Martin Grubinger und Freunde spielen überwältigendes Konzert in Korbach

Noch nie so gut wie heute gespielt ...

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Vier Meister der rhythmischen Tonkunst: Martin Grubinger (M.) mit Ehefrau Ferzan Önder (l.), Vater Martin Grubinger (r.) und Lehrmeister Leonhard Schmiedinger. Foto:

Korbach - Grubinger und Friends in der Stadthalle: Ein brillantes Quintett, das die dynamischen Unter- und Obergrenzen auslotete und dabei sich und den Zuhörern alles abverlangte.

Vor gut drei Jahren war Martin Grubinger junior noch als eine Art musikalisches Phänomen oder Wunderkind nach Korbach gekommen, das die Zuhörer mit seinem Schlegelzauber und jugendlichem Charme in seinen Bann zog. Die Unbeschwertheit ist geblieben, doch beim Auftritt mit seinen Freunden erwies sich das Genie als großartiger Ensemblespieler.

Zwei Gipfelwerke der klassischen Moderne und ein zeitgenössisches Meisterstück mit persönlichem Bezug: Martin Grubinger junior forderte sich, seine Mitspieler und die Zuhörer heraus. Und unter dem Eindruck des Schlussbeifalls kam er zum denkbar erfreulichen Ergebnis: „Großartiges Publikum - aber so gut wie heute Abend haben wir das Stück auch noch nie gespielt“, erklärte der Percussionist nach der Aufführung von Igor Strawinskys „Frühlingsweihe“ in einer Bearbeitung seines Vaters für Schlagzeug und zwei Klaviere.

Da etliche Melodien, die sonst dem Orchester oder den einschlägigen Stimmen vorbehalten waren, nun von Rhythmusinstrumenten gespielt wurden, geriet der Jahrhundert-Sacre zum gleichermaßen unerhörten Erlebnis für Vorbelastete wie für Ersthörer. Letztere dürften bei einschlägigen Einspielungen der von Strawinsky mehrfach revidierten Orchesterfassung nicht nur die überwältigende Wucht der Grubinger-Fassung, sondern auch gelegentlich die nie so zwingend gehörten Pauken und große Basstrommel vermissen. Vieles klingt zwingender mit den neu definierten Rollen für Schlagzeuger in der Quintettversion, die bei der Introduktion mit jaulendem Vibraphon anstelle des klagenden Fagotts aufhorchen lässt.

Mal hart, mal federnd

Den ersten Einsatz spielt Professor Leonhard Schmiedinger, der später noch als Mitglied eines überwältigenden Ensembles an den Pauken in Erscheinung tritt. Und während Martin Grubinger senior ebenfalls von einem Instrument zum nächsten eilt, wechselt der Junior an der Marimba zwischen unterschiedlichen Schlegeln für hartes Stakkato im „Danse de la terre“ und federnde Klänge in der anschließenden Introduction zum „Danse de la terre“. Die Bearbeitung setzt durchaus ihre eigenen und manchmal auch eigenwilligen Akzente, und bislang Überhörtes oder Ungehörtes sorgt für den Eindruck, nicht nur eine sehr intensive, sondern auch verhältnismäßig lange Version des Gipfelwerks der klassischen Moderne zu hören.

Wer nach der Heimkehr zu Hause eine vertraute Aufnahme der Orchesterfassung aufgelegt hat, wird sich im ersten Teil durchaus am warmen Streicherklang erfreuen, im weiteren Verlauf aber viele Schönheiten und nie so wahrgenommene Elemente der Percusssions-Fassung von Martin Grubinger senior vermisst haben, insbesondere den homogenen Klang in den Finales.

Besser als der Komponist

Als Herausforderung an einen Uneinholbaren war diese etwas andere Orchestration ohnehin nicht gedacht, dafür traten Martin Grubinger junior und seine Mitspieler bei Béla Bartoks Sonata für zwei Klaviere und Schlagzeug durchaus mit dem Anspruch an, vieles besser zu machen als der Komponist bei der Baseler Uraufführung im Jahr 1938. Seinerzeit waren die Schlagzeuger beim vertrackten 9/8-Takt des ersten Satzes (Assai lento - allegro molto) permanent in Rückstand gegenüber den Klavieren. In Korbach blieben Martin Grubinger und Leonhard Schmiedinger bis zum der Trommel allein vorbehaltenen Ausmarsch im Allegro ma non troppo stets auf der vom Komponisten geforderten Schlagdistanz mit den von Ferhan und Ferzan Önder an den Flügeln eingespielten Clustern, Jazzmelodien und Schlafwandlerharmonien.

Ein türkisches Schlaflied bildete die Grundlage für das Finale von Fazil Says „Variationen für zwei Pianos und Percussion“, das der Komponist dem seinerzeit zehn Monate alten Sohn von Ferzan Önder und Martin Grubinger junior gewidmet hatte. Nicht nur im zart verklingenden Ende gab es Parallelen zu Bartok, auch beim Spiel mit den vertrackten Rhythmen erwies sich der türkische Komponist als geistig verwandt. Besonders eindrucksvoll geriet die dritte Variation, in der sich aus einem tangoartigen Klaviermotiv ein Spannungsfeld entwickelte, das sich in einen Totentanz mit schnellem Glockenspiel entlud.

Ein großartiges Accelerando bis zum Schluss kennzeichnete die erste Zugabe, eine von gutem Groove getragene Quintettversion von Astor Piazzolas „Libertango“. Die letzte Zugabe bildete die einzige Überschneidung zum ersten Auftritt. Dieses Mal erklang Kurt Engels „Watch out, little Ruth“ in der Quintettversion mit zwei Klavieren. (ahi)

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