Vasbeckerin Marina Schilling reist als Menschenrechtsbeobachterin nach Mexiko

Parallelwelt der Nachfahren der Maya

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In dieser Gemeinde in den Bergen von Chiapas lebt Marina Schilling eine Woche lang als Menschenrechtsbeobachterin. Das Feld das ihre Gastgeber bestellen, liegt auf der anderen Seite des Tals. Regierungs- und Schulgebäude tragen für Zapatisten typische Wan

Diemelsee / Mexiko - Die Welt ist nicht untergegangen, aber für viele Nachfahren der Maya ist sie auch nicht in Ordnung. Im mexikanischen Bundesstaat Chiapas kämpfen die Indígenas um ihre Rechte. Die Vasbeckerin Marina Schilling reiste als Menschenrechtsbeobachterin nach Südamerika.

Das Ringen um Land und Freiheit prägt die Geschichte Mexikos. Seit den 80-er Jahren stehen die Mitglieder der „Nationalen Zapatistische Befreiungsarmee“ (EZLN) als politische Vertreter der Indígenas der Regierung gegenüber und fordern Demokratie, Autonomie für die indigenen Völker, soziale Gerechtigkeit und eigenes Land für die Bewirtschaftung (siehe weiteren Text). „Inzwischen ist in Chiapas eine parallele Gesellschaftsordnung entstanden, obwohl sich die Zapatisten nicht separieren wollen. Sie sehen sich als Mexikaner“, berichtet die Vasbeckerin Marina Schilling.

Ein Auslandssemester hatte das Interesse der Studentin (Englisch, Spanisch und Wirtschaftswissenschaften) an Mexiko geweckt. „Als mir eine Bekannte von ihrer Reise als Menschenrechtsbeobachterin nach Chiapas erzählte, stand für mich fest, dass ich das auch machen will.“ Problem ist, den Aufenthalt mit dem Job in Einklang zu bringen. Kurze Zeit später verliert Marina Schilling ihren Arbeitsplatz in der krisengeplagten Solarbranche in Mainz. Umgehend nimmt sie Kontakt zum Verein Carea auf. Die Berliner entsenden zusammen mit einer Menschenrechtsorganisation vor Ort Ehrenamtliche auf Einladung der Zapatisten in Friedenscamps, die in deren Gemeinden liegen (siehe Hintergrund).

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Acht Wochen nach ihrem Entschluss absolviert die Diemelseerin das Carea-Vorbereitungsseminar. Sie lernt viel über die Geschichte des Konflikts, über Verhaltensregeln und mögliche Gefahren, so dass sie später mit einem Touristenvisum einreist. „Die Beobachter leben dort mit Menschen, die nicht viel haben, das ist eine spezielle Situation“, erklärt Marina Schilling. Die „Internationalen“ sollen nicht unhöflich auftreten, aber auch nicht zum Wirtschaftsfaktor werden.

„Der mexikanischen Regierung ist es allerdings ein Dorn im Auge, dass mündige Indigene Ländereien bewirtschaften und eigene (Regierungs-)Strukturen verfestigen, denn sie hat mit dem Land oft andere Pläne“, erläutert die Diemelseerin. Straßenbau, Tourismus und Abbau von Bodenschätzen sind zentrale Themen.

Anfang Juli, fünf Tage nach Seminarende, beginnt für Marina Schillingen die Reise, die sie weitgehend selbst organisiert hat. In Mexiko gelandet, geht es zum Sitz der Menschenrechtsorganisation. Zusammen mit einer weiteren Deutschen und zwei Spaniern geht es in die erste von zwei zapatistischen Gemeinden, die Marina Schillingen jeweils eine Woche lang kennen lernen wird. Im Gepäck die gesamten Lebensmittel für die Zeit der Beobachtungen, allen voran Reis und Bohnen. „Frische Tortillas, Feuerholz und einen Schlafplatz stellen die Zapatisten bereit.“

Schon der Weg mit verschiedenen Bussen ist abenteuerlich. Schilder mit der Aufschrift „Hier befiehlt das Volk und die Regierung gehorcht“ zeigen an, wo das zapatistisch besetzte Gebiet beginnt. Basisdemokratie gehört laut Marina Schilling zu den Grundpfeilern des linkspolitischen Zapatismus.

