gehen in Gabriele Sommers Inszenierung flotter als gewohnt über die Bühne.

Die komischen Höhepunkte wie der Besuch der Ex-Frau Lina mit den Blockflöte spielenden Kindern und ihrem neuen Mann geraten zum bezeichnenden Aufeinandertreffen der Temperamente: Lina (Imke Schwerin) lamentiert hilflos, Ehemann Oskar (Marius Eberhardt Schaller) ist ein wortgewandter, lebensfroher Gottesmann, gegen den Möbius linkisch und ungelenk daherkommt. Erst als er in dem zum Raumschiff umfunktionierten Tisch den Psalm Salomos anstimmt, dominiert er die Szene.

Später befindet er sich angesichts der Avancen von Schwester Monika (Theresa Habich), die schon alles für ein gemeinsames Leben geregelt hat, wieder in der Defensive, bis zum subtil durchgeführten Mord aus Hilflosigkeit. Unter seinesgleichen entwickelt der Möbius von Kai Wege Führungsqualitäten: Er bewegt die als Agenten aktiven Kollegen zum Verzicht auf die Erfüllung ihrer Mission zwecks Rettung des Planeten.

Das unvermeidliche Unheil ist unübersehbar: Bernd Schreiber absolviert seinen ersten Auftritt noch als Bahrenträger, ehe er als Werkschutzchef und neuer Oberpfleger mit einschüchternder Präsenz das Kommando übernimmt. Er steht für das neue Regime der von Zahnd, die mit Möbius’ „System aller möglichen Erfindungen“ die Weltherrschaft anstrebt.

Bedrohliche Anstaltsleiterin

Unter diesen Umständen kann eine verrückte Anstaltsleiterin, die sich als wahre Erfüllerin des Willens Salomos empfindet, nicht bedrohlicher sein. Hannah Rogasch spielt die sonst gern überdominant interpretierte Frau Doktor als extrem instabile, unberechenbare Persönlichkeit, von der fast noch größeres Unheil zu erwarten ist.

Fazit: Eine gelungene Schultheateraufführung, die beim Setting so werknah wie möglich erscheint, bei der Charaktergestaltung aber ihre eigenen Wege geht, die dem 50 Jahre alten Stück erfrischende Impulse gibt.

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