Alten- und Pflegeheime: Bewertungssystem kommt auf den Prüfstand

Pflege-TÜV nutzt niemandem

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ARCHIV - Ein Pfleger hält am 13.11.2007 in einem Alten- und Pflegeheim die Hand einer Bewohnerin. Laut Pflegestatistik gab es in Rheinland-Pfalz zum Stand 15. Dezember 2009 rund 37 650 Plätze in stationären Pflegeeinrichtungen, wie das Sozialministerium mitteilte. Dabei seien einige stationäre Einrichtungen - regional sehr unterschiedlich - nicht ausgelastet gewesen. Foto: Oliver Berg dpa/lrs (zu lrs-Umfrage vom 26.05.2012) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Korbach - Der seit Jahren umstrittene Pflege-TÜV hat bislang kaum Nutzen für die Verbraucher gebracht. Jetzt soll das Notensystem reformiert werden. Heimleiter aus Korbach haben Zweifel am Erfolg des Vorhabens.

Wie gut ist die Pflege in einem Heim? Ober der Pflege-TÜV darüber Antwort geben kann, war jahrelang umstritten. Mittlerweile sind sich Krankenkassen, der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, und die Gesundheitsexperten von Union und SPD einig: Das Bewertungssystem nutzt niemanden und ist nicht mehr haltbar.

Missstände werden durch weichere Faktoren ausgeglichen

Die Hauptprobleme: Die Bewertung mit Schulnoten sind der Komplexität nicht angemessen. Echte Missstände können durch weichere Faktoren ausgeglichen werden. Und die Patientenmeinung spielt bei der Beurteilung nur eine untergeordnete Rolle. Bis zum Sommer wollen Experten eine praktikable Lösung finden. Ruth Fürsch, Leiterin des Alten- und Pflegeheims „Haus am Nordwall“ in Korbach, rechnet indes nicht mit einem großen Wurf: „Die Pflegekasse scheuen den Konflikt.“ Dabei sei es grundsätzlich richtig, dass Heime einmal im Jahr überprüft werden. „Aber das jetzige System hat sich nicht bewährt, weil die Noten zu wenig differenziert sind“, so Fürsch. Teilweise widerspräche die Bewertung sogar der „gelebten Realität“: Trotz guter Noten im Pflege-TÜV habe die Heimaufsicht Einrichtungen schließen müssen.

„Wir haben als Träger ein Interesse daran, dass die Pflegequalität verlässlich nach außen dargestellt werden kann. Ich denke aber, das neue System wird wieder zum Flop“, sagt auch Marcus Jahn, Leiter des Evangelischen Altenhilfezentrums in Korbach. Seine Befürchtung: Die bisherigen Bewertungskriterien bleiben im Großen und Ganzen, sie werden nur anders gewichtet, um ein breiteres Notenbild zu bekommen. Missstände in der Pflege oder der Hygiene können dann in der Gesamtbewertung nicht mehr dadurch ausgeglichen werden, dass beispielsweise die Speisekarte mit sehr großen Buchstaben leicht lesbar gedruckt ist.

Doch das merzt aus Jahns Sicht nur die gröbsten Fehler des Systems aus. „Am Anfang müsste eine Diskussion darüber stehen, was eigentlich Qualität in der Pflege ist“, sagt der Korbacher Heimleiter. Denn das bisherige System lege hauptsächlich handwerkliche Maßstäbe an. Vor allem die „weichen Faktoren“ kommen seiner Meinung nach zu kurz: „Ist es nicht auch Qualität, wenn es gelingt, dass ein Heimbewohner mindestens einmal am Tag lächelt?“, fragt Jahn. Die Befragung der Patienten zu ihrer Zufriedenheit bleibt aber bislang bei der Gesamtnote außen vor: Sie fließt lediglich in eine mitveröffentlichte Teilnote ein. Das Bewertungssystem müsse außerdem die Stärken und Schwächen der Heime besser abbilden, um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Heimbewohner gerecht zu werden, sagt Jahn.