Die erste Gemeinde liegt an einem türkisblauen, tropischen Fluss. „Die Regierung will das Gebiet als Tourismusregion ausbauen“, berichtet Marina Schilling. Im einzigen Hotel, das bereits steht, sind die Menschenrechtsbeobachter untergebracht. Das Haus ist verfallen, hat keinen Strom, Toiletten mit Eimerspülung, ist in der Nachbetrachtung für die Vasbeckerin aber „luxeriös“.

„In der zweiten Gemeinde habe ich gelernt, auf Feuer zu kochen“, erzählt die 34-Jährige. In San Marcos, in den Bergen Chiapas, leben rund 80 Familien. Jede von ihnen zählt rund acht Personen aus drei Generationen. „Ursprünglich waren alle Zapatisten, aber etwa die Hälfte hat die Organisation inzwischen verlassen“, schildert die junge Frau die Situation.

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„Die Parallelwelt ist hier greifbar und das ist der Hauptkonflikt.“ San Marcos hat zum Beispiel zwei Schulen - eine staatliche und eine zapatistische, deren Mauern die charakteristischen, politischen Wandgemälde zieren. Mit ihren Sturmhauben und Halstüchern maskiert setzen sich die Zapatisten, und zwar Männer, Frauen und Kinder, für ihre Ziele ein (Fotos). Wer seine Kinder auf eine staatliche Schule schickt und sich von der EZLN abwendet, wird von der Regierung belohnt.

„Es ist bewundernswert, ein wie viel schwereres Leben die Zapatisten auf sich nehmen, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Und obwohl viele kaum lesen und schreiben oder Spanisch können, wissen sie genau, warum sie das tun“, hebt Marina Schilling hervor. Die Bauernfamilie, in deren Haus sie in einer Hängematte schläft, hat eine Dusche aus Bretterwänden, ein Plumsklo und bewirtschaftet Felder, die auf der anderen Seite des Tals liegen. „Alles wird mit der Hand gemacht und nach Hause getragen.“

Laut Marina Schilling laden die Zapatisten Menschenrechtsbeobachter ein, weil die Regierung selten offen Gewalt ausübt, sondern vielmehr subtil bedroht. „Dieser sogenannte Krieg niedriger Intensität schürt latent Angst und zermürbt“, berichtet sie über ihre Erlebnisse vor Ort. Diebstähle, Drohgebärden, Entführungen, Verhaftungen und hohe Militärpräsenz seien keine Seltenheit. Sie habe selbst miterlebt, wie ihr Verbindungsmann in der Gemeinde, der jüngst Vater geworden sei, gebangt habe, entführt zu werden.

Warum die Zapatisten Ausländer einladen, die in der Vergangenheit (als Kolonialisten) immer wieder in ihr Land gekommen sind, um ihnen zu sagen, was sie zu tun haben? Marina Schilling listet auf: „Sie legen Wert auf den Austausch mit internationalen Gästen, um voneinander zu lernen. Sie wollen Menschen, die ähnliche Kämpfe austragen, ermutigen. Außerdem führen die Menschenrechtsbeobachtungen zu mehr Sicherheit und schaffen zugleich Öffentlichkeit für einen Konflikt, der meist durch die Schlagzeilen über den Drogenkrieg in den Hintergrund gerät.“

Auch wenn ihr Einsatz nicht ganz ungefährlich war, will Marina Schilling ihre Erlebnisse nun mit möglichst vielen Menschen teilen, um sie als Beobachter zu gewinnen: „Das waren tolle Erfahrungen, die ich bei einer Reise nicht gemacht hätte. Die Inspiration nehme ich mit in den Alltag.“

Hintergrund

Carea steht für „Cadena para un Retorno Acompañado“ („Kette für eine begleitete Rückkehr“). Der Name, der 1992 gegründeten Organisation mit Sitz in Berlin, geht auf die Begleitung zurückkehrender Flüchtlinge in Guatemala zurück. Seit 1998 schickt Carea zudem Freiwillige als internationale Menschenrechtsbeobachter in den mexikanischen Bundesstaat Chiapas, in dem sich Regierung und Zapatisten gegenüber stehen.

Der Verein kooperiert mit dem Menschenrechtszentrum „Fray Bartolomé de las Casas“, das vor Ort zivile Friedenscamps betreibt. Die Carea-Mitarbeiter werben Interessierte in Deutschland an, wählen sie aus und schulen sie für ihre Aufgabe. Spanisch ist Grundvoraussetzung. carea-menschenrechte.de

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