Vertreter von sechs Parteien beteiligen sich an Podiumsdiskussion in der Alten Landesschule in Korba

Politiker ringen um den Kurs Europas

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Auf dem Podium in der Aula des Gymnasiums: Jan Schalauske von den Linken, Lasse Becker von der FDP, der Moderator der Diskussionsrunde, WLZ-FZ-Chefredakteur Jörg Kleine, Dr. Sven Simon von der CDU, Hakola Dippel von der AfD, Ben Bussiek von der Grünen Jugend und Johannes Gerken von der SPD.

Korbach - Die Reaktion der EU auf die Krise in der Ukraine war ein wichtiger Punkt der Diskussion - sie zeigte, wie nah den Gymnasiasten Europa doch ist.

Sie klangen schon angestaubt, die Beschwörungen der Kriegsgeneration: Das vereinte Europa sei nach zwei verheerenden Weltkriegen ein Garant des Friedens. Dass Frieden keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt sich gerade vor der „Haustür“ der EU: In der Ukraine droht ein blutiger Bürgerkrieg. Wie soll Europa auf die Krise reagieren? Danach fragten gestern auch Gymnasiasten der Alten Landesschule, die im Vorfeld der Europawahl am 25. Mai mit sechs Politikern diskutierten.

„Gefühl für die Demokratie“

Nicht zum ersten Mal hatte der Korbacher Ring politischer Jugend vor einer wichtigen Wahl eine Podiumsdiskussion organisiert. In der Aula versammelten sich Klassen der Jahrgangsstufe 9, der Einführungsphase sowie der Qualifikationsphase 2. Im Unterricht hatten sie sich auf die Runde vorbereitet. Es sei wichtig, dass die Jugendlichen „ein Gefühl für die Demokratie in Europa bekommen“, sagte der ALS-Fachleiter des „gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes“, Jürgen Säuberlich. Die Moderation hatte wieder WLZ-FZ-Chefredakteur Jörg Kleine übernommen.

Was für ein Europa wünschen sich die sechs Diskutanten?

Ben Bussiek: Der Kasseler Lehramtsstudent von der Grünen Jugend will ein Europa, das „Vorreiter“ ist bei der Ökologie, der „sozialen Verantwortung“ und beim Austausch, außerdem soll es hohe Standards beim Verbraucherschutz setzen. Je mehr Leute zur Wahl gingen, desto geringer sei die Chance, dass Rechte ins Europaparlament kämen.l Johannes Gerken: Der angehende Lehrer aus Kassel ist im Juso-Bundesvorstand für Europapolitik zuständig, er will mehr „Raum für Werte, Frieden und Demokratie“ in Europa, die EU müsse für mehr soziale Gerechtigkeit aktiv werden, um „Wohlstand in einer solidarischen Gesellschaft“ zu sichern. Europa sei auch ein akzeptiertes „Projekt der Jugend“.

Hakola Dippel: Der Förster aus Volkmarsen ist Kreissprecher der Alternative für Deutschland, er wünscht ein „friedliches, freiheitliches und demokratisches Europa“, das mehr direkte Beteiligung der Bürger zulasse und das ein „Verbund souveräner, eigenständiger Staaten“ sei, der den Wohlstand mehre.

Dr. Sven Simon: Der Gießener Jurist kandidiert für die CDU auf Platz 4 fürs Europaparlament, für ihn soll die EU Freiheit, Frieden und einen hohen Lebensstandard bewahren. Angesichts neuer globaler Mitspieler wie China oder Indien sei die EU eine „Interessenvertretung“, um Rechtsstaatlichkeit und weitere Grundwerte zu erhalten. Die EU mit ihrem Binnenmarkt sei „die Konsequenz aus den Kriegen des 20. Jahrhunderts und die Antwort auf die Fragen des 21. Jahrhunderts“.

Lasse Becker: Der Kasseler Volkswirt war von 2010 bis 2013 Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen. In seinem Europa wird nicht alles in Brüssel entschieden, sondern mehr vor Ort. So plane die EU gerade eine Norm für Treckersitze. Aber die EU stehe auch für Freiheit, Toleranz und Respekt statt für Ressentiments - und der Sieg der österreichischen Dragqueen Conchita Wurst beim European Song Contest zeige, dass es sogar einen gemeinsamen europäischen Humor gebe.

Jan Schalauske aus Marburg gehört dem Landesvorstand der Linken an, er fordert ein „anderes Europa“, in dem nicht jeder Vierte von Armut bedroht sei, in dem Leute von ihrem Lohn auch leben könnten, in dem es soziale Mindeststandards gebe, in dem statt Konzernen und Banken Bürger die Entscheidungen fällten, das sich nicht vor Flüchtlingen abschotte und das „Nein zu Rechts“ sage. „Davon sind wir weit entfernt. Es braucht einen Kurswechsel. “

Das sei doch wohl ein „Zerrbild“ von Europa, gab Dr. Simon zurück, Schalauske konterte mit Daten und Beispielen für soziale Verwerfungen - und schon entspann sich eine Diskussion über Defizite der EU. Auch der Umgang mit der Finanzkrise kam zur Sprache, dabei wurden die Unterschiede der Parteien­ deutlich. Beispiel Griechenland-Hilfe: Es gebe Korruption, Steuerbetrug und nicht einmal eine Katasterverwaltung, urteilte Becker. Die Griechen hätten über ihre Verhältnisse gelebt. Dem widersprach Gerken, der auf die Bankenrettung als Grund für die hohe Staatsverschuldung verwies. Für Schalauske wird durch die Sparauflagen „einer ganzen Generation die Zukunft geraubt“, in Europa müssten alle gut leben können. Dippel forderte zu differenzieren zwischen einfachen Griechen, den Banken und der politischen Klasse, die beim Euro-Beitritt betrogen habe. Und die anderen 27 EU-Staaten hätten nicht für die Schulden der Banken aufzukommen.

Auch die Flüchtlingsfrage oder die Schnelligkeit die EU-Osterweiterung waren Themen. Eine Schülerin fragte nach dem Nutzen des EU-Programms „Lea­der“ zur Regionalförderung.

Auch die Vorzüge Europas gerade für Jugendliche wurden hervorgehoben: Sie könnten frei reisen und andere Völker und Kulturen kennenlernen, sagte Bussiek. EU-Programme wie Erasmus böten Austauschmöglichkeiten, sagte Dr. Simon. „An keinem Platz der Welt gibt es so viele Freiheiten, ihr habt alle Chancen.“ - „Nutzt sie“, fügte Bussiek hinzu.

Jörg Kleine forderte die Schüler immer wieder auf, Fragen zu stellen. Sie kamen mehrfach auf die Ukraine und den Umgang mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu sprechen. Alle Diskutanten sprachen sich für eine friedliche Lösung aus, alle Parteien müssten an einen Tisch. Die alten Beschwörungen sind also weiter aktuell: Europa als sanfte Friedensmacht.

Von Dr. Karl Schilling

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