Bauernverband Waldeck startet Reihe der Bezirksversammlungen in Adorf

„Nicht gegenseitig bekämpfen“

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Die (Milch-)Viehaltung auszubauen, ist für landwirtschaftliche Betriebe ein Mittel, um zu wachsen.

Diemelsee-Adorf - Gegen eine Neid-Diskussion und für eine verbesserte Außendarstellung ihres Berufsstandes sprechen sich die Landwirte bei der ersten von fünf Bezirksversammlungen des Bauernverbands Waldeck aus. Diemelseer und Upländer informierten sich gestern in Adorf über Themen, die so vielfältig sind wie die Landwirtschaft selbst.

Konventionelle Landwirte und Bio-Bauern, Mutterkuhhalter und Milchviehhalter, Bergbauern und weniger benachteiligte Landwirte: Gegenüberstellungen wie diese sind nur einige Beispiele für die unterschiedlichen Interessensgruppen, die sich unter dem Dach der Bauernverbände vereinen.

„Die wichtigste Erfahrung, die ich in den zehn Monaten als Vorsitzender des Kreisbauernverbands gemacht habe, ist, dass wir eine einheitliche Linie fahren müssen, wenn wir etwas erreichen wollen“, betont Karsten Schmal bei der ersten Bezirksversammlung unter seiner Regie. „Wir sind so wenige und dürfen uns nicht gegenseitig bekämpfen“, warnt der Sachsenhäuser vor einer „Neid-Diskussion“.

Zu diesem Aufruf veranlasst Schmal vor allem die Debatte um die Ausgleichszulage (AGZ) für benachteiligte Flächen, das sogenannte „Bergbauernprogramm“ (wir berichteten). „Ich halte die Verteilung des Geldes für sehr ungerecht“, hebt der Kreisverbandsvorsitzende hervor, stellt zugleich aber die Frage, was gerecht sei – schließlich hätten alle Landwirte mit unterschiedlichen Belastungen, insbesondere hohen Vorkosten für Diesel und Futter, zu kämpfen.

Hessenweit spitze

Eine geplante Neuabgrenzung der benachteiligten Flächen, wie sie mit der Agrarreform ab 2014 geplant ist, lehnt der Bauernverband laut Schmal strikt ab. Er befürchtet, dass in diesem Fall weniger Fördermittel in der Landwirtschaft ankämen. 2013 rechnet er mit ähnlichen Ausgleichszahlungen wie 2012. Hessenweit sei die Landwirtschaft trotz dieser Einbußen in Waldeck-Frankenberg am stärksten gewachsen, ergänzt Schmal. In neue Ställe flossen erhebliche Fördermittel. Das Erntejahr hat Sonnen- und Schattenseiten: Es gab keine „öffentlichkeitswirksame Krise“, aber hohe Auswinterungsschäden.

„Was nützen mir hohe Getreidepreise, wenn ich kein Getreide zu verkaufen habe?“, hätte ihn ein Landwirt jüngst gefragt, erläutert Schmal.

Themen mit Zündstoff

Für das Wahljahr 2013 erwartet der Vorsitzende verstärkte Diskussionen um den Tierschutz. Sein persönliches Ziel ist, weitere Mitglieder für den Verband (zurück) zu gewinnen. Bevor die Fachvorträge beginnen, überbringt Diemelsees Bürgermeister Volker Becker seine sowie die Grüße seines Willinger Kollegen Thomas Trachte.

Er verweist auf die hohe Bedeutung der Landwirtschaft, die vielen nicht bewusst sei – volkswirtschaftliche und zum Erhalt der Natur. Um die Zukunft erfolgreich zu gestalten, ruft Becker dazu auf, gemeinsam von der Natur zu lernen, statt sie beherrschen zu wollen. „Rechtsänderungen in der Landwirtschaft“ überschreibt Dr. Christoph Nüsse, Geschäftsführer des Kreisbauernverbands, den ersten von vier Fachvorträgen.

Ebenso wie Schmal rechnet Nüsse in Zukunft mit verschärften Auflagen durch Forderungen von Tier- und Naturschützern – zumal Tierschutzverbänden künftig ein Verbandsklagerecht eingeräumt werden soll. Beispiele sind: neue Haltungsvorschriften für Schweinehalter (seit 1. Januar) und die geplante Befristung des Sachkundenachweises für den Umgang mit Pflanzenschutzmitteln.

Der Verband fordert laut Nüsse statt Nachprüfungen regelmäßige Fortbildungen. Die von Nüsse angekündigte Ausdehnung der Sperrfristen für die Gülleausfuhr kritisiert Schmal. Die damit verbundene Forderung nach höheren Lagerkapazitäten sei ein Beispiel dafür, wie kleinstrukturierte Landwirtschaft zerstört werde. „Ich habe das Gefühl, dass wir mehr und mehr von Natur- und Tierschutzverbänden getrieben werden“, wirft Martin Vollbracht (Giebringhausen) ein. Er fordert vom Verband, künftig mehr zu agieren als zu reagieren.

„Wir müssen uns in der Öffentlichkeit besser darstellen und den Leuten zeigen, wie Landwirtschaft heute funktioniert.“ Schmal bietet an, Aktionen wie einen „Tag des offenen Hofes“ vom Verband zu unterstützen. Die Ställe zu öffnen, zum Beispiel auch durch die Installation von Webcams, ist auch für Nüsse der richtige Weg. Für Zündstoff sorgt am gestrigen Montag eine weiteres Thema, die EU-Wasserrahmenrichtlinie: Die Kommunen sind gehalten, Bäche zu renaturieren und bekommen dafür Fördermittel.

