Korbacher Theaterwoche: Hamburger Kellertheater zeigt Jean-Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“

Perpetuum mobile gegenseitiger Qual

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„Keiner kommt davon“: Garcin (Steffen Lorenz) mit Inés (Anne Hermann-Haase) und Estelle (Franziska Dempt).Foto: Hennig

Korbach - „Die Hölle, das sind die Anderen“: Dieses Fazit, das der erschossene Journalist Garcin nach gut anderthalb Stunden in der „Geschlossenen Gesellschaft“ mit der Lesbierin Inés und dem Weibchen Estelle ziehen muss, ist längst ebenso zum Sprichwort geworden, wie zahlreiche andere Zitate aus Sartres Dramen.

Im Rahmen der eher experimentell aufgestellten Korbacher Theaterwoche zeigt das Kellertheater Hamburg eine ziemlich werkgetreue, sprich existentialistische Produktion von Jean Paul Sartres Drama. Diese versetzt die Zuschauer in die Rolle Beobachtern einer Versuchsanordnung, die demonstriert, wie Tote ihr Nachleben gestalten. Der Kellner (Stefan Engelmann) hält denn auch immer wieder die Handlung an, wendet sich mit Erläuterungen direkt ans Publikum und kommentiert das jeweils typische Stadium, während das Geschehen auf der Bühne einfriert. Die Botschaft „keiner kommt davon“ gehört ans Ende der Demonstration, wenn sich der Kellner zum Abschied auf ein baldiges Wiedersehen mit dem einen oder anderen im Publikum freut, das gerade Aussichtslosigkeit pur erlebt hat.

Das Mittelalter mit seinen Folterinstrumenten ist längst passé, auch die Folterknechte sind längst wegrationalisiert. Drei Tote pro Zimmer quälen sich wie im Selbstbedienungsladen gegenseitig, dafür sorgt schon die Zusammensetzung im Raum und die menschliche Grundbedingung, dass Mann oder Frau sich über die Wirkung auf andere definiert.

Seelische Raffinessen

Deshalb kann der als Feigling erschossene Garcin auch nicht fliehen, weil er in den Augen von Inés, die ihm in Sachen Zynismus haushoch überlegen ist, nicht als Hasenfuß dastehen will. Die ehemalige Postangestellte hat sich wiederum schon zu Lebzeiten über den Schmerz definiert, den sie anderen, bzw. Ihren nächsten zufügen konnte. (Deshalb hat ihre Geliebte auch den Gashahn geöffnet als Inés, die deshalb in der Hölle wach wird, im Schlaf lag.)

In der Hölle wiederum wird sie auf alle Zeiten darunter leiden, dass sie, trotz sämtlicher seelischer Raffinessen für die begehrenswerte Estelle immer unattraktiv bleiben wird, denn die definiert sich in erster Linie über ihre Wirkung auf den einzigen Mann im Raum. Der selbstquälerische Macho Garcin hat wiederum nicht nur ein Problem mit seinem Selbstbewusstsein, sondern von je her die Neigung, seine Frauen zu quälen, mithin ein perpetuum mobile der gegenseitigen Qualen, das Annette Quentin mit drei geradezu ideal typgerechten besetzten Schauspielern in Szene gesetzt hat. Als aus der Bahn geworfener Macho, der aber schnell wieder Alphatier-Attitüden entwickelt, steht der Garcin von Steffen Lorenz zunächst im Zentrum, während die anderen Darsteller mit verhängten Köpfe als zwei leibhaftige Fragezeichen im Hintergrund sitzen.

Anne Hermann-Haases Inés entpuppt sich als Hexe auf den ersten Blick, die gleich gegen den vermeintlichen Unterteufel Garcin zurück beißt, sich aber gegenüber der begehrenswerten Estelle demütig bis zur Erniedrigung verhält, um doch nicht einen Hauch des Verlangten zu bekommen. Franziska Dempts zuletzt enthüllte Estelle schien in ihrer Ungeschütztheit zunächst die ideale Beute für eine der beiden komplexen Alphabestien, doch im Verlauf der anderthalb Stunden, die ihr noch blieben, stellte sie subtil heraus, wie viel Pose in Estelles Gebaren steckt. Jene nur zu durchschaubare Posiererei, die Garcin zu immer neuen Grausamkeiten gegenüber dem Weibchen provoziert, das die überlebenswichtige männliche Aufmerksamkeit um jeden Preis einfordern will.

Reife Leistung

Aber letztlich durchschaut jeder sich und die Motive der anderen, allein diese Illusionslosigkeit ist die Hölle. Und auf dem Weg zu den wahren Gründen für den Aufenthalt in der Hölle nimmt die Körperlichkeit bei den Auseinandersetzungen zu, während das irdische Leben und die Erinnerung der Überlebenden mehr und mehr an Bedeutung verliert, schließlich definiert sich der Mensch nur über den Blick der anderen, so Jean-Paul Sartre, dessen 70 Jahre altes Stück, die Zuschauer in der sehr gut besuchten Stadthalle doch sehr bewegte. Lang anhaltender Beifall war der Lohn für diese reife Leistung.

Von Armin Hennig

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