„Tag der Landwirtschaft“ in der Korbacher Stadthalle:

Auf Kritik selbstbewusst antworten: Prof. Ulrich Nöhle gibt Landwirten Tipps

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Beim „Tag der Landwirtschaft“ in der Korbacher Stadthalle – von links: der Erste Kreisbeigeordnete Karl-Friedrich Frese, die Geschäftsführerin des Vereins für landwirtschaftliche Fortbildung, Karin Herzog, Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke, Prof. Ulrich Nöhle, Fachdienstleiter Karlfried Kukuck, der Landtagsabgeordnete Armin Schwarz und Kreislandwirt Friedrich Schäfer.

Korbach – Tiertransporte, Bienensterben, Hähnchenmast, Ferkelkastrierung – immer wieder gerät die moderne Landwirtschaft in die Kritik. Wie die Bauern damit umgehen sollten, erklärte der Krisenmanager Prof. Ulrich Nöhle am Donnerstag beim „Tag der Landwirtschaft“ in der Korbacher Stadthalle.

„Landwirtschaft am Pranger“ hatte er seinen Vortrag überschrieben. Sein Rat an die Betroffenen: Sie sollten offensiv in die Öffentlichkeit gehen – und schlicht darstellen, wie sie arbeiteten und wie die Wirklichkeit in ihren Betrieben aussehe. Transparenz sei oberstes Gebot. 

Landwirte setzen Pflanzenschutzmittel auf Feldern ein? „Sagen Sie es“, rief Nöhle. Landwirte nehmen Kälbern die Hörner ab? „Zeigen Sie es – und erklären Sie, warum Sie es tun.“ Mäster halten 40 000 Hühner im Stall? Am besten sollten sie Fenster einbauen, damit jeder in den Stall hineinschauen könne. Gehe das nicht, könne zumindest eine Webcam aufgebaut werden. 

Über Transparenz Akzeptenz schaffen

Ziel müsse sein, in der Gesellschaft mit größtmöglicher Transparenz eine Akzeptanz für die moderne Landwirtschaft zu erhalten. Derzeit „tolerierten“ etwa 80 Prozent der Bevölkerung die konventionelle Wirtschaftsform. Sie müssten dazu gebracht werden, sie zu akzeptieren. Das bedeute, Verbraucher sollten die Arbeitsweisen anerkennen und billigen, indem sie sie dank Information verstehen. 

Der Gesellschaft warf Nöhle eine „Doppelmoral“ vor. Leute vom Land zögen in die Stadt und träumten dort vom „natürlichen“ Landleben. Heute entschieden die Medien darüber, was als „gut“ und „böse“ gelte – gerade die „sozialen Medien“ im Internet wie das Online-Lexikon Wikipedia, die Videoplattform Youtube, Netzwerke wie Facebook oder Mitteilungsdienste wie Twitter. Jeder könne dort veröffentlichen, schnell stehe jemand am „Medienpranger“. 

Nöhles Schlussfolgerung: In einer „Mediengesellschaft“ müssten Landwirte auf allen Kanälen kommunizieren und darstellen, was sie täten – „sonst sind Sie medial tot.“ 

Wer nicht kommuniziere, mache sich verdächtig und werde schnell zum „Täter“. Und wenn die Landwirte nicht kommunizierten, übernähmen dies andere – etwa Umweltorganisationen, die Skandale verbreiteten. "Sie haben die Wahl": Entweder Transparenz und Kommunikation, oder "der nächste gefühlte Skandal" werde verbreitet.

Kein idyllisches Bild von Landwirtschaft zeichnen 

Dabei sei es zugegebenermaßen schwer, die Wirklichkeit darzustellen: Sie sei „fast schon nicht mehr vermittelbar“ angesichts der romantischen Bilder, die etwa die Reklame liefere. 

Er warnte davor, eine Idylle zu vermitteln, Bauern sollten stets Fakten nennen, Zusammenhänge erläutern und offen zeigen, wie Lebensmittel hergestellt und Tiere gehalten werden. Es gelte, „Akzeptanz einzuwerben für die Prozesse, zeigen Sie die industrielle Produktion.“ 

Beispiel: Eine Hochleistungskuh könne nicht einfach auf die grüne  Wiese getrieben werden, dort würde sie nach wenigen Wochen verhungern, denn sie benötige schlicht das Kraftfutter, das sie im Stall erhalte. „Das müssen Sie kommunizieren!“ Gleiches gelte für Betriebsgrößen oder die Zahl der dort gehaltenen Tiere.

Und wer von „Omas Hof“ träume, müsse auf die Konsequenzen für die Welternährung hingewiesen werden und die harten Fakten genannt bekommen: 1910 habe es rund eine Milliarden Menschen auf der Erde gegeben. Heute seien es 7,5 Milliarden, bis 2050 seien zehn Milliarden zu erwarten. Die ließen sich nicht satt machen mit einer Landwirtschaft Anno 1910, erklärte Nöhle. Seit den 1930er Jahren hätten sich die Erträge verdreifacht, und sie müssten noch weiter steigen. "Sagen Sie das!" Und wie oft habe es früher bei Oma Fleisch gegeben? Heute komme es täglich auf den Tisch.

