Korbach

„Regisseur darf kein Demokrat sein“

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- Korbach (rsm). Ein Meister der Massenaufführung. Diesen Ruf erwarb sich Eduard Thielemann (84) als Spielleiter, weil er die Begabung 
hatte, eine große Menschenmenge im Theater gut in Szene zu setzen.

Die 75 Jahre alte 
Geschichte der Korbacher 
Freilichtbühne müsste ohne Thielemann in vielen Punkten anders erzählt werden, denn der gebürtige Ehringer saß dort 18 Jahre lang (1965 bis 1983) auf dem Regiestuhl.

Wer den früheren Spielleiter heute in seinem Haus in Korbach besucht, dem öffnet ein eher kleiner, hagerer Mann die Tür, der einen durch die Brille mit wachen und bisweilen 
auch streng dreinblickenden Augen anschaut. Sein Schreibzimmer ist im 
ersten Stock, und der Mann geht mit seinen 84 Jahren noch sehr flott die Treppe hinauf.

In dem Büro füllen ein großer brauner Schreibtisch mit Stuhl und braunem Schrank nahezu den Raum. Wer hier sitzt, wird 
umzingelt von Büchern und CDs die an allen vier Wänden 
in Regalen bis unter die Decke stehen. Thielemann ist aber nicht 
nur ein sehr belesener Mensch, sondern auch ein schreibfreudiger. Aus seiner Feder stammen elf Bühnenstücke, und 
vielen älteren Korbachern ist 
bestimmt noch eines in guter Erinnerung: Die Belagerung.

Vor allem mit dieser Aufführung anlässlich der 1000-Jahr-Feier der Stadt Korbach erwarb sich Thielemann den Ruf vom Meister der Massenaufführungen, denn er bewegte hier als Spielleiter rund 150 Menschen auf der Bühne – nicht nur Schauspieler, sondern auch Korbacher Chöre unter der Leitung von Pfarrer Gerhard Reuse.

Thielemann kann sich noch gut an die Stimmung erinnern, die sein Stück 1980 im Publikum erzeugt hatte: Gänsehautgefühle. Er stimmt kurz das Lied „Alles, was lebt, wünscht Frieden, ihr Mächtigen der Erde denket daran“ an und kommt anschließend sprachlich ins Schwärmen: „Das war die dritte Strophe des Finalchores, sie ist fast wie ein Gebet. Bei diesem Lied standen die Zuschauer immer auf. Das war für mich ein unvergessliches Erlebnis, die standen im strömenden Regen auf und ließen sich nass regnen.“

Nach diesem Erfolg war Thielemann auch bei anderen 
Bühnen ein gefragter Mann. 
So schrieb und inszenierte er unter anderem für die Klosterspiele in Merxhausen das historische Stück „Bonifatius und die Donareiche“. Fragt man den Korbacher, bei wie vielen Stücken er Regie geführt hat, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „79 Inszenierungen habe ich gemacht.“

Die Lust auf Theater steckte auch schon in dem jungen 
Thielemann, aber hauptberuflich wollte er eigentlich nie in dieser gesellschaftlich wenig anerkannten Branche der brotlosen Kunst einsteigen. Lehrer war sein Traumberuf, allerdings wurde dieser Traum im Krieg von einer Granate zerstört, 
deren Splitter den jungen Soldaten Thielemann am Kopf 
getroffen hatten. „Durch diese Verletzung durfte ich kein Lehrer werden“, sagt der 84-Jährige, der auch ein Meister des Erzählens ist – wortgewandt und stets bemüht, sprachlich genau zu sein.

Aus Thielemann wurde schließlich ein Kaufmann. Und diese Entscheidung begünstigte seine Theaterlaufbahn im Nebenerwerb. Sie begann nämlich nicht auf der Freilichtbühne, sondern in der Conti-Reifenfabrik. Dort, wo in Krisenzeiten über Stellenabbau und Standorterhaltung geredet wird, wurde Anfang der 60er Jahre auch über Bühnenbau und Standortunterhaltung gesprochen.

Thielemann wird nachgesagt, dass er ein sehr strenger und bisweilen auch pedantischer Spielleiter war. Wie sieht er sich selbst? Waren Sie der Diktatorische? – Thielemann überlegt einige Sekunden: „Nein, wohl aber, wenn eine Szene nicht meinen Ansprüchen entsprach, dann habe ich sie so lange wiederholen lassen, bis sie so lief, wie ich sie mir vorgestellt habe. Ein guter Regisseur kann nicht nachsichtig sein, und er kann auch kein guter Demokrat sein. Er muss seine Vorstellungen 
haben und diese von den Spielern umsetzen lassen.“

Mehr lesen Sie in der WLZ vom Freitag, 12. August.

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