Korbach

Ein Schauspieler im richtigen Leben

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- Korbach (rsm). Er ist gewiss nicht auf den Mund gefallen, aber auf einer Bühne fällt Ernst Paul das Reden schwer. Der Korbacher wollte kein Schauspieler sein, aber für Schauspieler da sein. Und für seine ernste Rolle als Vereinsvorsitzender der Freilichtbühne (1982 bis 2003) erhielt der 71-Jährige nicht nur von Vereinsmitgliedern großen Applaus.

Theater ist mehr als nur ein Spiel, sondern dahinter verbirgt sich auch wirtschaftlicher Ernst. Wenn die Zahlen am Saisonende nicht stimmen, wird auch die größte künstlerische Leistung auf der Bühne schnell wertlos. Das wusste Paul und der rational denkende Rathaus-Beamte kam den mimischen Freigeistern der Freilichtbühne damals gerade recht, auch wenn diese das nicht sofort einsahen.

Ein personeller Engpass hatte Paul in den Schießhagen gelotst. Sein Arbeitskollege Horst Becker fragte ihn 1977, ob er nicht die Rolle eines Handwerksmeisters im Stück „Die Bürger“ spielen wolle. „Die Gruppe war ein kleiner Haufen von 15 bis 20 Leuten. „Ich musste damals eine halbe Flasche Schnaps trinken, bevor ich mich auf die Bühne getraut habe“, erinnert sich Paul. Der ordnungsliebende Beamte traf in der Darstellerszene auf jede Menge Unordnung. „Ich habe viel rumgemeckert, mich hat geärgert, dass hier jeder seinen Mist stehen und liegen ließ und keiner Rücksicht nahm auf die Kostüme, die auch überall herumlagen. Und weil ich so viel gemeckert habe, wurde ich 1982 zum Vorsitzenden gekürt. Bumm, hatte ich den Laden am Hals“, sagt Paul und muss darüber lauthals lachen.

Der Mann sprüht geradezu vor Erzählfreude aus alten Theatertagen und man hört heraus, dass er mit Leib und Seele Vorsitzender dieses Vereins gewesen ist. Aber nichts ist zu sehen oder gar zu hören von einem ungeduldigen, schnell aufbrausenden, ja sogar cholerischen Menschen, wie ihn einige seiner Freilichtbühnenmitstreiter beschreiben. Ernst Paul ist ruhiger geworden – auch ärztlich verordnet ruhiger geworden. Er soll wegen gesundheitlicher Probleme Aufregung vermeiden.

Als 1982 die Epoche Paul begann, trennten sich die rechtlichen Wege der Schützengilde und der Freilichtbühne. Aus der Festspielgruppe der Schützengilde entstand der Verein Freilichtbühne Korbach. „Das war eine der wichtigsten Entscheidungen in der Freilichtbühnengeschichte“, sagt der 71-Jährige. Er wollte aus diesem kleinen Erwachsenenspielkreis einen großen Familienverein machen. „Ich spürte damals eine Lethargie und Stagnation bei allen Beteiligten. So konnten wir nicht weitermachen. Auch diese altmodischen Schinken wie ‚Die Padberger Fehde‘ oder ‚Die Bürger‘ wollte doch keiner mehr sehen.“

Paul geht heute noch zu den Premieren in den Schießhagen, hält sich aber mit Kritik bewusst zurück. In den künstlerischen Bereich habe er sich bis auf eine Ausnahme nie eingemischt, sagt er. „Die ‚Jedermann‘-Aufführung 1988 vor der Kilianskirche wollte ich unbedingt haben.“ Paul hat aber im wirtschaftlichen Bereich künstlerisch agiert. Darauf weisen Aussagen von Horst Beckers Ehefrau hin, die hin und wieder die Briefe für den Verein geschrieben hat. Sie soll ihrem Mann folgenden Satz gesagt haben: „Wenn der Ernst (Paul) mir einen Brief diktiert, muss ich immer einen Wassereimer unter den Schreibtisch stellen, weil die Schreiben immer triefen vor Tränen der Rührung.“ Paul gibt zu, dass er immer gut auf die Tränendrüse drücken konnte, und er habe bei der einen oder anderen Fördergeldverhandlung der Gegenseite auch schon mal etwas vorgespielt. Dieser Mann war schon im richtigen Verein. Paul war zwar kein Schauspieler für die Bühne, aber manchmal einer für das richtige Leben. Die Freilichtbühne beendet an diesem Wochenende die Saison 2011: Die letzten Vorstellungen der „Unendlichen Geschichte“ werden am Samstag (15.30 Uhr) und Sonntag (14 Uhr) aufgeführt. Das Finale des Stücks „Sommernachtstraum“ läuft am Samstag (20 Uhr) und am Sonntag (18 Uhr).

Mehr lesen Sie in der WLZ vom Samstag, 20. August.

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