Auch Handelskonzerne setzten immer mehr auf Transparenz, und sie hätten mehr Macht als die Landwirtschaftsministerin. Sie forderten diese Transparenz auch von den Lieferanten ihrer Lebensmittel ein. Als Beispiel nannte er den QR-Code, den Aldi auf alle Fleischwaren aufdrucken lasse, um die Herkunft und Verarbeitung für alle Verbraucher nachvollziehbar zu machen.

In die Medienoffensive gehen

Landwirte forderte er auf, in die Offensive zu gehen: "Ab morgen produzieren Sie zuerst transparent Informationen, damit Sie akzeptiert werden." Dann könnten sie die produzierten Lebensmittel "nachliefern".  

Landwirte sollten:

  • Hofbesichtigungen anbieten, 
  • freies W-Land für Besucher vorhalten, gerade für Schülergruppen, 
  • die Entwicklungen in der Landwirtschaft aufzeigen, 
  • Infobroschüren bereit stellen, 
  • eine Homepage mit Bildern und Videos einrichten, 
  • Tafeln mit QR-Codes auf dem Hof aufstellen, die zur Homepage führen,
  •  Mutiplikatoren wie Lehrer, Erzieher und Journalisten einladen – was die Bauernverbände in Waldeck und Frankenberg bereits tun. 

Sie sollten alle Kanäle nutzen:

  • Homepages,
  • den Facebook-Auftritt, 
  • Videos über die Alltagsarbeit auf Youtube einstellen, 
  • branchenabgestimmt Blogs beliefern, 
  • "Twittern Sie wie US-Präsident Donald Trump - sonst tut es ein anderer!" 
  • Besucher sollten eine Powerpoint-Präsentation über den Hof und die Arbeitsweisen gezeigt bekommen.

"Wir haben viel aufzuholen", erklärte der Professor. "Aber es ist noch nichts verloren."

Der Referent

Prof. Ulrich Nöhle aus dem norddeutschen Otterndorf ist staatlich geprüfter Lebensmittelchemiker. Er arbeitete bei Lebensmittelunternehmen als Produktentwickler und im Qualitätsmanagement, er war 17 Jahre Chefeinkäufer bei Nestlé in Deutschland und etwa vier Jahre Vorstandsvorsitzender von Nordzucker. 

2008 machte sich Nöhle selbstständig. Als Krisenmanager berät er die Lebensmittel- und Futtermittelindustrie. Er wirkt als Schlichter, Ombudsmann und Mediator. So hilft er Unternehmen bei Konflikten mit Behörden und bei der Öffentlichkeitsarbeit in Krisenfällen. Außerdem ist er öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für die Sicherheit, Hygiene und Chemie von Lebensmitteln. 

Als Honorarprofessor lehrt Nöhle an der Technischen Universität in Braunschweig „Qualitätsmanagement in der industriellen Lebensmittelherstellung“. In seinen Schriften und in Vorträgen greift er gern die Medien an, denen er eine Skandalisierung vorwirft. Unternehmen bietet der 66-Jährige ein Medientraining an.

Der „Tag der Landwirtschaft“ 

Zum „Tag der Landwirtschaft“ eingeladen hatten wieder der Fachdienst Landwirtschaft der Kreisverwaltung und der Verein für landwirtschaftliche Fortbildung in Waldeck. Neben Landwirten nahmen auch Vertreter von Fachbehörden, Banken und Unternehmen teil.

Die Landwirte strengten sich an, um der Öffentlichkeit gläsern ihre Produktion zu zeigen, sagte Kreislandwirt Friedrich Schäfer. Aber die Verbraucher hätten auch eine "Holschuld" und müssten die Informationsangebote annehmen.

Zu Beginn hatte Fritz Schäfer auf den gesellschaftlichen Wandel durch die Digitalisierung hingewiesen. Die müsse auch auf dem Land ankommen, wenn junge Leute gehalten werden sollen. "Wir müssen die Stärken des ländlichen Raumes nutzen." 

Der Ausbau laufe, im dritten Quartal 2019 lägen Glasfaserkabel in jedem Dorf, berichtete der Erste Kreisbeigeordnete  Karl-Friedrich Frese, bis Jahresende seien hoffentlich alle Verteiler in Betrieb. Doch das sei nur die Grundversorgung, der Ausbau müsse weiter gehen.

Der Kreis schätze die "landwirtschaftliche Familie", bekräftigte Frese und kritisierte die staatliche "Regelungswut" bei Brandschutz oder Klärschlammverordnung. Der Kreis versuche, im Dialog Lösungen zu finden.

Der „Tag der Landwirtschaft“ sei eine "Bestandsaufnahme der aktuellen Herausforderungen", sagte der CDU-Landtagsabgeordnete Armin Schwarz. Die Landesregierung setze sich für die Interessen des flachen Landes ein, dabei dürften die konventionelle und die ökologische Landwirtschaft nicht gegeneinander ausgespielt werden. 

Auch der Kasseler,  Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke, war unter den Gästen. Fachdienstleiter Karlfried Kukuck moderierte die Diskussion, die sich bei einem Imbiss im Foyer fortsetzte. (-sg-)

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