Schriftsteller Friedrich Christian Delius beim „Ortstermin“ in der Nikolaikirche

Prominente Stimme für einen guten Zweck

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Sabine Neuhaus vom Förderverein Nikolaikirche bedankt sich mit einem Bildnis des Gotteshauses bei F. C. Delius. Fotos: Hennig

Korbach - 50 Jahre als Schriftsteller: Zum persönlichen Jubiläum kam Friedrich Christian Delius nicht nur zum Literarischen Frühling in den Landkreis, sondern auf Einladung des Fördervereins auch zu einer Lesung in die Nikolaikirche.

Fünf Jahre seiner Jugendzeit lebte Friedrich Christian Delius in Korbach. Sein Vater wurde 1958 Pfarrer in der Nikolaigemeinde, seine Mutter wirkte als Gemeindeschwester.

Mit seiner Lesung im ehrwürdigen Gotteshaus wollte Friedrich Christian Delius einen Beitrag zur Sanierung der Nikolaikirche sammeln, für die der Förderverein wichtige Spenden sammelt. Beim Blick in die gut gefüllten Bankreihen zeigte sich der bedeutende deutsche Autor erstaunt darüber, dass er doch ein beachtliches Publikum angezogen habe. Denn im Vorfeld zweifelte er bescheiden, ob sein Auftritt „einen nennenswerten Beitrag zum Bauvorhaben“ leisten könne.

Blick zur Kanzel

Die Anfänge der letzten Renovierung, die Mitte der 1960er-Jahre begannen, habe er noch mitbekommen, erinnerte sich Delius. Mit ihren roten Säulen und in ihrer aktuellen Farbenpracht sehe die Nikolaikirche derzeit besser aus als zur aktiven Zeit seines Vaters, die Dachsanierung werde die Pracht aber auch schützen.

Vom instinktiven Blick hin-auf zur Kanzel, wo sein Vater predigte, erzählte Delius im Gespräch mit WLZ-Chefredakteur Jörg Kleine. Der Vater starb früh, und auch Delius erlebte nur fünf Korbacher Jahre, in denen der Jüngling aber beim Schreiben entdeckte, „dass in mir Wörter steckten, von denen ich gestern noch keine Ahnung hatte“. Auch die Reaktionen von Lehrern und Mitschülern auf erste Veröffentlichungen seiner Gedichten in der Schülerzeitung der Alten Landesschule waren ein Thema bei Delius‘ Auftritt am Sonntag in Korbach.

Im Anschluss an das Abitur (1963) hatte es Delius nach Berlin gezogen, wo er sein Studium mit Blick auf eine Verlagskarriere als Lektor begann. Nebenbei war der Fußball eine Leidenschaft, die dann eine große Rolle im ersten autobiographischen Buch (1994) spielte: „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“. Die Erzählung ist eine nachträgliche Auseinandersetzung mit dem schier übermächtigen Vater und den geistig-moralischen Grundlagen der Fünfzigerjahre.

Hommage an die Mutter

Ausgangspunkt beim Schreiben dieses Bestsellers sei der leere Dorfplatz von Wehrda (bei Hünfeld) gewesen, wo der elfjährige Delius unmittelbar nach dem Abpfiff des WM-Finales 1954 erst einmal für ein paar gespenstische Minuten mit seiner Begeisterung alleine blieb - ehe auch andere Dorfbewohner ihren Weg zum Jubeln fanden.

„Bildnis der Mutter als junge Frau“ ist der Titel einer literarischen Hommage an Delius‘ Mutter, die mit 39 Jahren Witwe wurde und in Korbach fortan allein für die Kinder sorgen musste. Auch nach dem Tod ihres Mannes blieb sie im Gemeindevorstand und war als Gemeindeschwester aktiv. Die zwischen Ostern und Pfingsten bis heute in der Kirche aufgelegten Paramente hatte sie selbst gestickt, schilderte Sabine Neuhaus, Vorsitzende des Nikolai-Fördervereins, zur Eröffnung des literarischen Abends.

Im Buch beschreibt Delius einen Januartag 1943, als seine 21-jährige Mutter, damals im achten Monat mit ihrem Sohn schwanger, zu Fuß in Rom unterwegs ist. Ein rundweg gelungenes Eintauchen in den Strom des Bewusstseins einer jungen Frau aus Mecklenburg, die auf dem Weg von einem Krankenhaus, einer protestantischen deutschen Insel in dieser ewigen Stadt, zu einem Konzert ihr Leben reflektiert. Die Sorge der vollkommen unpolitischen Frau um ihren Mann, der sie just am Tag ihrer Ankunft im fernen Italien damit konfrontieren muss, wieder als Soldat abkommandiert zu sein - nach Nordafrika. So muss er seine schwangere Frau allein zurücklassen in dieser fremden Welt. In ihren Gedanken kreuzen sich protestantisches Selbstverständnis, die Abgrenzung gegenüber den Zumutungen der großen Stadt, ihrer Bewohnern - und Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges.

Zuhörer beeindruckt

Komponiert hatte der Autor diesen inneren Monolog aus den Briefen seiner Eltern, Archivfunden und penibler Recherche, bei der Rom zum eigenem Lebensmittelpunkt wurde. Ein ausführliches Gespräch mit seiner Mutter über die jene Kriegsmonate in Italien sei nicht mehr möglich gewesen, erklärte Delius. Bei der Lesung zeigten sich die Zuhörer beeindruckt, wie nahtlos und virtuos Delius den Gedankenflug der jungen Frau beschreibt.

Den musikalischen Rahmen zur Lesung mit Delius gestaltete Torben Schott auf der Noeske-Orgel in der Nikolaikirche.

Von Armin Hennig

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