Bernd Giesekings Sommergastspiel in der Stadtbücherei · Erfahrungen in Finnland

Reiserückblick statt Jahresrückblick

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Korbach - Warum tragen die Finnen in der Sauna bei 110 Grad eine Wollmütze auf dem Kopf, wieso schneidet Finnland beim Pisa-Test so gut ab, und, vor allem, wie hält man es im besten Mannesalter drei Wochen am Stück mit seinen Eltern in einem Land aus, dessen Sprache man nicht versteht?

Die heiteren Antworten auf diese Fragen lieferte Bernd Gieseking im Verlauf der Lesung aus seinem Bestseller „Finne dich selbst“ in der Korbacher Stadtbücherei. Angesichts zahlreicher alternativer Erzählstränge und spontan eingeflochtener Exkurse fühlte sich die Lesung gar nicht so viel anders an als der satirische Jahresrückblick, denn Mutter Ilse und Vater Hermann gehören zum Stamm beim satirischen Jahresrückblick, nur die politischen Mitspieler wechseln.

Die Antwort auf die Frage, warum er sich spontan und ungebeten dazu bereit erklärte, seine Eltern, die er in den Jahrzehnten zuvor allenfalls stundenweise aushalten konnte, nach und durch Finnland zu kutschieren, um Bruder Alex zu besuchen, blieb Bernd Gieseking im Verlauf der Lesung aus seinem Reisebuch schuldig.

Alle anderen Rätsel bis zur Lösung der Frage, warum sich sein zehn Jahre jüngerer Bruder auf einem Rockabilly-Festival in Spanien in die Finnin Bibi verliebte und mit ihr in Lahti heimisch wurde, löste Gieseking im Verlauf des Abends zuverlässig auf: Zwischen den Ostwestfalen und den Finnen besteht eine Seelenverwandtschaft, insofern führen Alex und Bibi eine barrierefreie Beziehung.

Die Eltern hatten schon mit ganz anderen Hürden zu kämpfen. Unter dem Eindruck der Aalto-Kirche in Lahti, deren ansteigender Weg den Brautpaaren deutlich machen soll, dass es ab jetzt anstrengender werden kann, kommt Mutter Ilse im Rückblick zu einem anderen Ergebnis: „Da hätte man mir eine Leiter hinstellen müssen, um mir klar zu werden, was da auf mich zukommt“, meint sie im Rückblick auf über 50 Jahre Ehe. Die heftigen Kommentare der beiden Eltern, die nicht direkt miteinander reden können, aber nie um ein offenes Wort verlegen sind, gibt der Reise durch das Land der 1000 Seen und zu sich selbst zusätzliche Würze. Durch die vertrauten familiären Größen aus dem satirischen Jahresrückblick und ihre Eigenheiten potenzierte sich auch die Zahl der möglichen Reibungspunkte beim Zusammenprall zweier Kulturen, auch wenn sich die Menschen jenseits der Differenzen gar nicht so unähnlich sind wie der Satiriker und Reiseschriftsteller im Verlauf seines Sommergastspiels an vertrauter Wirkungsstätte ausführte.

„Meine Seele hätte hier nie wieder fort gewollt“, lautete das Fazit der Reise. Bernd Gieseking wird schon sechs Wochen nach dem Korbacher Termin zur zweiten Finnlandreise aufbrechen und zur Vorbereitung seines Beitrags zur Buchmesse 2014 mit dem Gastland Finnland einmal die Außengrenzen abfahren. Mit ersten Impressionen ist wohl auch beim satirischen Jahresrückblick 2013 zu rechnen, der wieder in der Stadthalle über die Bühne gehen wird. (ahi)

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