Helfer werkeln an Kulissen der Freilichtbühne · Saure behält Überblick

Vor dem Schauspiel steht der Baustil

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Hochsaison vor der Saison. Die Kulissenbauer (v.l.) Elke Barlozek, Werner Schwarz, Günter Heck, Ellen Rauhut, Horst Lessing und Klaus-Jürgen Saure sind die Maskenbildner für die Bühne.

Korbach - Baustelle statt Schaustelle. Es wird derzeit viel gebohrt, gehämmert, geschraubt und gepinselt auf der Freilichtbühne in Korbach. Die Kulissen für die Stücke „Feuerzangenbowle“ und „Nora Drachenjägerin“ müssen bis zu den Premieren (beide am 16. Juni) fertig sein.

Alt und Jung werkeln an diesem Samstagmorgen Hand in Hand. Auf der linken Bühnenseite streichen die neunjährige Leonie Grebe (Hauptdarstellerin im Kinderstück „Nora Drachenbezwingerin“) und ihre Mutter Silke die Hauswandkulisse weiß an, in der Mitte schraubt der Jugendliche Luis Lessing (18) Treppenstufen fest, und rechts arbeitet sein Großvater Horst Lessing (76) mit der Bohrmaschine. Und dazwischen wuseln noch mehr Menschen auf der Bühne herum, jeder ist handwerklich beschäftigt, jeder kennt seine Aufgabe, und keiner lässt hier den Chef raushängen.

Dennoch hält einer die Zügel locker in der Hand: Klaus-Jürgen Saure, Schreinermeister aus Meineringhausen, weiß, dass die Kunst des Bühnenbaus in Korbach vor allem darin besteht, eine Kulisse zu schaffen, die ohne großen Umbauaufwand für beide Stücke verwendet werden kann. Er führt daher zu Beginn seiner Arbeit mit den Regisseuren ein Gespräch, in dem vor allem eine Frage beantwortet werden sollte: Wie viel Rücksicht kann beim Bühnenbild der eine auf den anderen nehmen? Ist das geklärt, kann Saure loslegen und seinen Ideen fast freien Lauf lassen, denn die werden von den Kosten und dem Nichtmachbaren eingeschränkt. Ein Bühnenbauer muss sich einer Arbeitsvorgabe unterwerfen: Aus alt mach neu.

Regen ist Gift für die Bühne

Saure sitzt in einer Zuschauerreihe und schaut sich das neue, aber noch unvollständige Bühnenwerk an, und das ist für ihn so, wie für andere Fotoalben anschauen. Sofort erinnern ihn einige der Sperrholzteile an andere Aufführungen: „Der Torbogen links stammt noch von ‚Momo‘ und die Wand direkt daneben, da ist das Gelb vom Stück ,Haus in Montevideo‘ zu sehen.“ Er könnte noch viele Geschichten über dieses angemalte Sperrholz auf der Bühne erzählen …

Die Kulissenteile würden zwar gehegt und gepflegt, betont der Schreiner, dennoch müssen pro Saison rund 1000 bis 2000 Euro für neues Material ausgegeben werden. „Wenn wir eine verregnete Saison haben, geht schon einiges kaputt“, erklärt Saure, der für sein Freizeitvergnügen „Freilichtbühne“ zahlreiche Stunden im Jahr investiert und für dieses Hobby auch die Maschinen in seiner Werkstatt nutzt.

Weiter Weg zum Lager

Der Verein nimmt auch Materialspenden an. „Wir können vor allem Farben gut gebrauchen.“ Die fünf Freilichtbühnen in der Region in Twiste, Hallenberg, Korbach, Niederelsungen und Merxhausen helfen sich gegenseitig und leihen sich auch schon mal Kulissenteile oder Requisiten aus. Das ist gut für den Kassenbestand.

Wenn der Schreinermeister Saure einen Wunsch frei hätte, würde er sich ein kleines Lagerhaus hinter der Bühne wünschen. Derzeit hat der Verein für die Kulissenteile eine Scheune auf einem Hof am Melm zwischen Korbach und Meineringhausen angemietet. „Der Weg dorthin ist schon weit“, sagt Saure, „wenn wir mit dem Aufbau anfangen, müssen wir rund zehnmal hin- und herfahren, um alle Teile zur Bühne zu bringen.“ Feste Bestandteile auf der Bühne, wie etwa das Steinhaus in Twiste, lehnt der 54-Jährige aber auch ab: „Gegenüber diesen Bühnen haben wir in Korbach viel mehr Freiheiten, ein Bühnenbild zu entwickeln, und das möchte ich auch nicht missen.“ Für dieses Ziel muss ein Bühnenbauer zumindest anfangs oft die Proben anschauen, denn erst hier werden die genauen Auftritts- und Abgangswege der Schauspieler deutlich. Es folgen dann Absprachen mit der Technik.

Ein Raunen als Dankeschön

Saure weiß, dass der Applaus der Zuschauer nicht nur für die Schauspieler gedacht ist, sondern indirekt auch für alle, die hinter den Kulissen der Freilichtbühne arbeiten und dadurch überhaupt erst eine Aufführung möglich machen. Dennoch ist er manchmal schon ein wenig neidisch auf die Darsteller, weil sie den Applaus direkter bekommen. „Über uns reden die wenigsten.“ Dennoch holen sich der Schreinermeister und seine rund 30 Bühnen-bauhelfer vom Publikum ihren eigenen Applaus, der sich allerdings anders anhört als ein Händeklatschen: Da reicht schon ein freudiges und erstauntes „Oh“ und „Ah“ oder einfach ein Raunen im Publikum, wenn die Kulisse sich verändert oder eine Figur auf der Bühne auftaucht, die von Saure & Co. im Outfit wunderbar in Szene gesetzt wird. „Es tut gut, wenn solche Reaktionen von den Zuschauern kommen, und es ist wichtig, immer wieder für Überraschungsmomente auf der Bühne zu sorgen“, sagt Saure.

Zu seinen Lieblingsarbeiten zählen die Sphinxen, die Schildkröte Morla und die Rennschnecke aus der „Unendlichen Geschichte oder das Amphitheater auf drei Ebenen bei „Momo“. Auch für die kommenden Aufführungen haben sich Saure und seine Bühnenbauer eine Überraschung für die Zuschauer einfallen lassen. Und die hat eine Ah-und-Oh-Garantie. (rsm)

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