Pläne gibt es im Bezirk beispielsweise für die Neerdar und die Aar bei Flechtdorf. „Ab der Böschungskante müssen dann rechts und links zehn Meter frei bleiben“, erläutert Axel Friese, Leiter des Fachdienstes Landwirtschaft. Die Landwirte kritisieren folglich, dass Fläche verloren geht und schmale Täler landwirtschaftlich nicht mehr nutzbar sind. Friese rät: „Weil die Kommunen die Richtlinien umsetzen müssen, müssen wir versuchen zu verhandeln.“

Gegen Wetter versichern

Gänzlich anderer Meinung ist der Vasbecker Christian Becker, der zum Protest aufruft.

Ein Kollege aus Eimelrod, der sich intensiv mit der Renaturierung der Neerdar befasst hat, räumt jedoch ein, dass Widerstand schwer möglich sei. Flächen können seinen Informationen nach sogar enteignet werden. Aufmerksam verfolgt Geschäftsführer Nüsse zugleich die Entwicklung von Stromtrassen?von Nord- nach Süddeutschland, denn der Deutsche Bauernverband fordere eine „jährlich wiederkehrende Nutzungsvergütung“ für Grundstückseigentümer.

Auch wenn keine der Hauptleitungen durch den Kreis verlaufen werde, könne die Entschädigungspraxis in Verhandlungen mit der Energie Waldeck-Frankenberg interessant werden. Mit Blick auf zunehmende Wetterkapriolen empfiehlt Nüsse den Landwirten eine Mehrfachversicherung gegen Hagel, Auswinterung, Sturm und Starkregen.

Friese frischt Wissen auf

Über die neu formierte „Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau“ informiert Bernd Küthe, der beim Verband für die landwirtschaftliche Sozialversicherung zuständig ist. Weitere Auskünfte gibt er über den Einsatz von Betriebs- und Haushaltshilfen sowie Ersatzkräften, die allesamt angemeldet werden müssen. Ersatzkräfte zur Vermittlung sucht Küthe dringend. Karl Preising (Benkhausen) wirft die Frage auf, ob die Pflichtversicherung in der landwirtschaftlichen Alterskasse für Ehefrauen noch zeitgemäß sei: „Viele werden sich Fragen, ob es Sinn macht, einen Landwirt zu heiraten.“

Das fachrechtliche Wissen der Landwirte aufzufrischen, hat sich Axel Friese vorgenommen. Er benennt folgende Schwerpunkte und rät: l?Düngung: Bodenproben sind alle sechs Jahre zu ziehen; die Nährstoffbilanz muss für 2012 bis 31. März 2013 vorliegen; Gülle, Jauche und Gärreste sind innerhalb von vier Stunden einzuarbeiten. l?Pflanzenschutz: Mitteleinsatz aufzeichnen; einen Meter Abstand zu Wohnbebauung, Gärten, Spielplätzen etc. halten; Abdrift durch Wind möglichst vermeiden. lAgrarförderung: Anträge werden bis Mitte Februar versendet; Abgabe im April und Mai nach Großgemeinden gestaffelt; Luftbilder jedes Jahr genau prüfen. Zum Abschluss der Versammlung blickt Wolfgang Brida von der LBH-Steuerberatungsgesellschaft auf landwirtschaftlichen Strukturwandel und Änderungen im Steuerrecht

Hintergrund.

„Trotz aller Widrigkeiten ist das Jahr 2012 für die Landwirte nicht schlecht gelaufen“, betont Wolfgang Brida von der LBH-Steuerberatungsgesellschaft in Korbach zu Beginn seines Vortrags. Bevor er bei der Bezirksversammlung in Adorf auf wesentliche Steueränderungen eingeht, richtet Brida den Fokus auf den Strukturwandel in der Landwirtschaft, der sich 2012 fortgesetzt habe. Die Betriebe sind durch die Übernahme von Flächen und ganzen Betrieben sowie über verstärkte Viehhaltung gewachsen.

Viele Landwirte investierten in ihre Ställe sowie in Melkroboter. Laut Brida ist Wachstum notwendig, um steigenden Kosten zu begegnen, auf dem globalen Markt zu bestehen, Gewinne zu erzielen und von staatlichen „Leistungen“ unabhängiger zu werden. Der Steuerfachmann warnt jedoch bei zu großen Wachstumssprüngen vor neuen Abhängigkeiten, etwa von Banken, Eigentümern von Pachtflächen, Arbeitnehmern und Technik. Er empfiehlt daher ein Risikomanagement.

Der Landwirt sollte seine Liquidität stets prüfen und Ertragsausfälle versichern. Bridas Zwischenbilanz: „Der Unternehmer muss mit seinem Betrieb mitwachsen.“ „Hat der Unternehmer seinen Betrieb auf der richtigen Spur und erzielt Gewinne, freut sich mit ihm auch der Finanzminister“, leitet Brida zu Änderungen im Steuerrecht 2013 über.

Kernpunkte sind:

Einführung der E-Bilanz ab Wirtschaftsjahr 2013/2014: Brida sieht Vorteile für die Finanzämter (Stichwort: „gläsernes Unternehmen“), aber Mehraufwand für Unternehmer.

Erhöhung der Entgeltgrenzen bei Minijobs: 2013 steigt die Grenze von 400 auf 450 Euro. Es besteht fortan Rentenversicherungspflicht. Von der Befreiung rät Versicherungsexperte Bernd Küthe ab.

Erhöhung der Grunderwerbssteuer von 3,5 auf 5,0 Prozent des Kaufpreises: Landtausch gilt als Kauf, „freiwilliger Landtausch“ nicht.(nv)

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