„Ideal wäre, Pflegekräfte wie bei einer Fahrprüfung zu begleiten“

Im Mittelpunkt der Bewertungen steht derzeit noch das, was die Kontrolleure in den Konzepten und Patientenakten der Heime finden. Was davon tatsächlich bei den Patienten ankommt und wie die Heimbewohner selbst die Pflege erleben, tritt in den Hintergrund. Ruth Fürsch wünscht sich ein grundlegend anderes Verfahren: „Reinkommen und die Dokumentation anschauen reicht nicht aus. Die Prüfer müssten ein bis zwei Tage im Haus sein - und dabei die Arbeit der Pflegekräfte wie bei einer Fahrprüfung begleiten.“

Marcus Jahn pflichtet ihr bei: „Die Prüfer müssten sich zwei bis drei Tage in einem Heim aufhalten, mit Bewohnern und Angehörigen sprechen und beobachten, wie die Pflegekräfte mit herausfordernden Situationen umgehen, um ein umfassenderes Bild einer Einrichtung zu erhalten. Dienstleistung muss man erleben, um zu sehen, ob sie gut oder schlecht ist.“ Da sei dann aber auch ein gewisses Maß an Subjektivität mit im Spiel, schränkt der Heimleiter ein.

Aber auch die handwerklichen Kriterien müssen aus sicht der beiden Heimleiter erweitert werden: „Beispielsweise: Gibt es ein zertifiziertes Qualitätsmanagement?“, sagt Fürsch. „Die Prüfer müssten sich die personelle Besetzung der Einrichtungen und die Dienstpläne richtig anschauen. Dadurch können sie eine Vorstellung entwickeln, was mit dem Personalaufwand in der Einrichtung tatsächlich möglich ist“, sagt Jahn.

Schließlich sei die Stichprobe zu klein, um eine statistisch belastbare Aussage zu gewinnen, so der Heimleiter: Die Prüfer begutachten drei zufällig ausgewählte Patienten aus jeder Pflegestufe, also insgesamt neun Bewohner pro Heim. Allerdings lässt sich nicht jedes Kriterium an jedem überprüfen: Trägt etwa ein Bewohner keine Stützstrümpfe, kann der Medizinische Dienst auch nicht kontrollieren, ob sie richtig angelegt wurden. Die fehlenden Werte werden aus Durchschnittswerten berechnet.

Hintergrund: Wie das richtige Heim finden?

Als Orientierungshilfe für Angehörige und künftige Heimbewohner spielt der Pflege-TÜV kaum noch eine Rolle. Das Interesse an den Pflegenoten ist aus der Erfahrung der Korbacher Heimleiter Ruth Fürsch und Marcus Jahn sehr gering. Doch wie sonst lässt sich die Frage beantworten, welches Pflegeheim gut ist und welches schlecht? „Für viele Menschen ist es wichtiger, etwa den Nachbarn zu fragen, welche Erfahrungen er gemacht hat“, sagt Jahn. Fürsch empfiehlt: „Gehen sie in die Häuser hinein und beobachten sie, wie sie begrüßt, wie sie behandelt werden.“ Hinweise auf die Qualität gegen auch folgende Faktoren: Wie ist die Optik des Hauses? Gibt es eine Gartenanlage? Gibt es Einzelzimmer? Hat die Einrichtung noch eine eigene Küche? Gibt es speziell ausgebildete Fachkräfte – etwa für Wundmanagement oder Demenz? Ist das Heim im Ort verankert? Gibt es Besuche von Chören oder Kindergärten? Sitzen an Sommertagen auch Heimbewohner draußen? Wie ist die Beratung am Anfang? Den Betroffenen rät Jahn: Wer nicht Knall auf Fall zum Pflegefall wird, sollte sich die Zeit nehmen, sich verschiedene Häuser anzusehen und im Rahmen der Kurzzeitpflege für einige Tage zur Probe zu wohnen und am ganz normalen Heimleben teilzunehmen. Die „Probewohner“ können so erkennen, ob die Einrichtung ihren Wünschen und Bedürfnissen entspricht. Viele Einrichtungen bieten außerdem in einer Art Testphase verkürzte Kündigungsfristen – im Haus am Nordwall etwa liegt sie im ersten Vierteljahr bei nur einer Woche. Wer sich im ausgewählten Heim doch nicht wohlfühlt, kann so kurzfristig die Einrichtung wechseln.

Von Lutz Benseler

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