Berufsbildung

Praktikum trotz Corona: Unternehmen und Schulen entwickeln alternative Angebote

„Praktikum in der Box“: Auszubildende von Weidemann arbeiten mit den Schülerinnen und Schülern der Klasse 9Rc in einem Klassenraum in der Mittelpunktschule Goddelsheim an einem Werkstück.
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„Praktikum in der Box“: Auszubildende von Weidemann arbeiten mit den Schülerinnen und Schülern der Klasse 9Rc in einem Klassenraum in der Mittelpunktschule Goddelsheim an einem Werkstück.

Auf der Suche nach der richtigen Ausbildung ist es sinnvoll, schon während der Schulzeit die ersten Praktika zu absolvieren. Durch die Corona-Krise ist das aktuell schwieriger denn je.

Korbach/Goddelsheim – An der Mittelpunktschule Goddelsheim gibt es das „Praktikum in der Box“ als Alternative: Der Ausbilder kommt mit einem Koffer voller Utensilien in die Klasse, die Jugendlichen machen ihre praktische Übung in der Schule. Kooperationspartner ist der Korbacher Radlader-Hersteller Weidemann.

Elf Schrauben, eine Mutter, drei Bleche, zwei Blöcke und eine Rolle aus Metall. Einziges Werkzeug ist ein Inbusschlüssel: Die Mädchen und Jungen der 9Rc schrauben die Einzelteile nach vorgegebenem Bauplan und ein bisschen Hilfe der beiden Azubis Dustin Stuhldreier und Christian Bangert zusammen. Wenn sie alles richtig gemacht haben, sollte ein massiver Tesafilm-Abroller als Endergebnis auf dem Tisch stehen.

„Manche gehen dabei ganz strukturiert vor und legen sich alles zurecht, bevor sie beginnen. Andere legen einfach los“, sagt Timo Schulze. Für den Ausbildungsleiter bei Weidemann sind gerade solche Momente wichtig, um abzuschätzen, ob Beruf und Jugendlicher gut zusammenpassen. Und auch für die Jugendlichen selbst ist bei der Begegnung mit der Praxis of ein Aha-Erlebnis drin: „Das ist eher was für die Jungs“, sagt Emili Gidion. „Ich würde lieber was Kaufmännisches machen“, so die 15-Jährige.

Zumindest in ihrer Klasse hat Emili Gidion mit der Einschätzung Recht: Der technikbegeisterte Nils Brühmann hat die Aufgabe ruckzuck gelöst. „Ich habe in den Osterferien schon ein Praktikum bei einem Metallbauer gemacht“, sagt der 15-Jährige. Für Timo Schulze wäre er damit schon mal ein vielversprechender Kandidat – und die sind derzeit heiß begehrt.

Die Industrie kämpft um Nachwuchs, denn immer mehr junge Leute entscheiden sich für Abitur und Studium statt für eine Ausbildung. Im vergangenen Jahr verzeichnete der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) zum Ausbildungsstart 34 000 unbesetzte Lehrstellen. „Mit Praktika wollen wir junge Fachkräfte gewinnen“, sagt Schulze. Weidemann bildet im gewerblichen Bereich Industriemechaniker, Fertigungsmechaniker, Land- und Baumaschinenmechatroniker und ganz neu auch Fachkräfte für Metalltechnik aus. Bewerbungsschluss fürs nächste Jahr ist schon am 30. September. Doch Praktika, um Bewerber und Firma zusammenzubringen, gibt es in diesem Jahr nicht. Der Weidemann-Ausbilder geht deshalb mit dem „Praktikum in der Box“ in die Schulen, die seit 17. Mai wieder Präsenzunterricht anbieten. Außerdem hat das Unternehmen eine Praktikumsbox für zu Hause entwickelt. Darin sind von einer Anleitung über Werkzeug bis hin zu den Bauteilen alle Materialien enthalten.

Aber auch die Schulen haben sich dem Problem Praktikum gestellt: „Das Kultusministerium hatte beschlossen die Betriebspraktika auszusetzen, außerdem bieten viele Firmen derzeit kein Praktikum an. Die fehlende Erfahrung ist für die Schüler schwer zu ersetzen“, beschreibt Lehrerin Astrid Curtze die Situation. Sie gehört an der MPS Goddelsheim zum Team „Arbeitslehre“ und hat ein Konzept erstellt, um den Vorabgangsklassen auch unter deutlich erschwerten Bedingungen die Chance zur Berufsorientierung zu bieten. Neben Angeboten wie das der Firma Weidemann hat die Schule verschiedene Online-Angebote auf die Beine gestellt, heimische Betriebe stellten beispielsweise sich und ihre Ausbildungsberufe in einer Videokonferenz vor. Das sei sehr gut angekommen, sagt Curtze.

Ausbildungsleiter Timo Schulze kann sich indes gut vorstellen, dass viele in der Pandemie entwickelten Online-Formate auch in Zukunft das Praktikum ergänzen. Nur ersetzen könnten sie es nicht.

Von Lutz Benseler

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