Schriftsteller und Büchner-Preisträger F.C.Delius besucht Alte Landesschule

„Ohne Literatur bleiben wir alle dumm“

+
Gruppenbild mit Büchern: Zum Abschluss ein Geschenk für die Fragestellerinnen (v.l.) Johann Schirmer, Jeanine Hunold, Theresa Habich, F.C. Delius, Deborah Ehlers, Larissa Hesselbein und Celine Mertz.Fotos: Armin Hennig

Korbach - Vor bald 50 Jahren hat Friedrich Christian Delius sein Abitur an der Alten Landesschule gemacht und insgesamt fünf Jahre in Korbach verbracht. Eine Zeit in der er vom „stillen, schwächlichen Schüler zum Mann gereift ist“, so einer seiner Lehrer.

Am Donnerstag stand Delius, zum zweiten Mal, einer aktuellen Schülergeneration Rede und Antwort, zu Fragen über das eigene Schreiben, wesentliche Einflüsse, persönliche Ansprüche, das Verhältnis zu den Eltern und zum Lieblingsverein. „Um diese Uhrzeit bin ich immer noch ein bisschen maulfaul“, nahm der Büchnerpreisträger bei der ersten Frage auf sein eher introvertiertes Auftreten der früheren Jahre Bezug, ehe er auf die Denk- und Merkwürdigkeiten seiner fünf Jahre an der ALS einging.

50 Mark für ein Gedicht

Der schulische Start am neuen Wohnort sei ihm leicht gefallen, da er die Klasse ohnehin wiederholte. Der damals 16-Jährige war aus anderen Gründen zunächst gar nicht so gern nach Korbach gekommen. Während der Zeit im Internat in Ziegenhain hatte sich der von der Wortgewalt des Vaters eingeschüchterte Junge etwas aus dem übermächtigen Schatten lösen und erste eigenständige Schritte tun können. Mit der Rückkehr in den Pfarrhaushalt in der Louis-Peter-Straße, herrschten, zumindest für ein Jahr, wieder die alten Verhältnisse, ehe auf den Tod des Vaters der nächste Umzug folgte.

Die ersten Gedichte der Korbacher Zeit erschienen in der gemeinsam mit dem schon motorisierten Mitschüler Volkmar Gürtler veranstalteten Schülerzeitung. Die damals modischer Komplettkleinschreibung in der Nachfolge von Hans Magnus Enzensberger oder Günter Eich, die Delius als Vorbilder in Sachen Lyrik nennt, forderte so manchen Widerspruch der Lehrer heraus. Mit seinen Gedichten erzielte er auch die ersten literarischen Honorare seiner Schulzeit, 50 Mark für die Ausstrahlung in einer Nachwuchsliteratensendung des NDR.

Zwei Pädagogen der Alten Landesschule erwiesen sich als nachhaltige Einflüsse: der Deutschlehrer Herr Reim (Vater des Schlagersängers Matthias Reim), der die Gesamtleistung des literarisch ausdrucksstarken Schülers benotete, auch wenn er am Thema vorbei geschriebene Aufsätze mit der, in derartigen Fällen, gebotenen fünf bewertete. Als fruchtbarer Reibungspunkt erwies sich auch der Mathelehrer Herr Röll, ein eingefleischtes CDU-Mitglied, das im Unterricht keiner Diskussion aus dem Weg ging und dem Matheminimalisten Delius zuletzt doch noch eine Ahnung von der Bedeutung des Faches vermitteln sollte.

Konzentration auf das Wesentliche, sprich Deutsch und die Literatur lautete die Strategie, die nur zu einem kurzlebigen Engagement in der Leichtathletik-Abteilung des SV 09 und im Posaunenchor führte. Freundinnen waren in Korbach kein Thema, die Tanzpartnerin eines Freundes, dagegen so etwas wie der erste Berührungspunkt zu einem Thema, das zu den zentralen Anliegen der 68er zählen sollte: Die Auseinandersetzung mit der in die Kriegsverbrechen der Nazis verstrickten Elterngeneration.

Spaß am Lesen erhalten

Der Name des Vaters des Mädchens, der eine Drogerie am Berndorfer Tor betrieb, war im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess gefallen. Der Korbacher Drogist musste sich später bei den Frankfurter Prozessen vor Gericht verantworten. „Da war auf einmal diese ganze schlimme Vergangenheit, diese Mordbande von Nazis“, brachte der Autor seine Reaktion auf den Einbruch der Vergangenheit zum Ausdruck, die auf kommende Ereignisse voraus weisen sollten, die Delius in Berlin erlebte, wo er auf die 68er-Ikonen Rudi Dutschke und Gudrun Ensslin traf.

Vom Deutschunterricht erwartet der Büchnerpreisträger vor allem eines: dass er den Spaß am Lesen erhält und zur Erweiterung des Horizonts beiträgt, „damit wir den Reichtum des Lebens abschöpfen können. Im Grunde sind wir alle auf unsere Köpfe angewiesen“, lautete der Kernsatz seines Plädoyers für die Stärkung des gern vernachlässigten „subjektiven Wissens“, das ebenso fit fürs Leben mache, wie die harten Fakten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare