Beim Stricknachmittag in Marienhagen klappern drei Generationen mit den Nadeln

Nur nicht den Faden verlieren

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Es wird wieder gestrickt in Deutschland: Anita Plechinger (links) zeigt im „Handarbeits-Café“ die richtige Masche . Fotos: Lutz Benseler

Vöhl-Marienhagen - Von wegen, das ist nur etwas für Omis: Handarbeiten sind wieder voll im Trend. Ob Häkeln, Stricken oder Sticken, nicht nur Großmütter haben Spaß an der kreativen Arbeit. Auch immer mehr junge Menschen lassen sich die richtige Masche zeigen.

Kleine Hügel aus bunter Wolle bedecken die Tische, dazwischen stehen Kaffeetassen, Sekt- und Saftgläser - die Geselligkeit soll schließlich nicht zu kurz kommen. Knapp 30 Frauen und auch ein paar junge Mädchen klappern im Marienhagener „Treffpunkt“ mit den Stricknadeln. Die jüngste ist acht, die älteste 73 Jahre alt. Einmal im Monat laden die Landfrauen aus dem Ort zum „Handarbeitscafé“ ein, der Workshop ist kostenlos. Die Teilnehmerinnen kommen aus allen Ecken des Landkreises.

„Ich brauche, glaube ich, gleich mal Hilfe“, sagt Bettina Göbel mit einem Anflug von leichter Verzweiflung in der Stimme. Die Marienhagenerin und ihre Tochter Pia stricken Schals - zumindest sollen aus den beiden großen blauen Wollknäueln mal welche werden. Doch das Projekt ist gerade ins Stocken geraden.

„Stricken ist wie Fahrradfahren, man verlernt es nicht“

„Ich habe seit 20 Jahren nicht mehr gestrickt“, gibt Bettina Göbel zu. „Kein Problem“, beruhigt sie Anita Plechinger: „Im Prinzip ist Stricken wie Fahrradfahren, man verlernt es nicht und kommt schnell wieder rein.“ Was tun, wenn eine Masche runtergefallen ist? Und wie genau wird jetzt eigentlich der Faden vernäht? Plechinger behält die Ruhe und erklärt den Teilnehmerinnen des Stricknachmittags mit Engelsgeduld die richtigen Handgriffe.

Seit die sogenannten Boshi-Mützen und Loop-Schals Kult sind, wird wieder gestrickt und gehäkelt in Deutschland - und auch immer mehr Jugendliche versuchen es selbst. Anita Plechinger ist begeistert vom Trend: „Das holt die Kids vom Smartphone weg“, sagt sie. Die gebürtige Rheinländerin ist selbst leidenschaftliche Häklerin und Strickerin und hat ihr Hobby zum Beruf gemacht: Seit 2012 betreibt sie einen Handarbeitsladen in Viermünden. Außerdem gibt sie in Workshops und an Schulen ihr Wissen weiter, seit November leitet sie den Stricknachmittag der Landfrauen in Marienhagen.

„Jeder strickt etwas anderes: Schals, Mützen oder Jacken - alles aber auf einem einfachen Level“, sagt Plechinger. Wie etwa die „Tatort-Mütze“, die man auch sonntagabends beim Fernsehen häkeln könne.

Eine Mütze will auch Simone Kohl aus Frankenau häkeln. „Seit mein großer Enkel auf der Welt ist, stricke ich wieder“, sagt sie. Mit einer einfachen Baby-Garnitur hat sie vor zehn Jahren angefangen. „Beim Stricken kann ich gut abschalten“, sagt Simone Kohl. Beim „Handarbeits-café“ bekomme sie viele neue Ideen - aber auch schon mal Kritik von Anita Plechinger, wenn etwas nicht so gelingt: „Sie ist gnadenlos ehrlich“, sagt die Frankenauerin mit einem Schmunzeln.

Vera Theile aus Adorf hat vor sieben Jahren mit dem Stricken angefangen, „als mein Sohn zur Welt gekommen ist“, sagt sie. Seitdem ist ihre Leidenschaft für das Handarbeiten entbrannt. „Mein Mann sagt immer: Du kannst machen, was du willst, solange ich es nicht anziehen muss“, lacht sie. Bei ihrem Sohn und seinen Freunden kommen ihre Produkte jedenfalls gut an: Sie strickt „Frustmampfer“, kleine Figuren aus Wolle als Geschenk bei Kindergeburtstagen: „Das ist ein Renner“, sagt sie. „Jeder fragt: Oh, machst du mir das auch?“

„Stricken ist nicht schwierig, man darf nur nicht hingucken“

Bei Bettina und Pia Göbel klappern die Stricknadeln wieder, das Projekt „Schal“ geht voran. „Eigentlich bin ich nur mitgekommen, um meine Tochter zu motivieren, dass sie hier mitmacht“, sagt Bettina Göbel. Ganz spontan habe sie sich überlegt, auch einen Schal zu stricken. Nach den kleinen Startschwierigkeiten flutscht es nun auch wieder: „Es ist nicht so schwierig, man darf nur nicht hingucken“, sagt die Mutter.

Von Lutz Benseler

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